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Die theoretische Ölreserve

9. September 2005

In Kanada, Alaska und Venezuela, vor den Küsten Afrikas, Südamerikas und Nordeuropas liegen riesige Ölreserven: in Sand und Sedimenten, in der Tiefsee beziehungsweise im Dauerfrost. Wer sie haben will, zahlt drauf.

Ölschiefer: Wo keine Bohrinsel hin kann, wird es schwierigBild: AP


Ölsand, Ölschiefer, Polar- und Tiefseeöl - diese vier versprechen gigantische Ausbeute. Die Ölsand- und Ölschieferlagerstätten sind zum Teil schon seit Jahrhunderten bekannt. Und sie sind gewaltig. Polar- und Tiefseeöl bieten obendrein technische Herausforderungen, mit denen die Erdölkonzerne ihre Innovationsfreude zeigen können.

Bild: AP

Viel vorhanden, wenig genutzt

"Energiekonzerne und Ölfirmen wollen die gegenwärtige Produktion von Öl aus 'unkonventionellen Lagerstätten' in den nächsten zehn Jahren verdoppeln", erzählt Wolfgang Blendinger, Professor für Erdöl-Geologie an der TU Clausthal. "Verdoppeln" hieße in diesem Fall: eine Steigerung von derzeit zwei bis drei auf möglichweise sechs Prozent Anteil an der Erdöl-Gesamtfördermenge. Aber: "Wenn die Vorräte so irrsinnig groß sind: Warum sind dann die Fördermengen so lächerlich gering?", fragt Blendinger. Die Frage des Experten ist natürlich rhetorisch - die geologisch fundierte Antwort folgt prompt:

1. Was ist Ölsand?

Ob Braunkohle oder Ölsand: Die Abraumförderbrücken unterscheiden sich kaumBild: AP

Ölsand ist ein Gemisch aus 83 Prozent Sand, 4 Prozent Wasser und zirka 13 Prozent Bitumen. Bitumen ist ein klebriges, teeriges Kohlenwasserstoffgemisch, das künstlich bei der Erdölverarbeitung entsteht - oder als natürliches Bitumen in eben jenem Ölsand eingeschlossen ist. "Um den Teer vom Sand zu trennen, sind Unmengen Wasser notwendig", erklärt Blendinger. Das Bitumen wird mit heißem Wasserdampf aus dem Sand gelöst. Zehn Prozent der teilweise 40 Meter dicken Ölsand-Schichten sind Tagebaue. Pro Tonne Rohöl fallen 25 Tonnen Schutt und Abraum an. Tiefergelegene Sedimente werden "In-Situ" - also "vor Ort" - angezapft: Dazu wird Wasserdampf ins Erdreich gepumpt und das verflüssigte Bitumen an die Oberfläche befördert.

Schmierig: ÖlsandBild: AP

Russland und Venezuela haben große Ölsand-Lagerstätten, am meisten genutzt werden sie in Kanada: Das Teersand-Vorkommen in der Provinz Alberta verteilt sich auf etwa 140.000 Quadratkilometer. Eine Tonne Ölsand ergibt ein halbes Barrel (80 Liter) Öl. 2001 hat Kanada pro Tag 350.000 Barrel davon synthetisiert, theoretisch könnte Kanada 180 Milliarden Barrel Öl gewinnen. "Damit aus Bitumen Rohöl wird, muss der Teer mit Wasserstoff angereichert werden. Dieser Wasserstoff wird aus Erdgas gewonnen", sagt Blendinger. Das heißt: Der eine Rohstoff wird verbraucht, um den anderen zu gewinnen, "eine klassische Nutzungs-Konkurrenz". Ein Viertel der Treibhausgase Kanadas kommt aus diesen Anlagen.

2. Was ist Ölschiefer?

Riesenfarne können irgendwann zu Erdöl werdenBild: AP

Ölschiefer ist kein "Schiefer" im eigentlichen Sinne, das Material eignet sich nicht zum Dächerdecken. Der Schiefer enthält auch kein Erdöl, sondern Kerogen - organisches Material, aus dem Erdöl werden kann. Lässt man den Ölschiefer noch ein paar Millionen Jahre liegen, erledigt sich das auf natürliche Weise. Mit technischer Nachhilfe funktioniert es auch: Der Ölschiefer wird im Tagebau abgebaut und auf 500 Grad Celsius erhitzt.

"Die nicht vorhandene Energie-Effizienz ist noch viel deutlicher als beim Ölsand", berichtet Blendinger. Denn das Verschwelungs-Verfahren verbraucht mehr Energie, als im so gewonnenen Rohöl enthalten ist. Theoretisch ergäbe eine Tonne Schiefer zirka 0,7 Barrel (115 Liter) Rohöl, hat das Unternehmen Unocal Corporation ermittelt. Allerdings: "Kein einziges Land der Welt gewinnt derzeit Rohöl aus Ölschiefer." Weltweit sollen 355 Milliarden Tonnen Öl in Schiefer eingeschlossen sein. Drei Viertel aller Ölschiefervorräte lagern in den USA, in Colorado, Utah und Wyoming. Auch Australien, Russland und China sind gut ausgestattet.

