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Die Angst vor einem zweiten Fukushima

Kiyo Dörrer jmw
11. März 2019

Acht Jahre nach der Reaktor-Katastrophe in Fukushima will die japanische Betreiberfirma Tepco ganz in der Nähe ein Kernkraftwerk wieder in Betrieb nehmen. Doch die Anwohner sorgen sich vor einem erneuten Unglück.

Japan Kashiwazaki-Kariwa
Bild: DW/K. Dörrer

Jahrzehnte lang galt in Japan Atomkraft als perfekte Lösung: für den Energiedurst des Landes genauso wie für die Stärkung der Wirtschaft in den strukturschwächeren Gebieten außerhalb der Metropolen. Auch die verschlafene Stadt Kashiwazaki setzte lange voll auf Atomkraft. Das hier gelegene Kashiwazaki-Kariwa-Atomkraftwerk wird von der Firma Tepco betrieben - vom selben Unternehmen, das auch für das Kraftwerk in Fukushima verantwortlich ist, in dem es vor acht Jahren zur schlimmsten Atomkatastrophe seit Tschernobyl kam.

2011 löste ein Erdbeben einen Tsunami aus, in dessen Folge es im Kraftwerk Fukushima zu einem Stromausfall kam, bis schließlich in einigen Reaktoren die Kernschmelze einsetzte und radioaktive Strahlung austrat. Rund 160.000 Anwohner mussten damals vor dem Super-Gau fliehen.

Kritik an Tepco

Das Kashiwazaki-Kariwa-Atomkraftwerk - immerhin das größte der Welt - kann in voller Auslastung 16 Millionen Haushalte mit Strom versorgen. Neben den zwei Kraftwerken in Fukushima ist es Tepcos einziges AKW. Aber seit 2012 sind alle sieben Reaktoren vom Netz - noch.

Arbeiter im Inneren von Reaktor 7, der für den Neustart vorbereitet wirdBild: DW/K. Dörrer

In der Vergangenheit stand Tepco wiederholt wegen Fahrlässigkeit in der Kritik, musste den betroffenen Anwohnern wegen der Fukushima-Katastrophe Entschädigung zahlen. Die Sanierung des Kraftwerks zieht sich jedoch bis heute hin. Acht Jahre nach der Katastrophe ist noch immer nicht restlos geklärt, wie genau es zu dem Unfall kommen konnte.

Gleiche Reaktoren, gleiches Risiko?

Inmitten dieser Lage gab die japanische Behörde für nukleare Regulierung im Jahr 2017 grünes Licht für den Neustart zweier Reaktoren in Kashiwazaki. Sie seien sicher. Das Kraftwerk befindet sich nur rund 300 Kilometer entfernt von der Anlage in Fukushima, an der Küste des Japanischen Meeres. Die beiden Reaktoren, die für einen Neustart vorbereitet werden, sind vom selben Typ wie die Reaktoren in Fukushima, in der die Kernschmelze stattfand.

Toshimitsu Tamai vor der 15 Meter hohen Mauer, die die Anlage vor Tsunamis schützen sollBild: DW/K. Dörrer

Aber: Dieses Mal werde alles anders sein, versichert der stellvertretende Leiter des Kashiwazaki-Kariwa-Werks, Toshimitsu Tamai. Immerhin habe Tepco eine 15 Meter hohe Mauer um die Anlage gebaut, die den höchsten Tsunamis trotzen soll. Zudem wurden die Reaktorgebäude verstärkt und Filter installiert, die laut Tepco bei einer Kernschmelze nur bis zu 2 Prozent der radioaktiven Stoffe hinauslassen würden. Zwei Teiche dienten zudem als Kühlwasserspeicher, sollte es erneut zu einer Katastrophe kommen. Darüber hinaus stehe eine Flotte Diesel-Generatoren bereit, um im Notfall das 4,2 Quadratkilometer große Areal mit Strom zu versorgen.

Tepco braucht Einnahmen

In den Augen von Toshimitsu Tamai ist der Neustart nicht nur notwendig, sondern auch eine Win-Win-Situation. "Wir müssen die Verantwortung für Fukushima übernehmen", sagt Tamai. "Dazu gehört, Einnahmen zu generieren, um die Anlage in Fukushima endgültig stilllegen zu können". Und das kostet: Die japanische Regierung schätzt die benötigte Gesamtsumme für Aufräumarbeiten und Entschädigungszahlungen in Fukushima auf 22 Billionen Yen (fast 200 Milliarden US-Dollar). Experten des Japan Center for Economic Research gehen eher von 70 Billionen Yen aus.

