Die CDU auf Erfolgskurs, der Konfliktpotential bleibt
18. Juni 2002
Jetzt geht der Blick geradeaus in Richtung Wahlsieg am 22. September. Und die CDU kann auf den ersten Blick mit Recht zufrieden sein. Bei den jüngsten Umfragewerten liegt sie vor der SPD und die Wahlkampfmannschaft der Union sorgt für positive Schlagzeilen. Dass Kanzler-Kandidat Edmund Stoiber politische Schwergewichte wie Wolfgang Schäuble und Lothar Späth für sein Kompetenz-Team gewinnen konnte, gilt gemeinhin als cleverer Schachzug.
Also alles eitel Sonnenschein? Nicht ganz! Die CDU muss sich vorsehen, denn kratzt man an ihrer Fassade aus Selbstzufriedenheit und Siegesgewissheit, kommt beträchtliches Konfliktpotential zum Vorschein.
Angefangen beim Kanzlerkandidaten der Union Edmund Stoiber. Der bayrische Ministerpräsident wird auf den Wahlplakaten des Parteitags beschrieben als "kantig, echt, erfolgreich". Ein Visionär war Stoiber nie, aber ein Mann mit Profil. Doch für die Kanzlerkandidatur wurde der "kantige" CSU-Chef in Watte gepackt, um nur ja nicht bei den Wählern außerhalb Bayerns anzuecken. Wer ist also der "echte" Stoiber? Was soll der Wähler glauben?
Bleiben wir bei den Personalien. Stichwort Kompetenz-Team. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wolfgang Schäuble und Lothar Späth sind verdiente Politiker. Aber sie sind auch Überbleibsel der Kohl-Ära. Zudem mit einer nicht unproblematischen Vergangenheit. Schäuble wurde ja in den Sumpf der Spenden-Affäre gezogen und Späth musste sein Amt als Ministerpräsident Baden-Württemberg nach einem Skandal um von Unternehmen finanzierte Urlaubsreisen niederlegen. Das richtige Signal an den Wähler für einen Neuanfang? Wohl kaum - trotz der hohen Sympathie-Werte, die beide Politiker bei Umfragen erzielen.
Die Personalien Späth und Schäuble zeigen auch wie dünn die Personal-Decke der Union ist. Wo sind sie - die Jungstars, die die Union zu neuen Ufern führen sollen? Um die beiden Hoffnungsträger, den Niedersachsen Christian Wulff und dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, ist es verdächtig still geworden. Es zeigt sich, dass die verbrannte Erde der "Nach-Kohl-Ära" noch nicht zur blühenden Landschaft geworden ist.
Und da ist noch der Alt-Star der CDU selbst: Helmut Kohl. In seiner Rede kein Wort der Entschuldigung für das Chaos, in dass er seine Partei führte, kein Wort der Selbstkritik. Sieht so eine ernstgemeinte Aussöhnung aus? Der Wille der Delegierten mit dem Altkanzler Frieden zu schließen, war jedenfalls stark genug, um darüber hinwegzugehen. Ob dies alles von Vorteil für die Union ist, bleibt mehr als fraglich. Und so lautet die versteckte Botschaft des Parteitags: Die CDU ist auf Erfolgskurs, befindet sich aber auf rutschigem Boden.