Reserve-Lagerstätten für "fertiges" Erdöl gibt es auch, sie sind nur teilweise schlecht zugänglich. Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob es sich lohnt, auf Tiefsee- und Polaröl zu hoffen.

3. Wo wird Tiefseeöl gefördert?

Die Nordsee-Bohrinsel MittelplateBild: dpa

In der Erdölwirtschaft beginnt die "Tiefsee" bereits ab 400 Metern Wassertiefe. Vor der Küste Westafrikas werden jedoch inzwischen Ölvorkommen angezapft, die 3500 Meter unter dem Meeresboden liegen. Die Gesamt-Vorräte werden auf 180 Billionen Barrel geschätzt: Das ist mehr als das Doppelte der bislang bekannten oberirdischen Lagerstätten. Die wichtigsten Förderländer für Tiefseeöl sind Angola, Brasilien, Nigeria und die USA. Mexiko und der so genannte "Atlantic Margin" holen auf. Zu den vielversprechendsten Lagerstätten im Atlantik gehören die Ölvorkommen vor den Färöer-Inseln und westlich der Shetland-Inseln.

Die Erschließung einer einzigen Tiefsee-Erdölquelle kostet jedoch zwischen 20 und 50 Millionen US-Dollar, hat Ölmulti ExxonMobil errechnet. Vor Angola wurden seit 1998 sechzehn Tiefseequellen erschlossen: vier 1998, zwei 1999, drei 2000, drei 2001, eine 2002 und drei 2003. Die jüngsten, "Kakocha" und "Tchihumba", produzieren zusammen fast 12.000 Barrel Rohöl am Tag - gefördert aus einer Wassertiefe von zirka 1000 Metern. Die Lagerstätten liegen zwischen anderthalb und dreitausend Metern unter dem Meeresgrund. Das Tiefseeöl enthält oft Paraffin. Das Paraffin verfestigt sich in den Pipelines, die durch das kalte Meerwasser geleitet werden. Deshalb müssen die Pipelines beheizt und isoliert werden.

4. Wo lagert Polaröl?

Reichhaltige Ölreserven werden zum Beispiel unter dem Inlandeis Grönlands vermutet. Erste Bohrungen in den Jahren 1976, 1977 und 1990 förderten zwar nur geringe Ölmengen zu Tage, aber die Klimaerwärmung in der Region und der steigende Ölpreis hätten die kanadische Firma EnCana dazu ermutigt, "das Risiko einzugehen", sagt Jörn Skov Nielsen vom "Büro für Mineralien und Öl" auf Grönland. "Eine einzige Probebohrung kostet allerdings zwischen 33,6 und 40,3 Millionen Euro."

Disko Bay im AbendlichtBild: AP

Das "Büro für Mineralien und Öl" geht davon aus, dass das Ölfeld zwei Milliarden Barrel hergeben könnte. Für 2006 und 2007 will das Büro neue Bohrlizenzen für den weiter nördlich gelegenen Disko-Fjord ausschreiben. Seismische Analysen haben dort Spuren von Kohlenwasserstoff ergeben, auf Felsen sei entwichenes Öl gefunden worden. In der Region liegt allerdings der Ilulissat-Gletscher - er ist Teil des Weltkulturerbes.

Auch in den Naturreservaten von Alaska gibt es Erdöl. Das Gebiet in der Küstenregion Alaskas wurde 1960 vom damaligen US-Präsidenten Dwight Eisenhower unter Schutz gestellt. Mit der knappen Mehrheit von 51 zu 49 Stimmen hat der US-Senat in Washington 2005 dort Öl-Bohrungen genehmigt. In Alaska werden zwischen 5 und 16 Milliarden Barrel Rohöl vermutet. Wie viel Öl es wirklich gibt, weiß keiner. Offiziellen Schätzungen zufolge könnten in zehn Jahren täglich eine Million Barrel Öl gefördert werden - das sind jedoch nur vier Prozent des US-Bedarfs. Noch ist die Entscheidung des Senats aus formalen Gründen nicht wirksam: Die Bohrerlaubnis muss auch vom Repräsentantenhaus beschlossen werden.

Summa summarum

Erdöl-Ressourcen zu nutzen, die nicht über eine Bohrinsel in leicht erschließbaren Gegenden zugänglich sind, ist unverhältnismäßig teuer, technisch aufwändig, energieintensiv und schlimmstenfalls umweltschädlich. Mit einem Wort, wie Erdölgeologe Blendinger sagt: "unwirtschaftlich."

Ingun Arnold

Bohrinsel in AlaskaBild: dpa
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