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Die Bühne lebt

Aya Bach8. Mai 2014

Drei Generationen, drei Philosophien: Das 51. Theatertreffen zeigt, wie man Klassiker verzaubert, Depressionen in Installationen verwandelt und aus schweren Brocken berührendes Theater macht.

Sternförmige Neonröhren als Bühnenbild - Szene aus 'Onkel Wanja', Inszenierung Robert Borgmann beim Theatertreffen 2014 (Foto: Julian Röder)
Bild: Ostkreuz / Julian Röder

Grau sind sie, grau wie Staub, die Figuren in Heiner Müllers Revolutionsdrama "Zement". So grau wie die Wände, aus denen sie sich fast unmerklich herausschälen, als wären sie selbst ein Stück Materie: Aschfahle Gestalten, mal verführbare Masse, mal Steine werfender Mob, hin- und hergeworfen im Kräftezerren zwischen revolutionärer Utopie und ihrem Scheitern. "Zement" ist ein schweres, erdrückendes Stück des DDR-Dramatikers Heiner Müller, ein Diskurs über den Klassenkampf und den neuen Menschen. Angesiedelt in Russland um 1920/21, wo ein Schlosser aus dem Bürgerkrieg zurückkehrt zu seiner Frau. Ausgezehrt, aber getragen vom Willen, den Sozialismus aufzubauen. Ein Odysseus der Moderne, der im Kampf um die neue Gesellschaft auf eine neue Realität stößt: Alles verändert sich - auch die Liebe. Seine Frau ist Kämpferin geworden, hat die Rolle der Geliebten, der Mutter hinter sich gelassen.

Grau wie Zement - die Figuren in Dimiter Gotscheffs letzter InszenierungBild: Armin Smailovic

Zement für Sisyphos

In seinem radikal dialektischen Text von 1972 stellte Heiner Müller die Revolution auf den Prüfstand: Anhänger und Gegner kommen zu Wort. Doch ihr Diskurs wirkt heute wie aus der Zeit gefallen: Sind die Schlachten nicht alle längst geschlagen? Und, vor allem: Darf, soll, kann man so ein Stück heute noch inszenieren?

Man muss, lautete die Antwort von Regisseur Dimiter Gotscheff, der das Stück 2013, kurz vor seinem Tod, auf die Bühne des Münchner Residenztheaters brachte. Hatte schon Müller den politischen Stoff mit antiken Mythen verwoben, arbeitet sich nun der Schlosser wie ein Sisyphos an seinem ewig herabfallenden Zementblock ab: Zu schwer ist die revolutionäre Aufgabe, um jemals gestemmt zu werden. Gotscheff erzählt das Leiden seiner Figuren so bitter wie unerbittlich. Und gerade das macht die Inszenierung berührend - und wichtig. Drei Stunden lang ist ihr das Publikum ausgesetzt, und es gibt kein Entkommen: Die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, hat sich keineswegs erledigt, sie muss immer und immer wieder gestellt werden.

Endlos-Schleife des Leidens: Szene aus "Onkel Wanja"Bild: Ostkreuz / Julian Röder

Hochkultur-Verdacht?

Mit diesem Auftakt liegt die Messlatte hoch beim diesjährigen Theatertreffen (02.-18.05.2014): Wie immer sind zehn Inszenierungen eingeladen, die aus Sicht der Jury die "bemerkenswertesten" eines Jahrgangs im deutschsprachigen Theater sind. Gesichtet haben die Kritiker dafür immerhin 395 Inszenierungen in 71 Städten. Geblieben sind diesmal nur die ganz großen: Mit vier Produktionen hat München diesmal die Nase vorn; auch Stuttgart, Berlin, zweimal Zürich und Wien sind dabei. Schnell liegt da der Hochkultur-Verdacht nahe: Zeigt das Theatertreffen nur Gediegenes für ein großstädtisches Bürgertum? Gotscheffs sperriges Revolutionsstück zumindest spricht eine andere Sprache. Kaum anzunehmen, dass es sich die Münchner Kultur-Schickeria mit dieser "Zumutung" - so Jurymitglied Christoph Leibold - gemütlich macht.

Zeitlupe des Leidens

Nicht minder unbequem die Arbeit des jüngsten der eingeladenen Regisseure, Robert Borgmann, Jahrgang 1980. Aus Anton Tschechows depressiver Endzeitstimmung in "Onkel Wanja" macht er eher eine Installation als ein Theaterstück. Seine Hauptfigur: ein abgewrackter Volvo, der irgendwo im Nirgendwo vor sich hin kreist, eine Zeitlupe des Leidens am Leben, die den Seelenzustand des Tschechow'schen Personals symbolisieren soll. In endlosen Schleifen kurvt der Wagen herum unter Neonröhren, die dem Stück von Ende des 19. Jahrhunderts in unsere Gegenwart heimleuchten sollen. Doch es ist ein kaltes Licht, und so grell es auch scheint, die Qual der Menschen bleibt seltsam fern. Eine bewusst zerdehnte Produktion, die das Berliner Publikum in Buhrufer und Jubelspender teilte.

Doppelte Figuren, doppelte Bühne: Karin Henkels virtuoses VerwirrspielBild: Matthias Horn

Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Temporeich und turbulent dagegen die Zürcher "Amphitryon"-Adaption der 1970 geborenen Karin Henkel, die für die mittlere Regie-Generation steht. Wer ihr folgt, ist rettungslos verloren - in einem rasanten Verwirrspiel, das sich an Heinrich Kleist orientiert. Der hatte in seinem Drama Götter ins Rennen geschickt, die heimlich ins Leben der Menschen hineinpfuschen. Allen voran Zeus, der sich eine Liebesnacht mit Alkmene erschleicht, indem er sich in die Gestalt ihres geliebten Amphitryon verwandelt. Doch Karin Henkel verdoppelt, vervielfacht, splittet sämtliche Figuren des Stücks, bis ein multiples Sein oder Nichtsein entsteht. Virtuos schickt sie ihre Figuren in eine virtuelle Welt - aber was ist schon eine Figur? Anders gefragt: Wer bin ich und wenn ja, wie viele: Gott oder Dienstmädchen, Mensch oder Avatar, Frau, Mann oder beides? Rasant wechseln die Schauspieler Rollen und Kostüme, jeder ist alles - oder ist eher alles nichts?

Enthusiastisch gefeiert wurde dieser Abend, der jede Art von Identität in Frage stellt, ein funkelnder Kontrapunkt zu den so gegensätzlichen Leidensgeschichten. Drei Generationen, drei Philosophien: Solange das deutschsprachige Theater so unterschiedliche Ansätze produziert, darf man neugierig bleiben. Ein gelungener Auftakt für den Jahrgang 2014 des Theatertreffens.

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