1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Die zehn dunklen Tage von Evian

Dijana Roscic
15. Juli 2026

Im Juli 1938 fand im französischen Evian eine internationale Konferenz statt. Es ging um das Schicksal jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich. Fast niemand auf der Welt war bereit, sie aufzunehmen.

SA-Männer kleben ein antisemitisches Plakat mit dem Text "Deutsche, wehrt euch - kauft nicht von Juden" an die Fensterscheibe eines jüdischen Geschäfts
"Deutsche, wehrt euch - kauft nicht bei Juden" steht 1938 auf einem Schaufenster in DeutschlandBild: dpa/picture alliance

Vom 6. bis 15. Juli 1938 versammelten sich Vertreter von 32 Ländern und dutzender humanitärer Organisationen im vornehmen Kurbad Evian auf der französischen Seite des Genfer Sees zu einer Konferenz. Das Ziel: eine Lösung für etwa eine halbe Million Juden aus dem Dritten Reich zu finden.

Es war fünfeinhalb Jahre nach der Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland und dreieinhalb Monate nach dem sogenannten "Anschluss" Österreichs. Zu dieser Zeit hatte das Nazi-Regime noch keine systematischen Massenmorde verübt - aber die Lage der Juden verschlechterte sich seit 1935 immer mehr.

Nach dem "Anschluss" Österreichs von 1938 mussten Juden die Straßen Wiens auf Knien putzenBild: World History Archive/IMAGO

Die rassistischen Nürnberger Gesetze, mit denen Juden die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde, waren international bekannt - ebenso, dass Juden aus Schulen, Universitäten und dem öffentlichen Leben ausgeschlossen worden waren, und auch, dass Juden, die das Land verlassen wollten, ihr Eigentum zurücklassen mussten.

Bereits 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nazis, hatte der Völkerbund - der Vorläufer der Vereinten Nationen - den Amerikaner James McDonald zum Hochkommissar für Flüchtlinge aus Deutschland ernannt. Er trat 1935 zurück, verzweifelt über die Unwilligkeit der Regierungen der Welt, das Problem ernst zu nehmen.

Auswanderung nur nach Ausplünderung

Zunächst hatte Berlin unter Hitler die Auswanderung von Juden aktiv gefördert - zur Zeit der Evian-Konferenz hatten etwa 200.000 von ihnen Deutschland verlassen. Die Nazis verhängten jedoch immer strengere finanzielle und administrative Beschränkungen: Juden wurde fast ihr gesamtes Eigentum, Immobilien und Ersparnisse eingezogen, bevor sie das Land verlassen durften - und sie mussten ein Visum oder ein Reiseticket vorzeigen können.

Juden, die auswandern wollen, warten vor einem Reisebüro auf der Meine-Neue in BerlinBild: akg-images/picture alliance

Das Ziel der Nazis war klar: Die Juden sollten Deutschland völlig mittellos verlassen. Und das nicht nur, weil das Regime von der Plünderung jüdischen Eigentums profitierte, sondern auch, weil arme Auswanderer eine größere Last für das aufnehmende Land darstellen, was die Abneigung gegen die  Flüchtlinge weiter nähren sollte.

Roosevelts Initiative

Die Initiative für Evian kam von US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Sein Ziel war es, die Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich zu einem legalen, kontrollierten Auswanderungsstrom zusammenzuführen - und die teilnehmenden Länder dazu zu ermutigen, entsprechend ihrer Größe Menschen aufzunehmen. Dabei sollte kein Land verpflichtet werden, seine Einwanderungsquoten zu ändern. Und es sollten keine staatlichen Gelder für die Finanzierung von Flüchtlingen ausgegeben werden.

 

Das Royal Hotel in Evian, wo im Juli 1938 eine Konferenz stattfand (zeitgenössische Postkarte)Bild: Arkivi/akpool GmbH/picture alliance

Doch noch bevor die Delegierten im luxuriösen Hotel ankamen, hatten Washington und London sich bereits geeinigt: Die USA hatten versprochen, das britische Mandatsgebiet Palästina nicht als möglichen Zufluchtsort zu erwähnen. Und das Vereinigte Königreich hatte im Gegenzug versprochen, ungenutzte US-Einwanderungsquoten nicht anzusprechen.

