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Politik

Wunden der Sklaverei

Thomas Milz
13. Mai 2018

Vor 130 Jahren endete in Brasilien die Sklaverei. Kronprinzessin Isabella hatte mit dem "Goldenen Gesetz" den Schlussstrich gesetzt. Doch bis heute sind die Verbrechen in der Gesellschaft nicht verarbeitet. 

Geschichte: Sklaverei in Brasilien
Bild: picture-alliance/L. Correa

Lange lagen die Spuren des gigantischen Verbrechens im Verborgenen. Zur Ankunft seiner italienischen Braut im September 1843 hatte Kaiser Pedro II. rasch den Kai des alten Hafens von Rio de Janeiro zuschütten lassen. Siebenhunderttausend Sklaven gingen hier zwischen 1774 und 1831 an Land, so viele wie an keinem anderen Ort der Welt. Doch der Kaiser wollte davon nichts wissen.

Die Afrikaner, die die Atlantikpassage nicht überlebten, wurden damals den angrenzenden Hügel hochgetragen und auf einen Haufen zwischen Hausmüll und tote Kühe geworfen. Im Jahr 1996 entdeckte eine Familie diesen "Friedhof der neuen Schwarzen" (Cemitério dos Pretos Novos) unter dem Fundament ihres Hauses. Die von ihnen eingerichtete Gedenkstätte steht heute vor der Schließung, seit über einem Jahr überweist die Stadt keinen Pfennig mehr. 

Dabei ist das alte Hafenviertel, Rios "Kleines Afrika", seit einem Jahr Unesco Welterbe, mit dem ausgegrabenen Sklaven-Kai als Herzstück. Eigentlich ein Touristenmagnet par excellence. Doch die Erinnerung an die Sklaverei erscheint dem offiziellen Brasilien auch heute unerwünscht.  

Erzwungene Entscheidung

Am 13. Mai 1888 hatte Kronprinzessin Isabella mit dem "Goldenen Gesetz" die Sklaverei beendet. Ganz ohne blutigen Bürgerkrieg, wie in den USA, und ohne eine erfolgreiche Sklavenrevolte, wie 1794 auf Haiti. Nachdem England 1845 im "Aberdeen Act" Brasilien den transatlantischen Sklavenhandel untersagt hatte, kam es auf den dortigen Plantagen zu Arbeitskräftemangel. Den glich man zusehends durch europäische Einwanderer aus, die effizienter arbeiteten als die rebellischen Sklaven.

Die historische Lithografie zeigt das Auspeitschen von schwarzen Sklaven in Brasilien Bild: picture-alliance/Bibliothèque Nationale

Erst als sich das ökonomische System der Sklaverei totgelaufen hatte, beendete Brasilien es. Als letztes Land ganz Amerikas. Die Bilanz von 350 Jahren war erschütternd. Jeder zweite über den Atlantik verschleppte Afrikaner landete in Brasilien. Zwei Millionen alleine in Rio, 5,8 Millionen insgesamt entlang der brasilianischen Küste. 

Brasiliens Plantagen waren unersättlich nach menschlichem Nachschub. Jeder zehnte Afrikaner, so schätzt man, starb bereits auf der Überfahrt. In Brasilien angekommen, trennte man die Familien. Die Männer schickte man zur Feldarbeit in die entlegensten Regionen, während die von ihren weißen Herren vergewaltigten Frauen immer neue Generationen von Brasilianern gebaren. Den weißen Herren genügte nicht die Ausbeutung von Natur und Mensch; sie dominierten ihre Untergebenen sprichwörtlich bis auf Fleisch und Knochen.

Hilflosigkeit statt Freudenfest

Trotzdem hält sich bis heute der Glaube, dass die Sklaverei in Brasilien menschlicher war als anderswo. Dazu beigetragen haben die aus jener Zeit erhaltenen Bilder und Berichte, die selten die grausame Realität abbildeten. Ihre Befreiung im Mai 1888 war für die Sklaven nicht das offiziell verkündete Freudenfest, sondern meist eine wirtschaftliche Katastrophe. Ohne ein Stück Land, einen Pfennig Startkapital oder jedwede Bildung übergab man sie ihrem Schicksal. Und da stehen sie immer noch.

