1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Doris Dörrie und "Frau Winkler": Sterbehilfe per Roboter?

15. Oktober 2026

Während die Welt über die Gefahren Künstlicher Intelligenz diskutiert, lotet die Filmemacherin Doris Dörrie aus, wie humanoide Roboter unseren Umgang mit Alter, Pflege und selbstbestimmtem Sterben verändern könnten.

Filmstill: Eine Frau in einem Pflegebett, neben ihr ein Roboter, drumherum zwei weitere Frauen und ein Kind
Filmszene: Frau Winkler ist von Roboter "Pawlowitsch" zunächst alles andere als begeistertBild: Mathias Bothor/Zeitsprung Pictures/Wild Bunch Germany/dpa/picture alliance

Hamburg in naher Zukunft: Statt Paketboten bringen Roboter die Pakete, im Café fährt ein sprechender Servierwagen zwischen den Tischen umher, auf den Straßen begegnet man humanoiden Robotern, die Hunde ausführen; oder auch umgekehrt: Menschen, die einen Roboterhund spazieren führen. Ansonsten wirkt diese Welt erstaunlich normal.

In dieser Szenerie beginnt Doris Dörries neuer Film "Frau Winkler verlässt das Haus". Im Mittelpunkt steht eine ältere Dame, die nach einem Sturz nicht mehr alleine zurecht kommt. Doch ihre einzige Tochter kann die Pflege nicht dauerhaft übernehmen. Die Lösung scheint schnell gefunden: ein Pflegeroboter mit eingebautem EOL-Programm. EOL steht für "End of Life Mode", sprich: Der Roboter begleitet nicht nur durch den Alltag, sondern leistet unter bestimmten Voraussetzungen auch Sterbehilfe, nämlich wenn der Mensch dies selbst wünscht und medizinische Kriterien erfüllt sind.

Doris Dörrie greift in ihrem Film mit großer Leichtigkeit gleiche mehrere gesellschaftliche Schwergewichte auf: Es geht unter anderem um die Herausforderungen, vor denen alternde Gesellschaften wie beispielsweise Deutschland, Japan oder auch China stehen, es geht um das Thema selbstbestimmtes Sterben und eine Mutter-Tochter-Beziehung, die die Schuldfrage zwischen den Generationen stellt. Es sind Themen von universeller Relevanz, auch wenn die Handlung in Deutschland verankert ist.

"Ich schreibe das, was mich selbst bewegt und interessiert", sagt Doris Dörrie im Interview mit der DW. Dörrie zählt zu den bekanntesten deutschen Filmregisseurinnen der Gegenwart. Der Durchbruch gelang ihr 1985 mit der Komödie "Männer"; später machte sie unter anderem mit Filmen wie "Kirschblüten – Hanami" auch international auf sich aufmerksam.

Wer entscheidet, wann wir sterben?

Sterbehilfe gehört zu den komplexesten ethischen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit. Entsprechend unterschiedlich fallen die Regelungen weltweit aus: Während einige Länder aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen erlauben, ist in anderen jede Form der Beihilfe zum Sterben verboten und strafbar.

Doris Dörrie stellt mit ihrem Film die Frage: Was passiert, wenn eine KI beginnt auszurechnen, wie kostenintensiv die Pflege eines alten Menschen ist und ob sich diese Belastung für eine Gesellschaft noch "lohnt"? Der Grundgedanke an sich ist nicht neu, sagt Dörrie, und verweist auf die japanische Legende von Narayama, die auch im Film Erwähnung findet: Der Überlieferung zufolge war es die Aufgabe der ältesten Kinder, ihre betagten Eltern auf einen Berg zu bringen, um sie dort sterben zu lassen, weil die Nahrung nicht für alle ausreichte. "Und in der Diskussion befinden wir uns ja auch schon zum Teil: Können wir uns das überhaupt noch leisten, dass die Alten immer älter werden?"

China: Roboter als Pflegekräfte

06:20

This browser does not support the video element.

