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Lidls große Tech-Wette

9. Juli 2026

Der reichste Deutsche hat einen Plan: Dieter Schwarz will nicht weiter nur Supermärkte auf der ganzen Welt errichten. Mit der Schwarz Gruppe will er nun auch digital expandieren. Eine ganze Region soll davon profitieren.

Symbolbild Lidl | Firmenlogo & Google-Maps-Screenshot des neuen Firmensitzes
Die Schwarz Gruppe ist mit den Lidl-Supermärkten groß geworden. Nun will der Konzern digital expandieren und baut eine neue Zentrale für seine DigitalsparteBild: mix1/IMAGO, Google Maps

Wenn Bernd Wagner über den neuen Firmensitz läuft, kommt er ins Schwärmen und sagt Sachen wie: "Siebenmal so viel Stahl wie für den Bau des Eiffelturms" oder "Kabel von hier bis nach Neapel".

Wagner ist für das Cloudgeschäft und den Vertrieb bei Schwarz Digits verantwortlich. Die Unmengen an Stahl und Kabel sind im neuen Firmensitz verbaut worden, der am 21. Juli 2026 offiziell eröffnet wird.

Die Anlage für 3500 Mitarbeiter mit Kita, Restaurant und Fitnessbereich erinnert an die Zentralen von Amazon, Apple oder Google: Auf einer Anhöhe gelegen, stehen fünf mehrstöckige, fein geschwungene, wabenförmige Glasbauten. In der Mitte des sogenannten "Schwarz Digits Campus" ein kleiner Teich, viel Grün und Sitzbänke im Schatten. "Das hier ist ein Statement. Wir müssen uns nicht vor Google oder anderen verstecken", sagt Wagner.

Von Supermärkten zur Digitalisierung

Der neue Firmensitz steht aber nicht in Kalifornien, sondern in Bad Friedrichshall, einer Kleinstadt im Süden Deutschlands. Von hier ist es nicht weit bis nach Heilbronn, der Heimatstadt des wohl reichsten Deutschen: Dieter Schwarz, heute 86 Jahre alt. Von Heilbronn aus hat er sein Lidl-Imperium aufgebaut. Mehr als 600.000 Menschen arbeiten weltweit für die Firmen unter dem Dach der Schwarz Gruppe.

Bernd Wagner leitet den Vertrieb und das Cloudgeschäft bei Schwarz Digits: "Wir sind gekommen, um zu bleiben"Bild: Nicolas Martin/DW

Groß geworden ist der Konzern vor allem mit den Supermärkten Lidl und Kaufland. Doch weil die Schwarz Gruppe am liebsten alles selbst macht, wächst sie in alle Richtungen: Lebensmittelproduktion, Abfallwirtschaft, Recycling und jetzt Digitalisierung.

Im vergangenen Jahr machte die Schwarz Gruppe knapp 185 Milliarden Euro Umsatz - mehr als SAP, Mercedes oder Bayer. In Deutschland spielte nur der Autobauer VWim Jahr 2025 mehr Geld ein.

Bisher gilt die Schwarz Gruppe als verschlossen: Vor allem über den Gründer Dieter Schwarz wird nicht gesprochen. Bis heute gibt es kaum Fotos von ihm. Angeblich kann er sich in Heilbronn frei bewegen, ohne erkannt zu werden. 

Schwarz Gruppe setzt auf den Standort Deutschland

Jetzt macht die Schwarz Gruppe mit einer neuen Geschichte Schlagzeilen. Diese Geschichte beginnt bei Schwarz Digits und handelt von digitaler Unabhängigkeit und dem Standort Deutschland. "Wenn man nicht am Tisch sitzt, wird man Teil der Menükarte", sagt Bernd Wagner in seinem klimatisierten Büro.

Während sich Schwarz Digits in den vergangenen Jahren vor allem um die IT der 14.500 Supermärkte weltweit gekümmert hat, bietet das Unternehmen seine Cloud und Sicherheitslösungen nun auch Firmen und Behörden an.

So will das Unternehmen dafür sorgen, dass Deutschland und Europa wieder an den Tisch kommen und nicht vollständig von der Technologie aus den USA oder China abhängig sind, sagt Wagner: "Wir wollen Europa die Handlungsfähigkeit zurückgeben."

Die Experimenta in Heilbronn - Wandel zur WissensstadtBild: Nicolas Martin/DW

Der Kurs liegt im Trend. So gewinnt die Firma derzeit einen Großauftrag nach dem anderen: Zu den Kunden und Partnern gehören die niederländische Regierung genauso wie deutsche Ministerien und der DFB.

Im Spreewald, eine Autostunde südlich von Berlin, baut Schwarz Digits ein Datenzentrum. Mit elf Milliarden Euro ist es die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Konzerns.

Wie viel der neue Firmensitz in Bad Friedrichshall gekostet hat, darüber schweigt man. Nur so viel ist klar: Mit der neuen Zentrale sollen IT-Talente gehalten und vielleicht sogar angelockt werden. Die Botschaft: Warum ins teure Silicon Valley ziehen, wenn man auch im Süden Deutschlands an der Zukunft arbeiten kann.

Heilbronn wird zur Wissensstadt

Dass Erfolg nur mit Menschen, Talenten und Bildung funktioniert, hat der Milliardär Dieter Schwarz früh gelernt. Seit 1999 gibt es die Dieter Schwarz Stiftung, die sich vor allem für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Unternehmertum einsetzt. Wer durch Heilbronn läuft, sieht, wie hier die Talente der Zukunft geschmiedet werden.

