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GlaubeNahost

"Große Ehre": Erste Reise von Papst Leo geht in die Türkei

26. November 2025

Mit Spannung blicken Christen auf die erste Auslandsreise von Papst Leo XIV. Sie führt in die Türkei und den Libanon. Welche Akzente setzt Leo? Auch Muslime verfolgen seine Reise.

Eine Werbetafel über dichtem Straßenverkehr in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Im Hintergrund sind Hochhäuser zu sehen. Auf der Werbetafel ist ein großes Foto des Papstes zu sehen. Daneben wird hingewiesen auf die öffentliche Messe des Papstes am 2. Dezember um 10:30 Uhr vor Abschluss der Reise
In der libanesischen Hauptstadt Beirut weisen Werbetafeln auf den anstehenden Besuch von Papst Leo hinBild: Mohamed Azakir/REUTERS

Knapp sieben Monate nach seiner Wahl zum Papst tritt Leo XIV. seine erste Auslandsreise an. Sie führt ihn vom 27. bis 30. November in die Türkei, im Anschluss bis zum 2. Dezember in den Libanon.

Damit setzt das aus den USA stammende Oberhaupt der katholischen Kirche das internationale Engagement seiner Vorgänger fort. Heute gehöre die Reisetätigkeit ganz selbstverständlich zur Ausübung des Papstamts dazu und sei "kaum mehr wegzudenken", sagt der Augsburger Kirchenhistoriker und Papst-Experte Jörg Ernesti der DW.

Mit Spannung wird erwartet, welche Akzente Leo bei seiner ersten Reise setzt und wie er sich eventuell von seinen Vorgängern unterscheidet. In der Türkei will das katholische Kirchenoberhaupt die Hauptstadt Ankara und Istanbul besuchen. Zudem reist er ins gut 100 Kilometer südöstlich gelegene Iznik, in dem vor 1700 Jahren das erste Konzil aller Kirchen weltweit tagte.

Der Hafen von Beirut nach der verheerenden Explosion vom 4. August 2020 Bild: Fadel Itani/NurPhoto/picture alliance

Im Libanon stehen die Hauptstadt Beirut und mehrere kleine Wallfahrtsorte im Norden des Landes auf dem Programm. Leo wird zum Ende seiner Reise zu einem stillen Gebet im Hafen von Beirut verharren, an jener Stelle, an der im Sommer 2020 eine fürchterliche Explosion von Dünge- und Sprengmitteln ganze Stadtteile zerstörte, rund 200 Menschen tötete und das ganze Land erschütterte.

In der Türkei und dem Libanon lebten früher viele Christen

Eine Besonderheit verbindet beide Länder: Noch vor gut hundert Jahren stellten die Christen in beiden Ländern einen relevanten Teil der Bevölkerung. In der Türkei gehörte rund ein Drittel der Einwohner einer Kirche an, im Libanon sogar mehr als die Hälfte. Heute bekennen sich in der Türkei nicht einmal mehr ein Prozent der Menschen zum christlichen Glauben, im Libanon knapp 30 Prozent.

Die Türkei ist, sieht man von Italien ab, künftig das erste Land weltweit, das fünf Päpste zu Gast hatte. Das liegt auch daran, dass im asiatischen Teil der Türkei wichtige Traditionen der frühesten Geschichte des Christentums und mehrere der ersten christlichen Gemeinden verortet sind.

Ende November 1979: Papst Johannes Paul II. (Mi.) bei seinem Besuch in der TürkeiBild: Martin Athenstädt/dpa/picture alliance

In Istanbul, dem früheren Konstantinopel, hat bis heute das Ehrenoberhaupt der Orthdoxie seinen Sitz, derzeit der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios (85). Seine Kirche leidet seit Jahrzehnten unter Beschränkungen durch den türkischen Staat. Leo kommt - ebenso wie seine Vorgänger Johannes Paul II. (1979), Benedikt (2006) und Franziskus (2014) - ganz bewusst Ende November nach Istanbul. Am 30. November ist das Fest des Apostels Andreas, der für die Orthodoxie ähnlich bedeutsam ist wie der Apostel Petrus für westliche Christen.

"Eingeschränkte Religionsfreiheit"

In der Türkei herrscht nach Einschätzung des Kirchenhistorikers Ernesti "allenfalls eingeschränkte Religionsfreiheit". Das gelte vor allem für die griechisch-orthodoxe Kirche, die seit der Vertreibung der Griechen aus Konstantinopel und Kleinasien vor gut 100 Jahren "ziemlich dezimiert" sei. Der Ökumenische Patriarch sei eingeschränkt in seinem Wirken.

Seit über 50 Jahren ist nach einem staatlichen Dekret das orthodoxe Priesterseminar auf der Insel Chalki im Marmarameer nahe Istanbul geschlossen. Auch die katholische Kirche, so Ernesti, könne sich nicht frei betätigen.

Spannend sei der Besuch, weil die erste Reise dieses Papstes in ein muslimisch geprägtes und dominiertes Land führt. "Sehr viele Menschen in der islamisch geprägten Welt, gerade in der Türkei, fühlen sich geehrt, dass seine erste Auslandsreise ausgerechnet zu ihnen führt", sagt der Jesuit Felix Körner der DW. Dabei wüssten sie durchaus, "dass es nicht die erste Intention dieser Reise ist, unbedingt ein islamisch geprägtes Land zu besuchen. Trotzdem empfinden sie das als große Ehre."

Ende November 2014: Papst Franziskus mit dem Mufti Rahmi Yaran beim Besuch der Blauen Moschee in IstanbulBild: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Der Jesuit Körner ist auf kirchlicher Seite einer der wichtigsten Islamwissenschaftler. Er spricht Türkisch und lehrte einige Jahre in der Türkei. Nach seinem Eindruck hat "der christlich-islamische Dialog in letzter Zeit eine spannende neue Dynamik bekommen". In vielen Ländern sei eine Generation junger Muslime herangewachsen, die deutlich empfinde, dass ihre politischen Führungspersönlichkeiten Religion, und speziell den Islam, für "Machterhaltungszwecke bis in die Brutalität hinein als Unrechtssystem-Stützung" nutzen.

"Softpower" des Papstes

Für sie, sagt Körner, verkörpere Papst Leo eine "alternative Form religiöser Präsenz". Er zeige, dass Religion auch "durch Softpower", durch Vorbildlichkeit oder gelebtes Zeugnis, gute Worte oder Diplomatie mächtig sein könne und nicht "durch Hardpower, Staatsmacht, Gewalt, Korruption". Daraus schöpften, so Körner, eine ganze Reihe seiner muslimischen Bekannten neue Hoffnung, dass Religion anders als nur durch Politisierung gelebt werden könne.

Wegen der mitunter schwierigen religiösen Vielfalt ist auch die Libanon-Etappe der Reise bedeutend. Traditionell ist das Land geprägt durch ein Nebeneinander zahlreicher Religionen. Eine Staatsreligion gibt es nicht. Heute sind mehr als 60 Prozent der Libanesen sunnitische oder schiitische Muslime, rund 30 Prozent Christen verschiedener Kirchen. Daneben gibt es Drusen und Alewiten. Die vom Iran unterstützte schiitische Hisbollah ist ein starker Macht- und politischer Störfaktor.

Das politische System sei nach einem definierten Proporz klar zwischen Vertretern der verschiedenen Religionen aufgeteilt, erläutert Ernesti. Dabei sehe der Vatikan den Libanon "als ein Experimentierfeld für das Gelingen des Zusammenlebens von Menschen verschiedener Religionen".

Wenn Menschen in einem solchen "multireligiösen Land" nicht zusammenfänden, komme es zu Instabilität. Von einer positiven Zusammenarbeit profitiere hingegen das Gemeinwesen. Im gegenwärtigen Zustand des Libanon sei das Land für Leo XIV. "kein ganz einfaches Reiseziel".

Anfang 2019: Papst Franziskus (re.) bei einem Besuch der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mit dem Premierminister der VAE (Mi.) und dem Obermufti der Al-Azhar-Universität in KairoBild: picture-alliance/dpa/M. Al Hammadi

Mit Blick auf den christlich-islamischen Dialog rechnet der Jesuit Körner damit, dass Leo in einer anderen Weise als sein Vorgänger Franziskus dessen Kurs der Annäherung an den Islam fortsetzen werde. "Der Ansatz von Papst Franziskus war der der Freundschaft", so Körner. Er habe betont Sympathien gezeigt und sei über gelebten Austausch und gute Beziehungen zu muslimischen Akteuren weitergekommen. Das habe seine Reisen in die islamische Welt geprägt, so den Besuch in Abu Dhabi 2019 mit der weltweit beachteten Unterzeichnung eines Dokuments der beiderseitigen Verständigung.

Papst Leo habe zwar ähnliche Prioritäten, Hoffnungen und Wertvorstellungen wie Franziskus, so der Jesuit. Der neue Papst sei aber im Stil anders: "viel strukturierter, vorsichtiger, besonnener". "Leo ist Kirchenrechtler. Das ist sehr gut. Er wird für dieses wachsende Verständnis zwischen muslimischen und christlichen Menschen nachhaltig Strukturen beleben und schaffen."

Es sei genau richtig, dass nach einem voranpreschenden Papst wie Franziskus nun ein ganz anderer Typus von religiösem Oberhaupt komme, meint Körner. Ein Papst, "der dieses Erbe nun in Formen gießt, die echte Nachhaltigkeit versprechen" und so eine vertiefte Zusammenarbeit der Religionen möglich mache.

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