"Die Armut ist der Grund für Konflikte"
18. Oktober 2002Köln, 18.10.2002, DW-radio / Russisch
Am 17. Oktober wird in vielen Ländern der Welt der von der UNO verkündete Internationale Tag der Armutsbekämpfung begangen. UN-Generalsekretär Kofi Annan betont in einer Erklärung, dass die Erfolge, die bei der Armutsbekämpfung von einigen Staaten erzielt worden seien, keineswegs das Problem im globalen Maßstab lösen. Es ist symbolisch, dass Kofi Annan an diesem Tag seine Reise durch Zentralasien fortsetzt. Die Länder dieser Region zählen zu den ärmsten auf dem Kontinent. Darüber, welches Bild sich dem UN-Generalsekretär in Almaty bot, berichtet Jewgenija Wyschemirskaja:
Die Armut ist für Kasachstan ein aktuelles Thema, da etwa ein Drittel der Bevölkerung über Einkommen verfügt, die unter dem Existenzminimum liegen. Offiziell liegt die Armutsgrenze in Kasachstan bei 40 Prozent des Existenzminimums – umgerechnet 12,5 Euro. Anfang dieses Jahres ist in der Republik ein neues Gesetz über die staatliche Sozialhilfe in Kraft getreten. Bis jetzt ist jedoch das Verfahren nicht festgelegt worden und niemand hat bisher eine konkrete Hilfe erhalten. In diesem Frühjahr sind bei fast einem Drittel der zum Wehrdienst einberufenen Männer Mangelerscheinungen festgestellt worden. Auch die Anzahl der an Tuberkulose erkrankten Menschen steigt. Ein Fünftel aller Säuglinge wird mit Krankheiten geboren, die zu einer Behinderung führen. In den zehn Jahren der Unabhängigkeit hat die Anzahl der Kinder, die in ihrer Entwicklung zurückbleiben, um das 22fache zugenommen. Die Mediziner sind sich einig: der Grund dafür ist der Rückgang des Lebensstandards.
In Turkmenistan sieht es nicht besser aus. Das dortige totalitäre Regime präsentiert der gesamten Welt gerne seine wirtschaftlichen Errungenschaften. Es berichtet Wiktorija Rodionowa:
Mehr als die Hälfte der turkmenischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze und schlägt sich mit Brot und Tee durch. Besonders kritisch ist dieses Problem in den Bezirkszentren, wo es praktisch unmöglich ist, eine Arbeit zu finden. Die großen staatlichen Unternehmen stehen still, die Kolchosen und Sowchosen sind verfallen und der Privatsektor befindet sich in einem Anfangsstadium. Nur Zweige der Volkswirtschaft, die vom Staat finanziert werden, arbeiten noch: der Gesundheitsschutz, die Bildung, die kommunalen Dienste und die Rechtsschutzorgane. Aber auch in diesen Bereichen wird in großem Umfang Personal abgebaut. Allein im vergangenen Jahr wurden gemäß einer Verordnung des Staatsoberhaupts 10 000 Lehrer und 11 000 Ärzte entlassen. Unter diesen Bedingungen sind diejenigen, die eine Beschäftigung haben, sehr bemüht, ihren Arbeitsplatz zu behalten. Das führt dazu, dass sie bereit sind, alle Erniedrigungen und alle Verstöße gegen ihre Rechte hinzunehmen. Der Durchschnittslohn beträgt im Lande umgerechnet 20 US-Dollar, was äußerst wenig ist, vor allem für die traditionell kinderreichen turkmenischen Familien.
Im Gegensatz zu dem verrufenen turkmenischen Nijasow-Regime galt bis zu den tragischen Ereignissen im Bezirk Aksy vom Frühjahr dieses Jahres der kirgisische Präsident Askar Akajew als "Musterdemokrat" Zentralasiens. Es berichtet Saida Jusupchanowa:
"Die Armut ist der Grund für Konflikte", sagte Askar Akajew auf dem jüngsten Treffen der Geberländer. Er appellierte an westliche Investoren, Kirgisistan weitere Kredite zu gewähren. Bislang haben verschiedene internationale Finanzorganisationen Kirgisistan fast zwei Milliarden US-Dollar zur Bekämpfung der Armut bereitgestellt. Zurzeit leben in Kirgisistan fast 80 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Reale Hilfen kommen nur von ausländischen Organisationen. Beispielsweise wird im Rahmen eines Projekts zur Armutsbekämpfung des UN-Entwicklungsprogramms einigen Dutzend Dörfern in der Republik geholfen. Aber es gibt so viele Arme, dass dies das Gesamtbild der Armut nicht ändert. Unter der derzeitigen Lage leiden vor allem Rentner und die Landbevölkerung. Alte Menschen müssen im Monat mit umgerechnet zehn US-Dollar auskommen. Das ist drei Mal weniger als das Existenzminimum. Die niedrigen Renten werden mit der hohen Arbeitslosigkeit begründet. Noch vor zehn Jahren kamen auf einen Rentner neun beschäftige Bürger. Jetzt müssen drei Arbeiter einen Rentner ernähren. Die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der kirgisischen Bevölkerung in Armut lebt, fördert unter anderem die Verbreitung religiöser Ideen durch Extremisten, die versuchen, vor allem arbeitslose Bürger für sich zu gewinnen. In jüngster Zeit begannen Mitglieder der Partei "Hisb-ut-Tahrir" auch Frauen anzuwerben, die den größten Teil der Arbeitslosen ausmachen.
Ähnlich ist die Lage in Tadschikistan. Dieses Land muss dazu die Folgen des blutigen Bürgerkriegs der 90er Jahre überwinden. Es berichtet Nigora Buchari-sade:
Nach Angaben von UNO-Experten leben 80 Prozent der Bevölkerung des Landes unterhalb der Armutsgrenze. Im vergangenen Jahrzehnt ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung um das Dreifache zurückgegangen. Der Wiederaufbau der vom Bürgerkrieg zerstörten Volkswirtschaft läuft schleppend. Nur langsam wachsen die Einkommen der Tadschiken, wobei die Landbevölkerung im Vergleich zur Stadtbevölkerung um ein Vielfaches weniger verdient. Die Landbevölkerung stellt 70 Prozent der Gesamtbevölkerung Tadschikistans und die Löhne der Arbeiter in der Agrarindustrie betragen umgerechnet fünf US-Dollar.
In Usbekistan, einem Land, das sich als regionaler Führer betrachtet, beträgt der durchschnittliche Monatslohn etwa umgerechnet 20 US-Dollar. Ein Kilogramm Butter oder des günstigsten Käses kostet dort etwa umgerechnet 2,50 US-Dollar. Der stellvertretende usbekische Finanzminister Batyr Alimuhamedow sagte in einem Gespräch mit der Deutschen Welle, in Usbekistan sei bislang offiziell keine Armutsgrenze festgelegt worden und die Erlasse des Präsidenten über die Anhebung der Löhne seien lediglich Empfehlungen. (...) (MO)