Die Region rund um die Anlage braucht dringend wirtschaftlichen AufschwungBild: DW/K. Dörrer

Tepco sieht den Neustart aber auch als notwendigen Schritt hin zu einer vom Ausland unabhängigeren Energiepolitik, womit das Unternehmen auch zur nationalen Sicherheit Japans beitrage. Zudem sollen die Einheimischen profitieren: Das Kraftwerk beschäftigt schon jetzt mehr als 6000 Arbeiter, 60 Prozent davon seien Anwohner aus der unmittelbaren Umgebung. Durch den Betrieb der beiden Reaktoren würden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, die der lokalen Wirtschaft den dringend benötigten Auftrieb geben würden, so Tepco.

Die Bürger sind skeptisch

Doch nicht alle Anwohner kaufen dem Unternehmen diese Argumentation ab. Das Versprechen eines Wirtschaftsaufschwungs klingt hohl in den fast verlassenen Einkaufsstraßen der Umgebung, in der viele Läden leer stehen. Wie viele andere Städte auf dem Land hat auch Kashiwazaki mit einer alternden Bevölkerung und einer steigenden Landflucht zu kämpfen - ein Trend, den auch kein erneut hochfahrendes Atomkraftwerk ändern kann.

Im vergangenen Jahr sprachen sich in einer Umfrage mehr als 60 Prozent der Einwohner der Präfektur Nigata, in der Kashiwazaki liegt, gegen den Neustart des Kernkraftwerks aus. Die Anwohner sorgen sich um die Sicherheit, immerhin gab es während der Vorbereitungen zur Wiederinbetriebnahme mehrere Pannen. Zuletzt trat am 28. Februar radioaktives Wasser in einem der Reaktorgebäude aus. Erst im November hatten defekte Kabel, die einen der Reaktoren mit Notstrom versorgten, einen Brand ausgelöst. 

Anti-Atomkraft-Aktivist Kazuyuki Takemoto vor der Kashiwazaki-Kariwa-AnlageBild: DW/K. Dörrer

"Um ehrlich zu sein, wir denken einfach: nicht noch einmal! Sie machen einen Schritt vorwärts, und drei Schritte zurück", sagt Tsutomu Oribe, der ein Sushi-Restaurant in Kashiwazaki betreibt. "Wir haben alle nur zu gut gelernt, was passieren kann." Ähnlich sieht es Kazuyuki Takemoto. Er ist pensionierter Stadtrat und Anti-Atom-Aktivist: "Ich denke nicht, dass irgendjemand Tepco den Neustart eines Atomkraftwerks anvertrauen sollte, solange das Unternehmen selbst nicht weiß, was genau in Fukushima passiert ist."

"Tepco behandelt Symptome"

Der ehemalige Tepco-Ingenieur Toru Hasuike kann diese Bedenken nur bestätigen. "Wenn sich der Tsunami, der Fukushima getroffen hat, exakt so wiederholt, dann glaube ich, dass in Kashiwazaki-Kariwa ein Zusammenbruch verhindert werden könnte", so Hasuike. "Aber so funktioniert die Natur nicht. Tepco behandelt lediglich die Symptome."

Die Behörde für nukleare Regulierung wies bereits darauf hin, dass die Flutmauern nicht tief genug im Boden steckten. Sollte es zu einem Erdbeben kommen, könnte der Boden wegrutschen und die Mauern einstürzen. "Das ist ein sehr spezifisches Problem von Kashiwazaki", betont Anti-Atom-Aktivist Takemoto. "Ein Kraftwerk in solch einem Gebiet zu bauen, war von Anfang an ein Fehler."

Das Gebiet, in dem das Kraftwerk liegt, gilt als unsicherBild: DW/K. Dörrer

Dabei ist die Wahrscheinlichkeit eines großen Bebens in der Region hoch. 2007 erschütterte ein Erdstoß der Stärke 6,8 das Gebiet und löste einen Brand außerhalb einer der Reaktoren aus. Drei weitere mussten anschließend dauerhaft geschlossen werden.

Japan will die Atomenergie

Trotzdem: Während zahlreiche andere Industrienationen, darunter auch Deutschland, die Produktion von Kernenergie zurückfahren, ist die Rückkehr zur Atomkraft für die japanische Regierung eine Aufgabe von höchster Priorität. Nach der Katastrophe von Fukushima wurden alle Reaktoren in Japan stillgelegt. Mittlerweile sind wieder neun von Dutzenden Anlagen in Betrieb. Im vergangenen Jahr präsentierte Premierminister Shinzo Abe einen Plan, der vorsieht, bis zum Jahr 2030 wieder mindestens 20 Prozent der Energie des Landes aus Atomkraft zu generieren. Im Moment sind es lediglich zwei Prozent. Ob bald auch Kashiwazaki-Kariwa einen Anteil am Atomstrom liefern wird, liegt jetzt in den Händen der Lokalpolitiker. Im April stehen in der betroffenen Präfektur Niigata Regionalwahlen an.

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