Die Zigarre als Machtsymbol
28. September 2001
Schwer wabern Rauchschwaden über die Bühne. Der blaue Qualm beißt in den Augen. Eigentlich ist Rauchen im Theater verboten. An diesem Mittwoch jedoch war das im Berliner Ensemble ganz anders - zumindest für die Schauspieler. Sie mussten rauchen - allerdings nicht irgendeine Zigarette, sondern edle Zigarren. So wollte es Franz Wittenbrink und das hat einen guten Grund. Sein neuestes Stück, das er selbst inszeniert hat und das jetzt in Berlin uraufgeführt wurde, trägt den Titel "Zigarren".
Ein Abend mit Musik über Macht und Sex, Ost und West, merkwürdige Übereinstimmungen zwischen scheinbar Gegensätzlichem. Franz Wittenbrink erklärt:
"Ich sehe die Zigarre im Mund von Clinton, ich sehe sie im Mund des Bundeskanzlers, auch bei Bertolt Brecht und Heiner Müller, bei Ludwig Erhard oder Fidel Castro ... Der Titel 'Zigarren' ist im Grunde ein Bild dafür, dass der eigentliche Impetus die Macht ist und nicht die Ideologie - die ist eher austauschbar."
Wittenbrink, geboren 1948 im niedersächsischen Bentheim, erhielt seine erste musikalische Ausbildung bei den Regensburger Domspatzen. Seine Theaterarbeit begann er am Nationaltheater Mannheim als Komponist, Dirigent und Musikalischer Leiter. Danach schuf er Musiktheater-Produktionen und Liederabende für zahlreiche große Bühnen. Von 1993 bis 2000 war Franz Wittenbrink Musikalischer Leiter am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.
In den letzten Jahren hat Wittenbrink ein eigenes Genre erfunden: Stücke für Schauspieler, in denen ausschließlich gesungen wird, die aber über den Charakter eines traditionellen Liederabends weit hinausgehen.
"Mondsüchtig", "Sekretärinnen", "Männer!", "Denn alle Lust will Ewigkeit", "Pompes Funbres" - um nur einige seiner Arbeiten in Basel, Hamburg, Salzburg und Wien zu nennen - sind mittlerweile Kultveranstaltungen geworden, wilde musikalische Mischungen vom Volkslied bis zum Pop, vom Schlager bis zur Arie.
"Zigarren" ist die erste Inszenierung von Franz Wittenbrink in Berlin. Dass er der Einladung ans Berliner Ensemble folgte, ist kein Zufall:
"Ich habe mich jahrelang darum gedrückt, hier in Berlin etwas zu machen. Aber ein Haus wie das Berliner Ensemble ist wegen seiner großen Tradition ein großer Anreiz und auch aufgrund seiner Position zwischen den Stühlen: Ex-Ost, nicht West ... auch innerhalb des Ensembles, mit den verschiedenen Biografien der Schauspieler, das finde ich sehr, sehr interessant. Die Aufgabe ist allerdings, wie drückt man auf der Bühne Macht aus, wenn man über die Darstellung eines Parteitages hinaus will? Aber das Verhältnis von Macht und Sex ist durchaus theatralisch, da muss ich gar nicht an die Soap-Opera Clinton meets Lewinsky denken."
Die Uraufführung in Berlin war ein voller Erfolg. Das Publikum honorierte die Liedinterpretationen der neun Schauspieler mit Szenenapplaus und Bravo-Rufen, so dass sich das Ensemble am Ende der knapp zweistündigen Vorführung sogar zu zwei Zugaben hinreißen ließ. Am Flügel begleitet vom Autor selbst brillierten sie mit 48 teilweise eigenwillig bearbeiteten Songs aus den vergangenen Jahrhunderten - von Wolfgang Amadeus Mozart über Hans Albers bis zu der Band Manu Chao.
Komik entstand durch das Aneinanderreihen von offenbar nicht zueinander passenden Liedern - zum Beispiel wenn die Sänger mit ernster Miene hintereinander weg zunächst einen Klassiker von Mick Jagger rockten, dann den Text "Die Toten haben einen leichten Schlaf" von Heiner Müller zitieren, um schließlich voller Inbrunst und Gefühl Franz Schuberts "Heidenröslein" zu singen.