Die Finanzkrise trifft das Autoland Tschechien
4. November 2008
Große Konzerne wie Toyota, Peugeot oder VW haben tausende Arbeitsplätze geschaffen. Auch der koreanische Auto-Hersteller Hyundai hat jetzt eine riesige Fabrik im Osten des Landes eröffnet, in der pro Jahr zwischen 200.000 und 300.000 Fahrzeuge vom Band laufen sollen. Wachstumsraten von acht Prozent und mehr sind für Tschechien schon fast normal geworden – ein Wirtschaftswunderland gleich hinter der deutschen Grenze.
Sinkende Nachfrage nach Autos
Das könnte sich aber jetzt ändern. Die Nachfrage nach Autos sinkt. Schuld sind die Finanzkrise und steigende Ölpreise – ein Szenario, vor dem Experten schon lange gewarnt hatten. Tschechien dürfe nicht alles auf die Automobilwirtschaft setzen, sagten Skeptiker schon vor Jahren, als die Regierung mit millionenschweren Subventionen einen Investor nach dem anderen ins Land lockte.
Was bis heute als Grundlage für den neuen Wohlstand der Tschechen gilt, könnte sich jetzt verhängnisvoll auswirken. 10.000 Angestellte könnten ihre Arbeitsplätze verlieren, heißt es laut Josef Stredula, Chef der tschechischen Metallgewerkschaft in den aktuellen Schätzungen.
Tschechien ist Wirtschaftskrisen nicht gewohnt
Für die Tschechen ist das eine ganz neue Erfahrung: Nach der politischen Wende gab es zwar einige wirtschaftliche Turbulenzen, aber seit inzwischen mehr als einem Jahrzehnt erlebt das Land einen ununterbrochenen Aufschwung. Im Umgang mit Krisen ist keiner der amtierenden Politiker geübt.
Das zeigt sich gerade in diesen Tagen: Das Prager Parlament muss über den Haushalt für das kommende Jahr abstimmen. Was eigentlich eine Routineangelegenheit ist, wird zum Hindernislauf für den Finanzminister. Seine Kalkulation basiert nämlich unverändert auf einem Wachstum von knapp fünf Prozent.
Soviel Optimismus sorgt selbst bei Abgeordneten aus den Reihen der Koalition für Kopfschütteln. „Ich hoffe, die Regierung verbessert ihren Entwurf und berücksichtigt dabei die makroökonomischen Angaben“, sagt Vlastimil Tlusty von der Regierungspartei ODS.
Schulterschluss zwischen Metallgewerkschaft und Autoherstellern
Offiziell allerdings hat die Regierung bis vor kurzem bestritten, dass die Finanzkrise auf Tschechien eine Auswirkung haben könnte. Man sei gut aufgestellt und brauche sich keine Sorgen zu machen, hieß es. Damit haben die Politiker fast alle Beteiligten gegen sich aufgebracht – so sehr, dass sich jetzt zwei einstige Rivalen verbündet haben: Die Metallgewerkschaft steht nun Seite an Seite mit dem Autohersteller-Verband.
„Wir sind uns darin einig, dass die Regierung die schlichten Tatsachen verleugnet“, sagt Josef Stredula. Sein Vorschlag sei, dass sich Arbeitgeber, Politiker und die Gewerkschaften an einen Tisch setzen und offen darüber sprechen sollten, „wie die Lage ist, wie schwer es für uns wird und in welchem zeitlichen Horizont sich das alles abspielt“, sagt Stredula.
Drei Gesprächsangebote habe die Regierung allerdings schon abgelehnt, sagt er weiter. In einem offenen Brief, den er zusammen mit dem Arbeitgeber-Verband geschrieben hat, sagt Stredula unverblümt, was er sich von der Politik wünscht: Alle EU-Richtlinien zu Sicherheit und Umweltschutz sollten erst einmal ausgesetzt werden, ansonsten erleide die Konkurrenzfähigkeit der Autohersteller gleich noch einen Schlag. Damit würde sich die Abwärtsspirale nur schneller drehen. Und das, so heißt es bei der Gewerkschaft, könne man sich im Auto-Land Tschechien nun wirklich nicht leisten.