Beispielsweise auf dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung. Hier bilden etliche deutsche Forschungseinrichtungen rund 8000 Studierende aus - und es sollen deutlich mehr werden.

Nicht weit entfernt liegt die Experimenta - nach eigenen Angaben Deutschlands größtes Science-Center. Hier lässt sich Künstliche Intelligenz und Technik live erleben. Die Experimenta ist Heilbronns Wahrzeichen und Touristenmagnet zugleich.

Mitten in Heilbronn hat die Schwarz Stiftung den Bildungscampus errichtetBild: Nicolas Martin/DW

Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel hat den Bau der Experimenta vor 20 Jahren noch mitinitiiert, damals noch in einer anderen Verwaltungsfunktion. Der größte Geldgeber war damals: die Dieter Schwarz Stiftung.

Seit 2014 ist Mergel Oberbürgermeister der mehr als 130.000 Einwohner zählenden Stadt. Auch er spricht nicht viel über Dieter Schwarz, den großen Mäzen im Hintergrund, der weiterhin in der Stadt lebt. "Jeder hat das Recht auf Anonymität."

Megaprojekt Campus für künstliche Intelligenz

So viel kann er aber verraten: "Die Schwarz Gruppe und die Dieter Schwarz Stiftung spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um den Wandel zur Wissensstadt geht", sagt Mergel in seinem Arbeitszimmer im altehrwürdigen Heilbronner Rathaus.

Der Wandel, von dem er spricht, ist bereits sichtbar. Heilbronn, das die Bewohner früher manchmal selbstironisch auch "Heilbronx" nannten, gilt mittlerweile in manchen Rankings als die Stadt mit der größten Kaufkraft Deutschlands.

Der Zuzug von Indern und Chinesen legt zudem nahe, dass auch Jobs in der IT Menschen nach Heilbronn locken. Hinzu kommt ein Megaprojekt, das die Stadt in den nächsten Jahren international noch bekannter machen soll: Mit dem "Innovation Park Artificial Intelligence", kurz IPAI, will Heilbronn in einer Liga mit London oder Paris spielen.

Die ersten Gebäude des IPAI sollen 2027 eröffnen. Heilbronn will bei der KI in einer Liga mit London oder Amsterdam spielenBild: Arnulf Hettrich/imageBROKER/picture alliance

Bis zu 5000 Menschen sollen vor den Toren der Stadt arbeiten und forschen. 2027 werden die ersten Gebäude eröffnet. Wesentlich beteiligt sind auch hier die Dieter Schwarz Stiftung und die Schwarz Gruppe.

Zu den Kosten des Projekts will man sich auf Nachfrage nicht äußern. Das IPAI ist als Netzwerk bereits seit 2022 aktiv. Mittlerweile arbeiten dort in Heilbronn rund 140 Unternehmen und Partner am Thema künstliche Intelligenz.

Harry Mergel ist noch bis 2030 Oberbürgermeister. Zwar wisse noch niemand, wie schnell sich die künstliche Intelligenz entwickle, "aber es wird kein Unternehmen, keine Branche und keine Verwaltung geben, die ohne KI leistungsfähig sein kann", so Mergel. Das IPAI sei deshalb für "die Region so etwas wie eine Lebensversicherung", sagt Mergel und fügt hinzu: "In Heilbronn wird die Zukunft gebaut."

"Wir sind hier, um zu bleiben"

Vom Heilbronner Rathaus sind es 15 Autominuten bis zur Firmenzentrale von Schwarz Digits. Ein Kochroboter bereitet hier auch nachts Gerichte für die Mitarbeiter zu. 

"Die Region wird schon bald zur größten KI-Schmiede in Deutschland und in Europa werden", ist sich Vertriebschef Bernd Wagner sicher. Bei Schwarz Digits sollen sie einen Platz finden.

Rechenzentrum von Amazon in den USA: Hat Schwarz Digits gegen die Übermacht der Tech-Riesen aus Übersee eine Chance?Bild: Noah Berger/AP Images/picture alliance

Doch kann das Unternehmen wirklich gegen die Techriesen ankommen? Amazon beispielsweise hat allein im Cloud-Geschäft im abgelaufenen Jahr 135 Milliarden Dollar umgesetzt. Schwarz Digits kommt mit all seinen Aktivitäten auf 2,2 Milliarden Euro Umsatz.

"Wir sind hier, um zu bleiben", sagt Bernd Wagner selbstbewusst. Die Chancen würden sich aus dem Markt ergeben. Deutschland und Europa benötigten dringend unabhängige IT-Lösungen.

Wagners Appell an die digitale Unabhängigkeit wirkt auch ein bisschen wie eine PR-Strategie. Doch einen langen Atem und den richtigen Riecher hat Lidl-Gründer Dieter Schwarz schon häufiger bewiesen. Nicht umsonst ist die Schwarz Gruppe heute der größte Einzelhändler in Europa und der viertgrößte der Welt. Gut möglich also, dass die große Tech-Wette des reichsten Deutschen am Ende aufgeht. 

Nicolas Martin Redakteur mit Blick auf Weltwirtschaft, Globalisierung und Organisierte Kriminalität.
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