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"Dinner For One" forever

Katharina Abel
31. Dezember 2018

"The same procedure as every year": Für Millionen Deutsche gehört der Kultsketch "Dinner for One" zu Silvester wie Böller und Bleigießen. Was macht dieses britische TV-Duo so besonders? Wir klären auf.

Szene aus NDR Dinner for One oder Der 90. Geburtstag: Butler James und Miss Sophie sind im Begriff, die Treppe hinaufzugehen
Bild: NDR/Annemarie Aldag

Vierzehnmal. So oft läuft der Sketch "Dinner for One oder: Der 90. Geburtstag" an Silvester im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Vierzehnmal! Und das gilt nur für das englischsprachige Original. Dazu kommt noch die Schweizer Version und natürlich die Fassungen in regionaler Mundart, die bei den Regionalsendern der ARD gezeigt werden: "up Platt" (also Plattdeutsch), "op Kölsch" (der kölnische Dialekt), auf Hessisch. Und auf Nordhessisch. Wirklich wahr. Außerdem noch drei verschiedene Parodien. Insgesamt können Fans zwischen 10:30 am Silvestermorgen bis 2:30 in der Nacht aus 27 Angeboten wählen.

Worum geht es in dem Sketch? Die bezaubernde Miss Sophie (gespielt von May Warden) feiert ihren 90. Geburtstag. Wie jedes Jahr hat sie dazu ihre engsten Freunde eingeladen: Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom.

Da sind noch alle nüchtern: Butler James (Freddie Frinton) hilft Miss Sophie (May Warden) die Treppe hinunterBild: NDR/Annemarie Aldag

"I'll do my very best"

Die Herren sind leider alle schon verstorben, aber zum Glück gibt es ja den ebenfalls bereits betagten Butler James, verkörpert von Freddie Frinton, der nicht nur das Dinner samt dazu passenden alkoholischen Getränken serviert, sondern auch in die Rollen der Gäste schlüpft. So will es Miss Sophie, wie James sich immer wieder mit der Frage "The same procedure as last year, Miss Sophie?" vergewissert. Zur Antwort bekommt er jedes Mal: "The same procedure as every year, James."

Also spricht er vor jedem Gang und für jeden Gast einen Toast auf das Geburtstagskind, trinkt jedes Glas leer - und wird so immer betrunkener. Der etwa 18-minütige Sketch ist gespickt mit Running Gags, die mit jedem Gang mehr Fahrt aufnehmen - so stolpert James elfmal über ein am Boden liegendes Tigerfell -, bis schließlich Miss Sophie verkündet, sich zurückziehen zu wollen ("I think I'll retire"). James fragt nochmals "The same procedure as last year, Miss Sophie?", sie antwortet wieder: "The same procedure as every year, James." Worauf er mit einem Augenzwinkern zu den Zuschauern mit "Well, I'll do my very best" antwortet, um sich dann mit der alten Dame in die oberen Gemächer zurückzuziehen.

James alias Mister Winterbottom macht Miss Sophie KomplimenteBild: NDR/Annemarie Aldag

Das kann man lustig finden oder auch nicht. Fest steht: Man wird in Deutschland kaum einen erwachsenen Menschen finden, der die Sendung noch nie gesehen hat. Für Millionen Fernsehzuschauer gehört "Dinner for One" jedes Jahr zu Silvester wie Bleigießen, Böller, Raclette oder Fondue.

Eingespieltes Team mit Tigerfell

Seit 1972 wird der Sketch, der 1963 vom NDR (Norddeutscher Rundfunk) gedreht und zunächst nur ab und an als Pausenfüller gezeigt wurde, am 31. Dezember ausgestrahlt. Längst steht er im Guinness Buch der Rekorde als Sendung mit den meisten Wiederholungen weltweit. Und die Einschaltquoten sind noch immer hoch: Mehr als 12 Millionen Deutsche, Jung und Alt, haben Silvester 2017 eingeschaltet. Nicht schlecht für einen in Echtzeit produzierten Schwarz-Weiß-Streifen, der nicht einmal synchronisiert wurde.

"Dinner for One", das ist Kult. Warum eigentlich? Zum einen natürlich, weil es extrem gut gespielt ist. Frinton und Warden waren mit dem Stück seit den 50er-Jahren durch England getingelt (wo sie bei einer Aufführung in Blackpool vom deutschen Showmaster Peter Frankenfeld für den NDR entdeckt wurden) und ein eingespieltes Team. Die Pointen sitzen, jede Geste, jede Mimik stimmt.

Eine Stolperfalle, die ihr ganzes Gefahrenpotenzial erst nach und nach offenbart: das TigerfellBild: picture-alliance/akg-images

"Gemeinsame mediale Erfahrung"

Perfektes Timing, das musste auch und vor allem für das Stolpern gelten: Deshalb brachte Frinton sein eigenes Tigerfell zum Dreh nach Hamburg mit. Das ihm dort angebotene Eisbärfell lehnte er ab, weil sein Stolpern genau auf den Kopf des Tigers abgestimmt war. Der musste irgendwann übrigens der ganzen Tritte wegen geflickt werden - mit Leopardenfell.

Ein anderer Grund für den andauernden Erfolg hat mit der Fernsehlandschaft in den Siebzigern zu tun: "Es gab damals ja viel weniger Fernsehprogramme, deshalb war es leichter, eine Sendung als Tradition zu etablieren. 'Dinner for One' konnte seinen Bezug zu Silvester über Jahre hinweg aufbauen", erklärt Christina Bartz, Medienwissenschaftlerin an der Uni Paderborn, das Phänomen. "Daraus wurde dann eine gemeinsame mediale Erfahrung. Heute wäre so etwas angesichts der Programmvielfalt kaum mehr möglich."

Besondere Ehrung: die Sondermarke der Deutschen PostBild: picture-alliance/dpa/A. Heimken

TV-Premiere in Großbritannien

Auch in der Schweiz, Österreich, Schweden, Dänemark, Luxemburg, Belgien, Estland und sogar Australien gehört der Sketch zur Silvestertradition und hat zahlreiche treue Fans. Nur in Großbritannien, der Heimat von Freddie Frinton und May Warden, ist er bislang weitgehend unbekannt, doch das könnte sich jetzt ändern: Der Bezahlsender "Sky Arts" wird Miss Sophies 90. Geburtstag am Silversterabend erstmals im britischen Fernsehen ausstrahlen. 

In Deutschland erhält das charmante Paar noch immer neue Ehren: So brachte die Deutsche Post im Oktober eine Sondermarke mit einer Filmszene heraus, und die Stadt Bremerhaven, immerhin Partnerstadt von Freddie Frintons Geburtsort Grimsby, plant eine Dauerausstellung mit dem Nachlass des Schauspielers - inklusive Tigerfell.   

Gerüchte, wonach der Kult bald ein Ende finden könnte, hat die ARD auf Anfrage zurückgewiesen: "Dieses Gerücht ist definitiv falsch." Damit gilt für alle Fans auch für künftige Silvesterabende: The same procedure as every year.

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