Drei Miniaturen
6. Dezember 2001Gegen Ende des Jahres, um die Zeit, da die Tage so kurz sind, wie es meine frühere Jugend lang die meisten Nächte waren, da ich, außer dem glühwürmchenhaften Gefunzel der Elektrokerzenketten, in die der Gemeine Berliner seine Garten- oder Balkonkoniferen viel zu früh gelegt hat, kaum mehr Licht sehe, nicht am Ende des Tunnels, und schon gar nicht das der Sonne, immer dann besuche ich einen alten Kumpel und Freund, von dem ich nicht mal weiß, ob er noch der alte ist, der vom letzten Jahr, und der vielleicht auch nicht wirklich ein Kumpel sein kann oder ein Freund, weil er nämlich das Erdferkel ist. Das Erdferkel haust artgenossenlos, aber immerhin zusammen mit einer Bande Springhasen, im Nachttiertrakt des Zoologischen Gartens. (Ich möchte mal wissen, was an einem Zoo logisch sein soll und was Garten.) Gleich links, am Fuße der zum Labyrinth dieses unwirklich stillen Tropen-, Steppen-, Wüstenfaunabunkers führenden Treppe, befindet sich das infrarotglimmende Schaufenster, in dem es ausgestellt ist. Aber es steht nicht, das Erdferkel, niemals habe ich es stehenbleiben sehen. Ich habe es auch nie schlafend angetroffen, weil tagsüber, wenn der Zoo geöffnet hat, ja Nacht ist für die sogenannten nachtaktiven Viecher, und nachts, wenn kein Besucher reindarf, wird ihnen Tag vorgegaukelt, und vielleicht hauen sie sich dann ein bißchen auf's Ohr. Doch daß sie einmal tatsächlich schliefen, tief und fest, diese lebenden Exponate, das kann ich mir kaum vorstellen, zu wild, zu schrecklich wären ihre Träume - und so richtig Ruhe haben die wohl auch erst, wenn sie tot sind.
Das Erdferkel schnürt ununterbrochen die Scheibe seines etwa fünf mal fünf Meter großen Glaskastens entlang, von der linken Seitenwand zur rechten, von der Rechten zur linken, wie aufgezogen. Dabei sind seine schwarzen Augen seltsam blicklos, irgendwie unbeseelt; hinterließe sein gebogener, beweglicher Riechkolben nicht etwa Feuchtigkeit am Glas, Rotz oder Kondenswasser, ich hielte es für einen Erdferkelautomaten, einen organogenen Roboter. Gelegentlich setzt sich das Erdferkel für den Bruchteil einer Sekunde auf den Hintern, schüttelt den eselsohrigen Kopf, bohrt dann, mit einer einzigen hammerschlagartigen Bewegung, den Rüssel in den Sand und zieht wie ein Pflug eine Furche bis zur Rückwand; dort wendet es, schlägt die nächste Schneise, bis seine Rüsselscheibe mit den beiden weitgeöffneten Nasenlöchern auf die des Schaufensters prallt. Doch wieder schüttelt sich das Erdferkel nur kurz, als sei es tief in Gedanken oder völlig gedankenlos, kehrt neuerlich um, schiebt nochmals ab, den Rüssel bis zum Anschlag im Sand. Ziemlich gerade sind die Furchen und kreuzen und queren einander wie die Linien eines Schnittmusterbogens.
Das Erdferkel ist nicht nur das dickste - ich frage mich, wie es bei solcher Rastlosigkeit so dick sein kann -, sondern auch das größte von all den hier gesammelten Nachttieren. Es ist viel größer als die Streifenbeutler, Senegallobis, Sumpfmokos, Nacktschwanzplumboris und Ginsterkatzen, sogar größer als die aufrecht gehenden, nein, tanzenden, geisterhaften phosphoräugigen Lemuren, und es ist als einziges das einzige seiner Gattung. Es ist jämmerlich einsam und allein, allein mit den Springhasen, die schon mal über des Erdferkels runden Rücken hinweg einander in die Ecken jagen. Wenn man lange ausharrt bei dem Erdferkel, dann kann man es, durch die Schaufensterscheibe hindurch, leise schnaufen hören, und wenn man dem lange genug lauscht, meint man schließlich, in diesem zarten Schnaufen klinge etwas wie Seufzen mit und manchmal verhaltenes Stöhnen.
O ja, das Erdferkel dauert mich. All diese Kreaturen tun mir furchtbar leid, aber das Erdferkel ganz besonders. Und wenn ich ihm eine halbe Stunde zugesehen habe beim Schnüren und Graben, und ebensolange zugehört beim Schnaufen, Seufzen, Stöhnen, nicht erst dann wünsche ich mir, ich täte ihm auch ein bißchen leid. Aber ich bin Luft für das Erdferkel; nichts und niemanden scheint es wahrzunehmen, nicht einmal die respektlosen Springhasen oder sich selbst.
