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Die wahre Geschichte der "Bananenrepubliken"

Brenda Haas
28. Januar 2026

Instabile und korrupte Staaten werden häufig als Bananenrepubliken bezeichnet. Hinter dem abwertenden Begriff verbirgt sich eine mehr als hundert Jahre alte Geschichte kolonialer Gewalt und ausländischer Machtinteressen.

Diego Riveras Wandbild "Gloriosa Victoria" zeigt bewaffnete Männer, ein Mann mit Geld in der Tasche bedankt sich bei einem von ihnen mit Handschlag
Das Gemälde "Gloriosa Victoria“ des mexikanischen Wandmalers Diego Rivera spielte auf die Machtfülle an, die US-amerikanische Bananenunternehmen in Guatemala hattenBild: Ulises Rodriguez/dpa/picture alliance

Ein Diktator mit reflektierender Sonnenbrille und Orden auf der Brust, ein Parlament in Aufruhr, ein Volk, das zum Schweigen gebracht wird: Das ungefähr ist das Bild im Kopf, wenn der Begriff "Bananenrepublik" fällt. 

Er wurde vom US-amerikanischen Schriftsteller O. Henry (mit bürgerlichem Namen William Sydney Porter) geprägt, der 1896 nach Honduras geflohen war, um sich der Anklage einer texanischen Bank wegen Unterschlagung zu entziehen.

In der Küstenstadt Trujillo beobachtete er, wie die US-amerikanische United Fruit Company die Eisenbahnen und Häfen der Stadt beherrschte und erheblichen politischen Einfluss ausübte. Dies inspirierte ihn zu seinem Roman "Cabbages and Kings" (1904, deutsch: "Kohlköpfe und Könige") über die fiktive Republik Anchuria - eine "kleine, maritime Bananenrepublik”, deren Regierung sich den Interessen eines mächtigen ausländischen Unternehmens beugte.

"Seitdem wird dieser Begriff von US-amerikanischen Wissenschaftlern, Journalisten, Politikern und Schriftstellern als Synonym für einen korrupten, gescheiterten Staat verwendet", sagt Carlos Dada, Mitbegründer und Direktor des salvadorianischen Online-Nachrichtenportals "El Faro".  

Ein Mitarbeiter der United Fruit Company überprüft im September 1954, ob die Bananen für den Markt geeignet sind.Bild: AP Photo/picture alliance

Mehr als ein Obsthandel

Dada, der investigative Berichte über Macht, Korruption und Kriminalität in Mittelamerika verfasst hat, erklärt, dass die ursprünglichen "Bananenrepubliken" vier mittelamerikanische Länder waren - Honduras, Guatemala, Nicaragua und Costa Rica. Dort kontrollierten US-amerikanische Bananenunternehmen, die United Fruit Company und Standard Fruit (heute bekannt als Chiquita bzw. Dole), einen Großteil des Landes und des politischen Lebens.

Mit Unterstützung Washingtons halfen diese Unternehmen dabei, US-loyale Regierungen zu installieren und führende Politiker, die sich ihren Bedingungen widersetzten, unter Druck zu setzen oder zu entfernen. "Nie sind die Vereinigten Staaten so sehr in die Nähe einer Kolonialmacht gerückt wie mit diesen 'Bananenrepubliken' - ohne die Pflichten, die Kolonialherren anderswo gegenüber den Kolonisierten hatten", schreibt Dada in einem Essay, den er der DW geschickt hat.

Ein Paradebeispiel: der Fall Guatemala, wo der demokratisch gewählte Präsident Jacobo Árbenz versucht hatte, ungenutzte Plantagenflächen neu zu verteilen. Damit bedrohte er die Besitztümer der United Fruit Company, die weite Teile der Ackerflächen Guatemalas kontrollierte. 

Bananenernte in Costa Rica um 1915Bild: GRANGER Historical Picture Archive/IMAGO

In einem von der CIA unterstützten Staatsstreich wurde Árbenz gestürzt, um die Gewinne des Obstkonzerns zu schützen - und durch ein brutales, von den USA unterstütztes Regime ersetzt, das weitreichende Menschenrechtsverletzungen beging.

Der mexikanische Wandmaler Diego Rivera (Frida Kahlos Ehemann) dokumentierte den Umsturz in seinem Gemälde "Gloriosa Victoria" (deutsch: "Ruhmreicher Sieg") und stellte die United Fruit Company, die CIA und US-Beamte als zentrale Akteure dar. 

Koloniale Gewalt damals und heute 

Das System der Bananenrepubliken forderte auch Menschenleben; Arbeitskonflikte auf Bananenplantagen endeten oft in Gewalt. 1928 kam es in Kolumbien zum sogenannten "Bananenmassaker", bei dem die Armee auf streikende Arbeiter der United Fruit Company schoss, weil diese höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen forderten; unter den Opfern befanden sich auch Frauen und Kinder. Der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez verarbeitete die Geschichte 1967 in seinem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit".

