"Die Lage ist komplizierter als Moskau denkt"
20. Oktober 2004Moskau, 18.10.2004, GASETA.RU, russ.
Nach Meinung des Stellvertretenden Generaldirektors des Zentrums für Polittechnologien Aleksej Makarkin wird die russische Regierung, wenn auch "stirnrunzelnd", die Ergebnisse des Referendums, die Aleksandr Lukaschenka eine dritte Amtszeit ermöglichen, akzeptieren. In einem Gespräch mit unserer Beobachterin Olga Reditschkina sagte er folgendes:
(Frage) Das belarussische Volk hat dem Väterchen [Spitzname Lukaschenkas] gestattet, sich um eine dritte Amtszeit zu bewerben. Der Westen ist eindeutig dagegen. Was ist mit Russland?
(Antwort) Russland wird sich ruhig verhalten. Lukaschenka hat nach seinem Treffen mit Putin in Sotschi seinen Wunsch bekannt gegeben, ein Referendum abzuhalten. Es ist unwahrscheinlich, dass das Väterchen seinen russischen Amtskollegen nicht ins Bild setzte. Putin reagierte gleichgültig: "Mögen die Bürger entscheiden."
(Frage) Wird Russland die Referendumsergebnisse kritiklos akzeptieren?
(Antwort) Wir werden uns mit der Meinung der GUS-Beobachter solidarisch erklären, die keine besonderen Verstöße finden werden. Die Ergebnisse werden widerstrebend akzeptiert werden, aber ohne besondere Kommentare. OSZE-Beobachter werden ein wenig herumgraben, aber auch sie werden keine ausreichenden Beweise für Referendumsverstöße finden.
(Frage) Der Westen wird noch einmal verkünden, Lukaschenka sei illegitim an der Macht. Werden wir aber weiterhin seine Freunde bleiben?
(Antwort) Nach Berechnungen des Gallup Instituts sind 26,32 Prozent der Bevölkerung für Lukaschenka. Das bedeutet, dass seine Popularität gesunken ist. Sein Hauptrivale aber - Frolow -, liegt nur bei 1,6 Prozent. Das Väterchen hat die Opposition ausbluten lassen. Wir mögen Lukaschenka, und seine russischen Klone - die Gouverneure Kondratenko und Nasdratenko - sind bereits vor langer Zeit abgesetzt worden. Der Westen wird die Opposition unterstützen und auf einen angemessenen Kandidaten und schließlich auf die geeignete Situation für den Wechsel zu einer legitimen Regierung warten.
(Frage) Werden wir - in Anbetracht der für das belarussische Volk eigenen Geduld - weitere 20 Jahre warten müssen?
(Antwort) Auf keinen Fall. Die Lage in Belarus ist komplizierter als Moskau glaubt. Umfragen des Gallup Instituts zeigen, dass das Volk mit dem Lebensstandard unzufrieden und überzeugt ist, dass er weiter sinkt. Zu den beängstigendsten Phänomenen gehört für die Menschen die Arbeitslosigkeit. Unzufriedenheit äußern aber nicht nur junge Menschen, sondern auch Menschen mittleren Alters, die auf die Bildung eines Unionsstaates, das heißt auf das Wiedererstehen der UdSSR und die Rückkehr vergangenen Wohlergehens warten. Mit anderen Worten - in Belarus könnte es eine Explosion geben. Wann, kann ich aber nicht sagen.
(Frage) Wird die russische Regierung auf eine solche Umkehr der Ereignisse vorbereitet sein?
(Antwort) Wenn der Westen den Oppositionskandidaten unterstützt, nach einem "belarussischen Juschtschenko" [Präsidentschaftskandidat der Opposition in der Ukraine] sucht (und versucht, ihn zu kreieren), dann könnte es uns wieder einmal misslingen, "unseren eigenen Janukowytsch [Präsidentschaftskandidat der Regierung in der Ukraine] zu unterstützen." In Belarus - ebenso wie in den meisten GUS-Ländern - haben wir uns nicht die Mühe gemacht, ein prorussisches Zentrum herauszubilden, weil wir aus irgendeinem Grund davon ausgingen, dass Lukaschenka ewig bleiben wird. (TS)