Die Linke - geht ihr Höhenflug weiter?
18. Juni 2026
"Wir kämpfen in Berlin darum, die Stadt zur roten Metropole zu machen", propagiert die Linke in ihrem Leitantrag für den am Freitag beginnenden Bundesparteitag in Potsdam. Rot ist die Farbe der Linken, aber auch der Sozialdemokraten (SPD). Gemeinsam mit den Grünen könnte es laut Umfragen bei der im September stattfindenden Wahl zum Stadtparlament, das in der deutschen Hauptstadt Abgeordnetenhaus heißt, rechnerisch für eine Mehrheit reichen.
Wird Berlin schon bald von der Linken regiert?
Eine stark rot gefärbte Metropole Berlin ist also theoretisch möglich und hat es von 2016 bis 2023 auch schon gegeben - damals unter Führung der SPD. Dieses Mal träumt die Linke davon, das Rathaus übernehmen zu können. Mit einer Regierenden Bürgermeisterin Elif Eralp, deren politisch und gewerkschaftlich aktive Eltern 1980 nach dem Militärputsch in der Türkei nach Deutschland geflohen sind.
Im Stadtstaat Bremen und im nordostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist die Linke aktuell an Koalitionen beteiligt. In Thüringen stellte sie bis 2024 mit Bodo Ramelow sogar den Ministerpräsidenten. Im kleineren Maßstab war und ist die Partei also durchaus in der Lage, Regierungsverantwortung zu übernehmen und Macht auszuüben.
Eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene ist unrealistisch
Auf der wichtigsten politischen Bühne hat die Linke allerdings keine realistische Machtperspektive. Eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene ist vor allem wegen ihrer außen- und sicherheitspolitischen Programmatik faktisch ausgeschlossen. Die Linke lehnt Deutschlands massive Aufrüstung seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands auf die Ukraine ebenso ab wie Waffenexporte.
Im Leitantrag für den Parteitag klingt das so: "Wenn wir als Linke sagen, wir brauchen ein anderes Europa, dann meinen wir damit keine militärische Großmacht und keine EU-Armee, sondern eine Friedensmacht, die zur Verteidigung in der Lage ist, aber keine Gewalt exportiert - weder in wirtschaftlicher noch in militärischer Form."
Protest-Motto: "Es reicht! Das Leben bezahlbar machen."
Die Linke wirft der Bundesregierung aus Unionsparteien (CDU/CSU) und SPD vor, das Militärbudget grenzenlos anwachsen zu lassen und gleichzeitig den Sozialstaat zu schleifen. Insbesondere die geplanten Reformen bei der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung lehnt die Partei wegen der damit verbundenen Mehrbelastungen für Bürgerinnen und Bürger ab.
Man kämpfe für Verbesserungen für die breite Mehrheit der Bevölkerung. "Das tun wir im Parlament, in den Nachbarschaften und auf der Straße." Seit Wochen organisiert die Linke deutschlandweit Proteste unter dem Motto "Es reicht! Das Leben bezahlbar machen." Damit knüpft sie in anderer Form an ihre massenhaften Haustür-Besuche im Bundestagswahlkampf 2025 an.
Die Mitgliederzahl hat sich mehr als verdoppelt
Der Erfolg kam auch für die meisten Linken überraschend: fast neun Prozent und seitdem eine Verdopplung der Mitgliederzahl auf über 125.000. In Umfragen liegt die Linke seit Monaten stabil bei mindestens zehn Prozent. "Aber wir sollten uns auch der Tatsache bewusst sein, dass es für unseren Anspruch als sozialistische Partei nicht ausreicht, einen kleinen Teil der Menschen in diesem Land zu überzeugen", steht dazu mahnend im Leitantrag für den Parteitag.
Der Politikwissenschaftler Antonios Souris von der Freien Universität Berlin sieht das ähnlich: Zehn Prozent seien mit Blick auf die Schwäche der anderen Parteien nicht überragend, antwortet er auf eine schriftliche Anfrage der Deutschen Welle.
