Im freien Fall? Die SPD im Krisenmodus
1. September 2026
Hände hoch, Hände runter, Zehenspitzen berühren und das alles im Takt zum deutschen Schlager-Hit "Regenbogenfarben". Matthias Miersch gibt wirklich alles für seine SPD, auch beim Fitness-Kurs der Arbeiterwohlfahrt, einem Stopp auf seiner Tour durch Sachsen-Anhalt.
In dem ostdeutschen Bundesland ist der Wahlkampf in der heißen Phase. Der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Bundestag ist für 24 Stunden zur Unterstützung angereist. In Magdeburg und drei kleineren Städten trifft er SPD-Landespolitiker und Bürger. Geht beim Verband queere Vielfalt, einer Wohnungs-Genossenschaft und einer Initiative zur sozialen Integration junger Geflüchteter ins Gespräch.
Die Angst vor der AfD
Alles dreht sich um Kernthemen der Partei: bezahlbare Mieten, soziale Unterstützung, Armutsbekämpfung, Integration, Diskriminierungsverbot wegen sexueller Identität. Miersch wirkt interessiert, geistig präsent, stellt Fragen, hört zu. Man merkt ihm an, dass ihm, der offen über seine sexuelle Identität als schwuler Mann spricht, der Termin im Regenbogencafé in Magdeburg besonders nahe geht. Dort sprechen queere Menschen über offenen Hass und Feindseligkeiten, vor allem in ländlichen Gebieten. Und über die wachsende Angst auch vor einer möglichen AfD-Landesregierung.
Die Alternative für Deutschland ist in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. "Wir erleben ein Rollback vom freien Lebensstil der vergangenen Jahrzehnte", sagt Miersch im Regenbogencafé. Der kleine Raum ist bunt und voll, auf einem Regal stehen Fähnchen mit dem Slogan "Kein Bock auf Nazis". Es werde deutlich, analysiert der Gast aus Berlin, was auf dem Spiel steht.
Die SPD kann die AfD nicht bremsen
Doch die Sozialdemokraten haben dem Aufstieg der AfD in Sachsen-Anhalt wenig entgegenzusetzen. Die älteste Partei Deutschlands ist hier eine Nischenpartei, kämpft um den Verbleib im Landesparlament. In den Umfragen steht sie aktuell bei sieben bis acht Prozent. Der Grund wird in den Gesprächen deutlich. Die SPD habe kein erkennbares Profil mehr. Ein Problem ist auch die große Unzufriedenheit mit der Bundesregierung, in der die SPD als Juniorpartner der konservativen Parteien CDU und CSU regiert.
Viele Elemente der Reformen, auf die sich Union und SPD vor der Sommerpause verständigt hatten, sind äußerst unpopulär. "Ich will nicht verschweigen", sagt Miersch den mitreisenden Journalisten am Ende der Tour, "dass die Bundespolitik auch an einigen Stellen für die Diskussion hier vor Ort sorgt." Gemeint ist vor allem der Plan, die Rente nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen. Ein rotes Tuch für viele Bewohner des Bundeslandes, das stark mit Überalterung und Bevölkerungsschwund zu kämpfen hat.
Wahlen in fünf Bundesländern
Doch nicht nur in Sachsen-Anhalt kämpft die SPD gegen den Abstieg. Bundesweit liegt die Partei in Umfragen nur noch bei etwa zwölf Prozent, hinter AfD, CDU/CSU und den Grünen. Noch dramatischer sieht es in einzelnen Bundesländern aus. 2026 ist mit Wahlen in fünf von 16 Bundesländern und Stadtstaaten ein Superwahljahr. Zwei Wahlen haben bereits stattgefunden.
Die Bilanz bisher: In Baden-Württemberg fuhr die SPD das schlechteste Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte ein und schafften so gerade noch den Einzug in den Landtag.
In Rheinland-Pfalz wurde die Partei nach 35 Jahren an der Macht von der CDU deutlich auf Platz zwei verwiesen. Ihr Wahlergebnis war das schlechteste, das sie in diesem Bundesland jemals erreicht hat.
