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PolitikEuropa

Dominic Cummings: Die Rache des Beraters

Barbara Wesel
26. Mai 2021

"10 Downing Street war reines Chaos": Der Ex-Berater und mächtige Strippenzieher des britischen Premierministers rechnet bei der Corona-Anhörung im Unterhaus mit Boris Johnson für seinen Rauswurf ab.

Dominic Cummings sagt vor Mitgliedern von Unterhaus-Ausschüssen des britischen Parlaments aus
Ex-Berater Dominic Cummings bei der Anhörung im britischen Unterhaus am 26. Mai Bild: House of Commons/empics/picture-alliance

Immerhin erschien Dominic Cummings zur Anhörung im Unterhaus nicht im Kapuzenpulli. Im weißen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln wirkte er ungewohnt locker. Dabei war der Ex-Berater von Boris Johnson als heimlicher Herrscher der Downing Street wegen seiner Arroganz, seines explosiven Temperaments und seines unorthodoxen Kleidungsstils berühmt geworden.

Cummings hatte die ursprüngliche Brexitkampagne zum Erfolg geführt und galt seitdem als genialer Politstratege. Außerdem soll er quasi unbegrenzten Einfluss auf Boris Johnson gehabt haben.

Wie sich Beobachter so irren können, denn in der stundenlangen Anhörung im Unterhaus zu den "Lehren aus der Covid-Krise" erklärte Cummings, dass der Premierminister auf seinen guten Rat nicht gehört habe. Stattdessen hätten in der Downing Street Chaos und Unfähigkeit geherrscht. 

Es war sein Rauswurf aus der Downing Street, der Dominic Cummings zur Rache antriebBild: Henry Nicholls/REUTERS

"Meine Fehler tun mir leid"

"Die Berater, die Minister und ich haben auf desaströse Weise versagt", räumte der Mann zunächst ein, der doch unbegrenzte Macht über das Personal beim Premierminister gehabt haben soll. Eine unliebsame Kollegin hatte er hinausgeworfen und gleich von der Polizei abführen lassen.

Mittlerweile gibt sich Cummings voller Bedauern über den Umgang der Regierung mit der Corona-Krise: "Ich möchte den Familien derer, die unnötig gestorben sind, sagen, wie leid mir die Fehler tun, die gemacht wurden, auch meine eigenen."

Er hätte viel früher auf den Panikknopf drücken müssen, räumt der frühere Chefberater ein: "Als die Öffentlichkeit uns am meisten brauchte, hat die Regierung versagt."

Cummings holte zum Rundumschlag aus: "Ein System, das den Leuten die Wahl zwischen Boris Johnson und Jeremy Corbyn anbietet, ist ganz furchtbar entgleist." Es sei "verrückt", dass jemand wie er selbst so viel Macht hatte, und es sei auch "irre", dass Johnson sie noch habe. "Es gibt Tausende von Leuten (in Großbritannien), die besser führen könnten."

Es riecht nach Königsmord

Zieht da einer das Messer aus dem Gewand, um es dem früheren Chef in den Rücken zu stechen? Cummings Wandlung vom gefürchteten Boris-Flüsterer zum Königsmörder ist ein Schauspiel, das in der britischen Presse seit Wochen mit Spannung erwartet wurde.

Er wolle dem Ausschuss alle Aktennotizen und Mails überlassen, verspricht der Ex-Berater, wenn damit aufgeklärt werden könne, warum Großbritannien zweimal zu spät den Lockdown anordnete, und warum es im vorigen Jahr über 100.000 Corona-Tote gab.

Nach informellen Schätzungen sollen es einschließlich der Opfer, die zu Hause und in Altenheimen ohne Diagnose starben, sogar etwa 150.000 Verstorbene gewesen sein. In der ersten Coronawelle im vorigen Jahr gehörten 40 Prozent der Todesopfer zu deren Bewohnern.

Zwischen sonderlich bis durchgeknallt - die Meinungen über Cummings Verhalten als Berater sind ziemlich gespaltenBild: Getty Images/AFP/T. Akmen

"Der Premierminister traf schlechte Entscheidungen, machte Fehler und dann wieder Kehrtwenden." Einen Großteil der Schuld trage Gesundheitsminister Matt Hancock, laut Cummings ein "serieller Lügner von kriminellem, abscheulichem Benehmen, der viel Schaden anrichtete." 

Aus dem Gesundheitsministerium kam laut Cummings auch die Anweisung, alle alten Patienten aus den Krankenhäusern zu entlassen, um Betten frei zu machen. Der Regierung sei dazu gesagt worden, die Leute würden getestet.

Doch, so Cummings, "all das passierte nicht. In den Heimen gab es keine Schutzkleidung, keine Masken und keine Tests für das Personal - alle Versprechen waren Lüge."

Im September will der Berater schon gewusst haben, was der Premier bei Corona alles falsch gemacht haben sollBild: picture-alliance/AP Photo/M. Dunham

Das wahre Problem in der Corona-Krise hätte darin bestanden, dass der Premierminister täglich seine Meinung geändert habe. Johnson sei "wie ein Einkaufswagen im Supermarkt, der von der einen Seite des Gangs an die andere knallt." Und er habe die Pandemie zu lange unterschätzt und verniedlicht.

Irrweg Herdenimmunität

In der ersten Phase habe der Regierungschef in erster Linie die Wirtschaft schützen wollen. Erst als Statistiker die möglichen Todesopfer mit einer halben Million bezifferten, wenn die Regierung weiter auf Herdenimmunität durch ungebremste Ausbreitung des Virus setzen würde, sei er eingeschwenkt.

Während des zweiten Lockdowns im Herbst habe Johnson dann in seinem Arbeitszimmer die berüchtigte Bemerkung gemacht, eher sollten sich die Leichen hochstapeln, als dass er noch eine weitere Schließung anordnen würde. Dominic Cummings versicherte in seiner Aussage, dass der Premier dies genauso gesagt haben soll. Cummings redete so ausführlich und schlecht über Johnson, dass  sich manch einer fragt, wie er es an als Berater an Johnsons Seite überhaupt anderthalb Jahre habe aushalten können.

Ziel von Protesten - Dominic Cummings zog durch sein eigenes Verhalten den Zorn vieler Bürger auf sichBild: Imago Images/PA Images/E. Dezonne

Die Opposition verlangte nach dieser Anhörung umgehend einen Untersuchungsausschuss, um den Versäumnissen der Regierung auf den Grund zu gehen. Auch sollen die internen Vermerke und Mails veröffentlicht werden, die Dominic Cummings so großzügig zur Verfügung stellen will. Am Ende zählen dann Fakten, nicht Rhetorik. Der Einblick in den Maschinenraum der Macht dürfte wohl viele Briten erschauern lassen - wenn es überhaupt dazu kommt. 

 

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