Gabriel García Márquez schrieb auch über den Streik der Arbeiter auf den BananenplantagenBild: Eduardo Verdugo/AP Photo/picture alliance

Aus Sicht der US-amerikanischen Historikerin und Autorin Aviva Chomsky gibt es koloniale Gewalt nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart: Sie sieht Parallelen bei den jüngsten Ereignissen im Gazastreifen, in Venezuela oder Minneapolis. "Die Opfer werden beschuldigt, gewalttätig und gefährlich zu sein, eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darzustellen, Terroristen zu sein, die mit harter militärischer Hand unter Kontrolle gehalten werden müssen - das lesen wir immer noch jeden Tag in den Nachrichten", sagt sie gegenüber der DW. 

Sind die USA eine Bananenrepublik? 

Auch nach dem Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 tauchte in den USA in politischen Kommentaren der Begriff "Bananenrepublik" auf. Chomsky findet, dass diese Darstellung "die Ergebnisse und nicht die Ursachen betrachtet". Für sie sind die USA "von Natur aus" eine Bananenrepublik, weil das Modell der ausbeuterischen Bananenunternehmen "ebenso sehr eine grundlegende Quelle der US-Geschichte wie der honduranischen Geschichte ist".

Der exzessive Konsum der Vereinigten Staaten ist "ein Ergebnis unserer Kolonialisierung von allem, vom Land bis zur Erdatmosphäre. Das heißt, Bananen oder koloniale Ausbeutung haben die USA zu dem gemacht, was sie heute sind."

Was ebenfalls nur selten erwähnt werde, fügt sie hinzu, sei wie die USA Putsche in Lateinamerika und anderen Teilen der Welt unterstützt hätten. Sie veranschaulicht dies mit einem Witz, der nach den Unruhen vom 6. Januar in Lateinamerika kursierte: "Warum gibt es in den USA nie einen Putsch? Weil es dort keine US-Botschaft gibt."

Arbeiter bereiten den Versand der Bananen in den Docks der United Fruit Company in Honduras vor (1954)Bild: AP Photo/picture alliance

Abwertend oder beschreibend? 

Die US-amerikanische Linguistin Anne Curzan stellt fest, dass der Ausdruck "Bananenrepublik" eine für lebendige Sprachen typische semantische Verschiebung erfahren hat. Während sich der Begriff ursprünglich auf die oben beschriebene Geschichte bezog, "wurde er im Laufe der Zeit mit anderen Merkmalen einiger dieser Länder in Verbindung gebracht - die, wie man sich vor Augen halten sollte, oft von diesen ausländischen Konzernen ausgebeutet wurden -, darunter Instabilität, Militärherrschaft und/oder Diktatur und manchmal Korruption", erklärt sie gegenüber der DW.

Heute wird er auch für Länder verwendet, die keine solche Unternehmens- oder Rohstoffexportgeschichte haben. Curzan ergänzt, dass diese erweiterte Verwendung zu einer Mehrdeutigkeit des Begriffs geführt habe. "Es handelt sich in der Regel um einen abwertenden Begriff - das ist weniger mehrdeutig." Aber man soll sich gut überlegen, "was wir oder andere mit dem Begriff 'Bananenrepublik' kritisieren wollen", fügt sie hinzu. 

Einige amerikanische Politiker bezeichneten die USA nach den Unruhen im Kapitol am 6. Januar 2021 als "Bananenrepublik" - oder als korrupten, gescheiterten StaatBild: Manuel Balce Ceneta/AP/picture alliance

Chomsky greift diesen Punkt auf: "Wenn er sich auf bestimmte Eigenschaften von Menschen bezieht, dann ist er rassistisch und abwertend", sagt sie. "Wenn er sich auf historische Beziehungen bezieht, die die Souveränität untergraben haben, dann ist er ein nützlicher Begriff."

Diese Unterscheidung sei wichtig, argumentiert sie, da die Tendenz bestehe, Armut, Gewalt und Korruption so zu behandeln, als seien sie in Mittelamerika quasi naturgegeben. Sie verweist darauf, dass der ehemalige Präsident Joe Biden einmal versucht habe, die "Grundursachen" von Migration, Armut, Gewalt und Korruption anzugehen. Hätte er gefragt, was diese Ursachen seien, so Chomsky, "hätte er sich damit auseinandersetzen müssen, dass gerade seine 'Lösungen' - militärische Kontrolle, Hilfe und Investitionen der USA - diese Probleme überhaupt erst verursacht haben".

Der Begriff "Bananenrepublik" hat längst Eingang in andere Sprachen gefunden; neben Deutsch gehören dazu auch Französisch und Spanisch. Chomsky sagt, dass er auch in Lateinamerika in politischen oder akademischen Kontexten verwendet wird.

Die meisten Lateinamerikaner kümmere es wenig, ob der Begriff politisch korrekt sei; er lenke nur von den hässlichen Realitäten ab. "Wir müssen in der Lage sein, über die historischen Beziehungen zu sprechen, die die Souveränität untergraben haben", so Chomsky, "und nicht so tun, als wäre jedes Land eine frei rollende Billardkugel, die unter gleichen Bedingungen auf dem Billardtisch herumrollt."

Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords 

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