In Dörries Film darf der alte Mensch zwar ab einem bestimmten Gesundheitszustand selbst entscheiden, die Entscheidung aber dann auch nicht mehr zurücknehmen. Doch was genau heißt hier selbst entscheiden? "Das ist schon vertrackt", sagt Dörrie, denn die Frage sei ja, inwieweit man zu dieser Entscheidung auch gedrängt werde, "weil es dann nicht nur ökonomisch sinnvoller ist, sondern weil man auch für die Nächsten, also hier die Tochter, keine Belastung mehr ist?"

Der Film wirft diese Fragen teilweise indirekt und mit viel schwarzem Humor auf, etwa wenn die Pflegeberaterin von Frau Winkler das EOL-Feature als attraktive und vor allem unkomplizierte Zusatzoption anpreist, so dass man selbst gar nicht weiter tun müsse.

Nähe trotz Algorithmus

Doris Dörrie geht es nicht darum, die KI zu verteufeln. Ganz im Gegenteil. Im Film schafft es der Pflegeroboter, dem Frau Winkler den Namen "Pawlowitsch" gibt, dass die alte Dame wieder ein Stück Lebenslust gewinnt und tatsächlich das Haus verlässt - daher auch der Titel des Films.

Doris Dörrie mit "Frau Winkler" (Angela Winkler) und deren Tochter Emi (Laura Tonke)Bild: Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance

"Wenn man durch Deutschland fährt, sieht man überall diese kleinen Einfamilienhäuschen, und in jedem zweiten Häuschen, wenn man sich die Statistik anschaut, lebt ein alter Mensch allein." Wenn KI hier helfen könne, warum nicht, sagt die Filmemacherin. Sie wolle genau diese Ambivalenz der Dinge untersuchen. "Die Dinge in Schwarz-Weiß einzuteilen, wäre sowieso nicht interessant und auch nicht richtig, glaube ich."

Sie selbst und das Filmteam hätten zudem beim Dreh erstaunt festgestellt, wie schnell man als Mensch eine Beziehung zu einem Roboter aufbauen könne. Sie erklärt sich das mit dem menschlichen Gehirn. "Wir halten alles, was sich bewegt und spricht, für ein Lebewesen. Wir können nicht anders." Und genau da müsse man hinschauen, so Dörrie, wenn man mit einer KI kommuniziere. "Wie sehr sind wir uns jedes Mal bewusst, dass wir mit einer Maschine reden und nicht mit einem Lebewesen? Das sind alles Dinge, die müssen wir jetzt erst lernen."

Unterschied Mensch und Maschine 

Schaut man sich die Entwicklung von KI an, zeigt sich, dass die Grenzen zwischen Mensch und Maschine immer mehr zu verschwimmen scheinen. Und genau deshalb ist es wichtig, darüber zu reden, so Doris Dörrie. Problematisch werde es ihrer Ansicht nach dort, "wo wir uns nicht mehr distanzieren und wo wir keine eigenen Gedanken mehr fassen". Als Menschen müssen wir uns die Frage stellen, so Dörrie, wer wir sind und was uns wirklich ausmacht. "Ich glaube, dass es einen großen Unterschied zwischen dem Roboter und uns gibt, und das ist das Spielen." Der Roboter könne ein Spiel vielleicht initiieren, "aber das Spielen an sich ist doch etwas zutiefst Menschliches, weil es erst mal sinn- und zweckfrei ist".

Schnurrende Maschinen: Kinder und KI-Spielzeug

02:23

This browser does not support the video element.

Neben diesen philosophischen Fragen, was das Menschsein ausmache, stellt die Filmemacherin im DW-Gespräch aber auch ganz konkret die Forderung nach KI-Regulierung in den Raum. "Wir haben auch über Atomwaffen irgendwann international geredet. Wir haben über alle möglichen Dinge in der Vergangenheit nicht nur geredet, sondern es auch geschafft, Lösungen zu finden." Und das müsse nun dringend angegangen werden. "Und ich glaube, dass wir uns da auch sehr beeilen müssen."

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen