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Die Größe der Kleinen

8. Februar 2014

Einer da oben, ein Bischof wird zum Ärgernis. Und alle Welt schaut auf ihn. Dabei lebt das Christentum in Wahrheit von den kleinen Leuten, zu denen auch Jesus gehörte, so P. Heribert Arens von der katholischen Kirche.

Unfertige Hotels in Sotschi
Bauarbeiter in SotschiBild: picture-alliance/dpa

Gestern haben die Olympischen Winterspiele in Sotschi begonnen. Viele große Sportstätten sind dazu errichtet worden. Sie sollen den Sportlern ideale Möglichkeiten bieten. Doch sollen sie auch ihrem Erbauer zur Ehre gereichen. Der ist mächtig stolz darauf. Die Nachwelt soll sich an ihn erinnern. Eine Erzählung kommt mir in den Sinn:

Ein König wollte Gott einen großartigen Dom bauen. Kein Mensch durfte auch nur einen Cent dazugeben. Er allein wollte glänzen. Alles wollte er aus seinem Schatz bezahlen. Mit goldenen Buchstaben ließ er auf eine Marmortafel schreiben: Der König ganz allein hat diesen Dom gebaut. Doch am nächsten Morgen stand da nicht mehr der Name des Königs, sondern der einer armen Frau. Der Name wurde sofort heraus gemeißelt und der des Königs wieder eingesetzt. Doch am nächsten Morgen stand da wieder der Name der Frau.

Da ließ der König die Frau suchen. Zitternd trat sie vor ihn. „Verzeih, mein König“, rief sie. „Ich muss mir mein tägliches Brot mühsam verdienen. Ein wenig hatte ich gespart und wollte es zur Ehre Gottes geben. Aber ich kannte dein Verbot. Darum kaufte ich ein wenig Heu und gab es den Ochsen, die die Steine zum Dom zogen. So hatte ich meinen Wunsch erfüllt und dein Gebot doch nicht übertreten.

Da bereute der König seinen Stolz. Er schenkte der Frau so viel, dass sie nicht mehr zu hungern brauchte.

Die gefährliche Faszination des Großen

Menschen starren gern auf das Große und übersehen das Kleine. Nichts gegen die Großen und ihre Taten. Ich bewundere sie. Aber ich möchte auch respektvoll wahrnehmen, wie unauffällige Menschen die Welt gestalten, ohne dass eine Zeitung über sie berichtet. Dabei lebt unsere Welt von den großen Taten der Kleinen, die sie wie selbstverständlich tun. Sie fragen nicht lange, sie handeln einfach. Von Menschen wie ihnen lebt die Welt.

Ich denke etwa an jenen Mann, der über zwanzig Jahre seine kranke Frau pflegte. Seine Kräfte hat er in der Pflege aufgebraucht, Frührentner wurde er. Er gab sein Letztes für seine Frau, die er liebte – unbemerkt von der Öffentlichkeit. Von solchen Menschen lebt die Welt.

Nicht anders ist es im Leben der Kirche. Da wird einer von „denen da oben“, ein Bischof, zum Ärgernis. Es scheint, er hat jedes Maß verloren. Halb Deutschland starrt auf ihn: „So ist die Kirche! Auf eine solche Kirche pfeife ich“, sagen sie - und treten aus der Kirche aus.

Als Mitglied dieser Kirche schäme ich mich für solche Maßlosigkeit. Gleichzeitig aber denke ich an Tausende von Christen, die in Treue ihren Glauben im Alltag leben, die sich nicht beirren lassen, die ihren Mitmenschen hilfreich zur Seite stehen, die auf Gott bauen und vertrauen, und die sich in diesem Glauben gegenseitig stärken. Sie sind doch die Kirche! Haben sie es verdient, dass andere ihrer Gemeinschaft den Rücken kehren, weil „einer da oben“ zum Ärgernis wurde?

Warum nur starren wir immer nach „oben“ – während wir einen Gott feiern, der nach „unten“ kam und sich bei den kleinen Leuten wohl fühlte?

Dabeisein ist alles – das war einmal

Auch in Sotschi wird wieder alle Welt auf die Großen schauen: Gold, Silber, Bronze! Und die anderen? „Dabeisein ist alles!“ das war einmal das Motto von Olympia. Heute sind Athleten schon enttäuscht, wenn es „nur für Silber“ gereicht hat. Die Spiele leben von den vielen, die mit Freude dabei sind, auch wenn sie auf dem letzten Platz landen.

Zurück bleiben am Ende die Stadien und Arenen und mit ihnen die Erinnerung an den Staatsmann, der sie gebaut hat. Ob auch die Erinnerung an die vielen Arbeiter bleibt, die zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen an diesen Arenen arbeiten mussten? Ob die Erinnerung bleibt an die weitaus größte Zahl der Sportler, die dabei waren und nicht siegten? Ich möchte sie nicht vergessen.

Mich stimmt es zuversichtlich, dass ich an einen Gott glauben kann, der das Kleinsein als Weg für seine Menschwerdung gewählt hat, der sich mit den kleinen Leuten zusammentat, der ihnen Würde und Ansehen gab und gibt.

Zum Autor:

P. Heribert Arens ofm, Bad Staffelstein-VierzehnheiligenBild: Heribert Arens

Heribert Arens ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis".

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