Mitgefühl und Ausreden

An dem Treffen nahmen nicht etwa Staatsoberhäupter teil, sondern niederrangige Diplomaten. Einer nach dem anderen erhoben sich die Vertreter der Länder, um ihr tiefes Mitgefühl auszudrücken - gefolgt von Ausreden, warum sie nicht helfen könnten. Die westeuropäischen Demokratien rechtfertigten sich mit hoher Arbeitslosigkeit und der Wirtschaftskrise und behaupteten, sie bräuchten keine Professoren, Künstler, Ärzte und Handwerker.

 

Miron C. Taylor, US-Delegierter, 7. Juli 1938, auf der Evian-KonferenzBild: United Archives International/IMAGO

Kanada erklärte, es sei lediglich bereit, erfahrene Landwirte mit eigenem Kapital aufzunehmen. Der australische Delegierte Thomas White sagte: "Da wir kein wirkliches Rassenproblem haben, sind wir nicht bereit, es zu importieren." Frankreich gab an, es sei bereits "gesättigt" mit Flüchtlingen. Die Niederlande und die Schweiz wollten ausschließlich Transitvisa ausstellen. Andere Länder wie Rumänien und Polen baten westliche Länder gar darum, auch ihre jüdischen Bevölkerungen aufzunehmen.

Nur einige lateinamerikanische Länder wie Mexiko und Kolumbien verpflichteten sich, in den folgenden Jahren jährlich mehrere hundert Juden aufzunehmen. Einzig die Dominikanische Republik bot an, bis zu 100.000 Juden aufzunehmen - doch aufgrund bürokratischer Probleme und des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs im September 1939 kam es nicht zu dieser Migration.

"Eine erschütternde Erfahrung"

Die Konferenz von Evian endete mit der Gründung des Zwischenstaatlichen Flüchtlingskomitees (IGC) - eines völlig machtlosen Gremiums. Golda Meir, die spätere Premierministerin Israels, war 1938 als Beobachterin in Evian. 1975 schrieb sie in ihren Memoiren: "Dazusitzen in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung."

 

Juden in Wien warten 1938 auf Visa für PolenBild: Photo12/Archives Snark/IMAGO

Während die Medien im Deutschen Reich jubelten, berichtete die Presse in demokratischen Ländern mit einer Mischung aus Mitgefühl und Scham. Das US-Magazin "Time" bemerkte: "Alle anwesenden Nationen brachten ihr Mitgefühl für die Flüchtlinge zum Ausdruck, aber nur wenige boten an, sie in ihre Grenzen zu lassen." Am 10. Juli 1938 schrieb der Korrespondent der "New York Times": "Es bricht mir das Herz, an die Schlangen verzweifelter Menschen vor unseren Konsulaten in Wien und anderen Städten zu denken. Das ist eine Prüfung der Zivilisation."

Signal für Berlin

Historisch gesehen sandte das Evian-Fiasko ein klares Signal an das NS-Regime: Niemanden auf der Welt kümmert das Schicksal der Juden und die demokratische Welt wird keinen Finger rühren, um sie zu schützen.

 

Wien 1938: Juden stehen Schlange, um sich registrieren zu lassenBild: GRANGER Historical Picture Archive/IMAGO

Jochen Thies, Autor des Buches "Evian 1938. Als die Welt die Juden verriet", sagt: "Die Engländer mit ihrem Riesen-Empire hätten ein sehr großes Angebot machen müssen, sagen wir mal bei 500.000 zu verteilenden Menschen 120.000 bis 150.000, dann hätten die Amerikaner, dann hätte Roosevelt einen Vorwand gehabt, seine Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass man mitziehen muss und hätte proportional vielleicht 200.000 gesagt, und dann hätte man einen Teil der Südamerikaner gewinnen können."

Nur vier Monate nach der Evian-Konferenz orchestrierte das NS-Regime die Novemberpogrome in Deutschland und Österreich; ein Jahr später griff das Dritte Reich Polen an und begann so den Zweiten Weltkrieg.

In den Jahren danach hing das Schicksal der Juden in den von den Nazis kontrollierten Gebieten weitgehend von Einzelnen ab, die bereit waren, Regeln zu brechen.

Ho Feng Shan, Chinas Konsul in Wien, begann Tausende von Visa für Shanghai auszustellen - einen Hafen, in dem es damals keine Passkontrolle gab. Ähnliches taten einige Konsuln lateinamerikanischer Länder. Diese Visa retteten Juden aus der nationalsozialistischen Hölle - bevor der einzige Weg in eines der vielen Konzentrationslager führte.

Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen