1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
GlaubeGhana

Die Würde des Menschen

18. März 2023

Manchmal strahlt die menschliche Würde genau da auf, wo sie bedroht oder in Frage gestellt ist. In Ghana hat der Autor Orte besucht, an denen ihm die Würde des Menschen eindrucksvoll vor Augen geführt worden ist.

Ghana | alte Frau aus Yent
Bild: Bistum Münster

Im Februar bin ich mit dem Bischof von Münster und einer Delegation in Ghana gewesen. Im Norden Ghanas – rund um Tamale – hat das Bistum Münster fünf Partnerbistümer. Seit 40 Jahren gibt es Verbindungen zwischen den Bistümern und vielen Pfarreien. Anders als im Süden sind die Katholiken im Norden eine Minderheit unter Muslimen und Naturreligionen. Auch ist der Norden weit weniger entwickelt als der Süden. Das Klima ist bis auf die Regenzeit heiß und trocken. Die Menschen leben von kleinteiliger Landwirtschaft, von kleinem Handel und Handwerk. Viele sind tagtäglich herausgefordert, ihr Leben und das ihrer Familien zu bewältigen.

Trotz der so unterschiedlichen Lebensumstände sind aus der Bistumspartnerschaft enge Verbindungen und Freundschaften zwischen Christen in Ghana und Westfalen entstanden. Die Menschen besuchen sich gegenseitig, sie teilen das Leben und ihren Glauben. Es eint uns der Glaube an Jesus Christus und das Bemühen, aus seinem Evangelium zu leben. Wir haben viele interessante und beeindruckende Projekte gesehen – in der Pastoral, in der Katechese, in Bildung und Krankenfürsorge, im Umweltschutz, im Dialog mit anderen Religionen. Wir haben gemeinsam Gottesdienst gefeiert, diskutiert, zugehört und miteinander gegessen und gefeiert.

Zwei Projekte haben mich besonders beeindruckt und mir die Verbindung von christlichem Glauben und der Würde jedes Menschen vor Augen geführt – beide im Bistum Yendi im Nordosten Ghanas. Das erste Projekt ist ein Kinderheim, das Ordensschwestern für Kinder eingerichtet haben, die mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen geboren sind. Die Geburt eines solchen Kindes wird in der traditionellen Vorstellung auf dem Lande als Makel gesehen, und das Leben dieser Kinder ist bedroht, weil Eltern die Kinder nicht großziehen können oder wollen. Wenn es gut läuft, kommen die Kinder – oft vermittelt durch katholische Priester – in die Obhut der Ordensschwestern. Mit großem Engagement kümmern sich die Ordensschwestern um diese Kinder – sie versorgen und unterrichten sie – und sammeln unermüdlich Geld – unter anderem mithilfe einer bischöflichen Schule im Bistum Münster. In einer vielfach patriarchalen, männerdominierten Kirche stehen diese selbstbewussten, klugen und engagierten Ordensfrauen ihre Frau.

Ein weiteres Projekt betrifft – zumeist – ältere Frauen, die aus ihren Dorfgemeinschaften und Familien ausgeschlossen worden sind – weil sie gegen soziale Konventionen in der patriarchalen Ordnung verstoßen haben, weil sie psychische oder dementielle Erkrankungen haben oder ihnen der Vorwurf der Hexerei gemacht wird. Die Begegnung mit den – ca. 40 - Frauen – zum Teil mit Kindern – in einem sehr einfachen, traditionellen Dorf hat mich sehr bewegt. In ihre Gesichter sind ihr Schicksal, ihr Leben, ihre Traurigkeit und zugleich ihre Würde eingeschrieben. Die Frauen leben jeweils in schlichten Lehmhäusern und müssen selbst für ihren Unterhalt sorgen. Auch wenn sie sich gegenseitig unterstützen und Solidarität untereinander üben, sind sie auf materielle Hilfe angewiesen, die sie von einer Pfarrei bekommen. Dort können sie zum Gottesdienst gehen und manchmal gelingt es, die Frauen wieder in ihr ursprüngliches soziales Umfeld zu integrieren.

Mich lässt der Blick in die Gesichter der Kinder in dem Kinderheim und der Frauen in dem Dorf nicht los. Mir ist deutlich geworden, wie wichtig uns der Einsatz für die Würde des Menschen aus dem Evangelium heraus sein muss – insbesondere für die Menschen, deren Würde in Frage gestellt oder bedroht wird. Gott hat den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert, in dem er in Jesus Christus selbst Mensch geworden ist – so heißt es in einem Gebet an Weihnachten.

In meiner Tätigkeit als Leiter des Katholischen Büros in Düsseldorf, der Vertretung der katholischen Kirche in Nordrhein-Westfalen auf Landesebene, geht es mitunter um das politische Klein-Klein – Finanzierung von Kindergärten und Schulen, Denkmalschutz oder die Rahmenbedingungen für katholische Krankenhäuser. All diese Einrichtungen dienen dem Menschen und seiner Würde – ohne Frage. Zugleich ist mir in den Begegnungen in Ghana erneut deutlich geworden, wie wichtig es ist, jedem Menschen mit Respekt vor der ihm eigenen Würde entgegenzutreten, immer daran zu denken, dass mir der andere mit und in seiner Würde begegnet, der Würde, die von Gott geschenkt ist und in der Gott selbst aufstrahlt.

 

Antonius Hamers

Der Autor, Jahrgang 1969, ist Jurist und katholischer Theologe, Priester des Bistums Münster und Leiter des Katholischen Büros Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.