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Die Attraktion der Spiele

15. August 2016

Wer sich ein Ticket für ein 100-Meter-Finale kauft, erhält dafür eine gute, wenn auch nicht mehr ganz neue Show, beobachtet Joscha Weber in Rio. Fast noch stärker als Bolts Rennen ist aber seine Botschaft.

Brasilien Olympische Spiele in Rio - Sprinter Usain Bolt
Bild: Getty Images/C. Spencer

Und dann erscheint er. Mit weit ausgebreiteten Armen betritt er die Arena und erinnert dabei - vielleicht nicht ganz zufällig - an Cristo Redentor. Seine Spannweite wirkt in diesem Moment, den Kameras von allen Seiten einfangen, ebenso groß wie die von Rios Wahrzeichen. Usain Bolt geht federnden Schrittes Richtung Tartanbahn. Er grüßt in die Menge, der Jubel wird immer lauter, das ganze Olympiastadion scheint zu stehen. Bolt tänzelt, lächelt. Alles an ihm strahlt Zuversicht aus. Keine Spur des Zweifels. Seine Oberschenkel-Zerrung, die ihn bei der nationalen Olympia-Ausscheidung Jamaikas Mitte Juli noch ausgebremst hatte, scheint kein Thema mehr. Bolt ist fit, sagt seine unverwechselbare Körpersprache. Aber ist er auch schon wieder in Goldform?

Rekord in Rio: Usain Bolt gewinnt wieder Gold

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Arroganz oder Psychowaffe?

Ein erstes Indiz liefert kurz zuvor das Halbfinale. Im zweiten Lauf ist Bolt dran, läuft locker die schnellste Zeit der Vorschlussrunde, trudelt auf den letzten Metern aus, wie er es oft macht. Ein gezielt eingesetzter Psychotrick in Richtung Konkurrenz: Seht her, das ist wie im Training für mich. Manche haben ihm dies während seiner Karriere als Arroganz ausgelegt. Sicher ein Stück weit zu Recht. Aber vor allem versteht Bolt sein Handwerk. Und in einer Disziplin, in der Psyche nach sportwissenschaftlichen Erkenntnissen ein entscheidender Anteil zukommt, sind solche Spielchen durchaus wirkungsvoll.

Schon beim Warmlaufen vor dem Finale wird Usain Bolt gefeiert als hätte er das Rennen schon gewonnen. Er fordert das Publikum auf, ihn zu unterstützen, peitscht die Menschen mit animierenden Gesten auf. Kein Zweifel: Dies ist sein Spiel, er beherrscht es in jeder Hinsicht. Sekunden vor dem Start flirtet er noch ein bisschen mit der Kamera, auch das kennen wir. Alles Teil der Show. "Die Menge liebt diese Energie, die Leuten wollen das. Sie wollen mittendrin sein", wird Bolt später wissend sagen und ist plötzlich mehr Analyst als Clown.

Knapper als gewohnt: Usain Bolt läuft einen sicheren Sieg ein, aber er ist nicht mehr um Längen vorausBild: Reuters/K. Pfaffenbach

Der Turbo zündet nicht ganz mehr wie früher

Dann wird es ruhig im Olympiastadion, das wieder nicht vollständig ausverkauft ist, nicht einmal an diesem Abend. Der Startschuss durchbricht die Stille, die Menge johlt und Bolt startet schlecht - wie immer. Aber mit seinen langen Schritten macht er Meter um Meter auf die Konkurrenz gut, arbeitet sich heran. Bei 50 Metern liegt er bereits auf Rang zwei, der US-amerikanische Routinier Justin Gatlin liegt immer noch vor ihm. Jetzt kommt für gewöhnlich sein Turbo, mit dem er alle anderen einfach stehen lässt. Doch der zündet nicht richtig. Bolt arbeitet sich mit jedem Meter ein Stück näher an Gatlin, erst auf den letzten 15 Metern setzt er sich knapp vom zweifach überführten Doping-Sünder aus den USA ab. Diesmal kann er nicht austrudeln, er muss durchziehen. Auf der Ziellinie beginnt er aber bereits zu jubeln. Er gewinnt, selbstverständlich

Jeder will sein Autogramm, jeder will sein wie er - aber geht das überhaupt?Bild: Getty Images/AFP/J. Pachoud

"Alles andere wäre eine Enttäuschung gewesen", so Bolt und präzisiert: "alles andere als drei Goldmedaillen hier in Rio wäre eine Enttäuschung", sagt er und nimmt damit bereits die 200-Meter-Distanz sowie die Staffel ins Visier. Mit knapp 30 Jahren ist er immer noch das Maß der Dinge im Sprint, auch wenn seine Siegerzeit diesmal nicht beeindruckt: 9,81 Sekunden, deutlich über seinem Fabelrekord von 9,58 Sekunden, die er spielerisch leicht 2009 in Berlin lief. Dafür gibt es einen guten Grund: Das Halbfinale wird diesmal von den Veranstaltern ungewöhnlich nah an das Finale gelegt und die kurze Pause ist nicht gut für die Beine, so Bolt. "Mein Start war nicht so gut, ich habe mich etwas tot gefühlt. Es fehlte mir Zeit zur Erholung, besonders jetzt, da ich älter werde." Möglicherweise nagt selbst am Wunderathleten Bolt langsam der Zahn der Zeit und eben der Verschleiß.

"Du musst alles geben"

Es sind wohl seine letzten olympischen Spiele und auch deshalb genießt er diesen Moment in vollen Zügen. Jubelnd absolviert er eine komplette Stadionrunde, nimmt dabei ein Olympia-Maskottchen mit (was die Marketingabteilung der Spiele freuen dürfte), setzt sich eine Kappe auf und geht dann Händeschütteln. Alle wollen ihn anfassen, diesen unglaublichen Menschen, der so schnell ist wie kein anderer. Alle wollen sein wie er.

Aber geht das überhaupt? Können die Menschen so werden wie er, das ultimative sportliche Vorbild? Bolt überlegt kurz und beginnt dann ungewohnt bescheiden. "Es ist eine Ehre, die Menschen zu inspirieren", sagt er und fährt fort: "Du brauchst den Willen, die Bereitschaft. Du musst alles geben, dein Bestes, und hart an Dir arbeiten. Wenn Du das tust, erreichst Du deine Ziele und verschiebst deine Grenzen", sagt Bolt und auch das gehört wohl zur großen Show dazu. Natürlich ist er einmalig, genetisch gesegnet, nicht zu kopieren - egal, wie hart man an sich arbeitet. Aber seine Botschaft glauben viele. Und das zählt. Dann steht er auf und wieder wollen alle ein Foto mit ihm. Wie überall, wo er hinkommt. Usain Bolt ist eine Attraktion, eben wie Cristo Redentor.

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