Der designierte Parteivorsitzende hat italienische Wurzeln
Inhaltlich könne die auf Bundesebene oppositionelle Linke Themen wie Wohnungs- und Sozialpolitik besetzen und sich als Alternative zu SPD und Grünen präsentieren. "Das tut sie auch glaubwürdig und mit Personen, die für diese Themen öffentlich stehen", betont Souris. Aus seiner Sicht gilt das auch für den designierten Parteivorsitzenden Luigi Pantisano, der in Potsdam als Nachfolger des aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kandidierenden Jan van Aken antritt.
Pantisanos Eltern sind in den 1960er Jahren als damals so genannte Gastarbeiter von Italien nach Deutschland gekommen. Ihr Sohn Luigi wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er wurde zum Bauzeichner ausgebildet, holte die Fachhochschulreife nach und absolvierte erfolgreich ein Ingenieur-Studium. In seinem Bewerbungsschreiben für den Parteivorsitz der Linken steht: "Als Kind italienischer Gastarbeiter und Hauptschüler kenne ich das Gefühl, wenn die Politik auf einen herabschaut und die eigene Leistung nicht anerkennt."
Pantisano kommt aus dem Westen, Schwerdtner aus dem Osten
Politik-Experte Souris glaubt, dass Pantisano als Vorsitzender das Profil seiner Partei schärfen könnte. "Die Linke wird damit personell untermauern können, für was sie eintritt - nämlich eine multikulturelle Gesellschaft, in der auch Menschen mit Migrationshintergrund wichtige Positionen bekleiden." Personelle Entscheidungen seien gerade vor dem Hintergrund der personalisierten Medienberichterstattung wichtig, um den eigenen Positionen Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Das gelte nicht nur nach außen, sondern auch nach innen gegenüber den Mitgliedern, ergänzt Souris. Dabei sei zu beachten, dass Pantisano aus einem westdeutschen Bundesland stamme. "Es wird interessant werden, inwiefern er mit diesem Hintergrund bei den Landesverbänden aus Berlin und Ostdeutschland beim Parteitag punkten kann."
Widerstand gegen die Reformen der Bundesregierung
Seine Wahl dürfte schon deshalb reine Formsache sein, weil außer ihm und der erneut antretenden Ines Schwerdtner niemand für die Doppelspitze der Linken kandidiert. Die seit 2024 amtierende Parteivorsitzende steht prototypisch für eine neue Generation in der Linken: jünger und weiblicher. Sie wurde wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer 1989 in der DDR geboren.
In ihrem Bewerbungsschreiben für die Wiederwahl auf dem Parteitag ist von "großen Aufgaben" die Rede, die vor der Linken lägen: "Die geplanten Armutsreformen der Bundesregierung gepaart mit der massiven Militarisierung der Gesellschaft schreien nach Widerstand. Unsere Aufgabe als sozialistische Partei ist es, diesen zu organisieren."
Neue Gesichter und neue Ideen?
Obwohl Schwerdtner erst 2023 in die Linke eingetreten ist, blickt sie bereits auf zwei Jahre als Vorsitzende zurück und gehört seit 2025 als direkt gewählte Abgeordnete dem Bundestag an. Die studierte Politologin hat also in kürzester Zeit eine Menge unterschiedlichster Erfahrungen sammeln können. Auf die allermeisten der neuen Linken-Mitglieder, die erstmals Delegierte auf einem Parteitag sein werden, gilt das Gegenteil.
Politik-Experte Souris ist deshalb gespannt, was in Potsdam passieren wird. Eine Partei lebe auch von neuen Ideen und Gesichtern, nennt er einen aus seiner Sicht wichtigen Aspekt. "Es wird spannend werden, inwiefern gerade bei politisch brisanten Themen wie Außenpolitik Kompromisse hergestellt werden können." Das gilt allen voran für das Verhältnis der Linken zu Israel.
Antisemitismus - ein wiederkehrender Vorwurf
Immer wieder sorgen einzelne neue Mitglieder und von ihnen geprägte Landesverbände mit umstrittenen Aussagen zur Nahost-Politik für Schlagzeilen. Mitunter ist von Antisemitismus die Rede. Auch deshalb fragt sich Souris: "Haben die Neuen schon ein gewisses Maß an Loyalität gegenüber der Gesamtpartei, um eigene Interessen zurückzustellen?"