Millionen Afro-Brasilianer leben heute unter den gleichen prekären Umständen wie ihre vor 130 Jahren befreiten Vorfahren. Die ärmlichen Favela-Hütten der brasilianischen Peripherien gleichen denen des 19. Jahrhunderts. Noch immer sind Millionen Brasilianer nicht angekommen in Brasilien. Zwei Drittel der jährlich rund 60.000 Gewaltopfer sind junge Schwarze, zwei Drittel der Gefängnisinsassen ebenfalls. 

Für sie hält Brasilien keine andere Perspektive bereit als den in der Sklavenzeit gestarteten Zyklus aus Gewalt, die Rebellion gegen die feindlich gesinnte Gesellschaft und gegen sich selbst. Während die Weißen damals wie heute unantastbar sind, richten sie ihre Gewalt in Hoffnungslosigkeit und Selbsthass gegen sich selbst. 

Das Erbe der Sklaverei lässt sich nicht einfach abschütteln, sagt der italienische Psychoanalytiker Contardo Calligaris, der seit den 80er Jahren in Brasilien lebt. Die Figur des "colonizador", des brutalen Dominanten und "Ausbeuters", trage jeder Brasilianer in sich. "Alle Beziehungen im Machtgefüge Brasiliens sind von den Gespenstern der Sklaverei bewohnt", so Calligaris. Macht drücke sich stets auch als körperliches Dominieren über den anderen aus, ein Poltergeist der Sklaverei, der nicht verschwinden will. 

Demonstration von Nachfahren von Sklaven zum Tag des Schwarzen Bewusstseins Bild: DW/M. Fox

Moderne Sklaverei

Auch die Sklaverei selbst ist nicht verschwunden. "Man stellt sich unter Sklaven immer noch die angeketteten Galeerenruderer à la Hollywood vor", sagt der französische Dominikaner Xavier Plassat. "Aber statt der Ketten werden die Menschen heute durch ökonomische Abhängigkeiten versklavt." Plassat kämpft seit den 80er Jahren mit katholischen Geistlichen gegen moderne Sklaverei. Auf ihren Druck erließ die Regierung 1995 ein Gesetz gegen Sklaverei.

Seitdem wurden 54.000 Arbeitssklaven befreit. Sie schufteten ohne gerechten Lohn auf den Viehweiden der Amazonasregion, in den illegalen Nähfabriken São Paulos oder an den Holzkohlemeilern des Nordostens. Ende 2017 versuchte Präsident Michel Temer überraschend, den Begriff der modernen Sklaverei aufzuweichen, indem er das Element wirtschaftlicher Zwangsabhängigkeit als Kriterium strich. Doch angesichts der weltweiten Entrüstung ruderte Temer rasch zurück.

Der Schatten der Sklaverei könne nur verschwinden, wenn Brasiliens dunkelhäutige Bevölkerung endlich zum Protagonisten der eigenen Geschichte werde, glaubt der Black-Movement-Aktivist Celso Athayde. Mit der "Frente Favela Brasil" hat er die erste Partei für Schwarze gegründet. Das brachte ihm den Vorwurf der Diskriminierung von Weißen ein. Dabei habe man doch gesehen, was passierte, als sich die Sambaschulen für Weiße öffneten, so Athayde. Innerhalb kürzester Zeit hätten die dort das Sagen gehabt. Das soll seiner Partei nicht passieren. 

Weiße würden sich nie mit einer Nebenrolle zufrieden geben, stets müssten sie den Ton angeben, so Athayde. "Wir Schwarzen hingegen verstecken uns gerne hinter den Weißen, weil wir Angst vor der Hauptrolle haben. Doch wir müssen endlich lernen, diese Hauptrolle anzunehmen."