Im September sind nun weitere Schlappen abzusehen. Nicht nur in Sachsen-Anhalt. Im Stadtstaat Berlin steht die Partei mit zwölf Prozent abgeschlagen auf Platz fünf und in Mecklenburg-Vorpommern könnte ihr das gleiche Schicksal drohen wie in Rheinland-Pfalz: Der Verlust der Regierungsmacht.
In der SPD wächst der Frust
Immer mehr Sozialdemokraten sprechen von einer existenziellen Krise. Der einst stolzen Arbeiterpartei, die in ihren besten Zeiten jeden zweiten Wählerfür sich begeistern konnte, droht der Bedeutungsverlust. "Ich sehe eine Partei, die stirbt", sagte der Berliner Abgeordnete Orkan Özdemir, Co-Vorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt Anfang August der Deutschen Presseagentur.
Der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft hat in einem Brief an den Parteivorstand einen Sonderparteitag im Herbst und eine Neuaufstellung der Parteiführung gefordert und steht damit nicht allein. Die Unzufriedenheit, die sich schon nach den ersten beiden verlorenen Landtagswahlen Bahn gebrochen hatte, wächst. Obwohl Wahlkampf ist und die Partei eigentlich geschlossen auftreten müsste.
Ist die Regierungslinie noch Parteilinie?
Im Zentrum der Kritik: Die Doppelrolle der beiden Parteivorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil, die gleichzeitig Regierungsmitglieder sind. Das funktioniere nicht. Die Arbeitsministerin und der Finanzminister würden an der Seite von CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz zu wenig für eine SPD mit eigenem Kurs stehen. Es gebe zu viele Zugeständnisse an die Union, vor allem in sozialpolitischen Fragen. Wohngeld-Kürzung, Streichung der Rente mit 63, Krankschreibungen ab dem ersten Tag - einige Regierungskompromisse haben die SPD-Basis zuletzt heftig enttäuscht.
Gegenwind gibt es auch für die verschärfte Migrationspolitik. Eine Debatte darüber, ob die Regierungslinie überhaupt noch der Parteilinie entspreche, sei überfällig, sagen diejenigen, die einen Sonderparteitag fordern.
Bas und Klingbeil müssen um ihre Ämter fürchten
Die Frage, für wen und was die SPD noch steht und stehen sollte, wird zur Existenzfrage. "Wir haben das Vertrauen bei den Wählern verloren, weil die SPD bei vielen Themen auch nie anecken wollte", sagte Bärbel Bas nach den ersten beiden Landtagswahlen. "Wir haben uns zum Teil auch unklar geäußert. Viele wissen nicht, wofür die SPD steht."
Lars Klingbeil zeigt ebenfalls Verständnis für die Kritiker, gibt sich dabei aber gelassen. Es sei völlig okay, dass in der Partei diskutiert werde, sagte Klingbeil bei einem Wahlkampfauftritt in Sachsen-Anhalt. "Wir sind bei zwölf Prozent, es sind wahnsinnig turbulente Zeiten. Ich weiß, dass ich meiner eigenen Partei auch mit Beschlüssen auf Bundesebene ein bisschen was abverlange."
Arbeiter wählen AfD
Laut einer Analyse des Meinungsforschungsinstituts Forsa vom November 2025 würden von einfachen Arbeitern und Arbeitslosen inzwischen nur noch neun Prozent die SPD wählen. Wer das Gefühl hat, gesellschaftlich benachteiligt zu sein, sympathisiert heute mit der AfD. Die Meinungsforscher von infratest-dimap veröffentlichten im Februar 2025 Zahlen, wonach 38 Prozent der Arbeiter AfD wählen.
Das Paradoxe daran: Studien zeigen, dass die Partei von vielen Arbeitern als Interessenvertretung wahrgenommen wird, obwohl ihre wirtschaftspolitischen Positionen eher marktliberal sind. Für die SPD ist das erschütternd.
Immer mehr Sozialdemokraten sehen ihre Partei an einem Wendepunkt. Sie verlangen, dass die SPD den Weg zurück zu einem erkennbaren politischen Profil findet. Notfalls auch in der Opposition. Andererseits, so die Befürchtung, könne sie zwischen Regierungsverantwortung, internen Flügelkämpfen und dem Verlust ehemaliger Stammwähler zerrieben werden.