Also steige ich wieder auf, beleuchte mir den Kiesweg zurück zum Hauptportal mit der Glut einer Zigarette und denke: So isses nun mit diesem Kumpel und Freund, dem Erdferkel; es ist doch ein Kumpel irgendwie, denn es ackert unter Tage, und so eine Art Freund ist es auch, denn ob es das nun weiß oder nicht, es teilt mit mir das Leid der Dunkelheit, und geteiltes Leid ist bekanntlich doppeltes Leid.
Februar
In der Ecke mir diagonal gegenüber, vom schmutziggrünen, brandfleckigen Fenstervorhang halb verborgen, saß ein junger, schon fast penetrant kultiviert wirkender Franzose und flüsterte mit seinem Handy. Die hellen dichten Wimpern an seinen niedergeschlagenen Lidern warfen lange Schatten auf sein schmales, glattrasiertes Gesicht. Die Sonne schien, und es schneite. Unser IC nach Berlin hatte die desolaten Leipziger Industrievororte hinter sich gelassen, gerade war er mit leicht verlangsamtem Tempo durch die "Luther-Stadt Wittenberg" gefahren, als er jäh aus seinem lässig klickernden Takt und ins Bremsen kam und meine angespannt gegen das Sitzpolster gepreßten Pobacken spürten, wie etwas den langen schweren Zug für einen Moment von den Schienen hob. Meine Sprache kann dieses unsägliche, unbeschreibliche Etwas nur mit dürren Worten einen ziemlich großen, gewölbten, festen und doch auch elastischen, also unterschiedlich nachgiebigen Widerstand nennen. Irgendwelche außerordentlich merkfähigen Nervenzellen in meinem Hintern, meinem Steißbein, meinem Rückgrat werden mich wohl mein Leben lang präzise daran erinnern, wie es mir durch und durch ging, dieses Über-ein-Etwas-hinweggerollt-Werden - von einer Lok, einem ersten, einem zweiten, einem dritten Waggon. Die Räder des vierten Waggons, wie nun alle an unserem Zug, blieben stehen, ehe sie das Etwas erfassen konnten. Der Franzose, der in Fahrtrichtung saß, hatte aufgehört zu flüstern. Mit beiden Händen umklammerte er das Telefon, drückte es wie ein Lieblingsspielzeug gegen seine von feiner hellblauer Baumwolle verhüllte Brust und starrte aus nachtschwarzen Pupillen durch das geschlossene Fenster. Ich folgte seinem Blick und dann, mit meinem, einem rosamarmorierten Bröckchen von rätselhafter Substanz, das schneckenlangsam, eine trübe Schliere zurücklassend, die Scheibe hinabglitt. Ich erhob mich, preßte meine Stirn ans Fenster, das sich nicht öffnen ließ, und wollte sehen, ob es überhaupt etwas zu sehen gab. Mehr unter als vor mir offenbarte das eingeengte Blickfeld volles, kurzes, graumeliertes Haar, ein wenig Stirn, ein Ohr an einem Männerkopf, dessen Gesicht der dicke, angewinkelte Ärmel einer blauen Wattejacke barg, und aus dem Ärmelloch heraus lugte eine am Gelenk von einer Armbanduhr umfangene, wie erfroren blaurote Hand mit grotesk verkrümmten Fingern. In mir regte sich jetzt keine andere als die Krankenschwester, die ich mal war: Puls fühlen, stabile Seitenlage, Schock bekämpfen. Ich stürzte den Gang lang zur Waggontür, drückte die Klinke - und hielt mich im nächsten Moment an ihr fest.
Der Oberkörper des Mannes war schräg abgequetscht, abgekniffen, abgemalmt, entzweit von dem Teil seines Körpers, den ich nicht sehen konnte, weil er sich zwischen den Rädern und auf der anderen Seite des Gleises befinden mußte. Oder auch nicht, denn da lag, ganz in der Nähe des Stücks Oberkörper, ein einzelner, hosenbeinloser Unterschenkel ohne Schuh; nur eine graue Socke war an den Zehen des zur Seite gedrehten Fußes hängengeblieben. Noch immer schien die Sonne, und große, vereinzelte Schneekristalle fielen nieder auf den halben Toten und die aus seiner zerrissenen Steppjacke quellenden Nylonwatteflocken, mit denen der Wind spielte.
Es verging eine Zeit von vielleicht fünf, vielleicht fünfzehn Minuten, bis der Zugbegleiter über die Lautsprecheranlage mitteilte, daß wir "wegen eines Selbstmords, äh, Freitods" nicht weiterfahren könnten. Nach möglicherweise nochmals fünf Minuten erschienen drei Zivilbeamte, die mit einer Art Zollstock den Bremsweg vermaßen, und dann erst brachte ein Eisenbahner ein paar Feldsteine und eine Plastikfolie. Väter legten ihren heulenden Kindern die Hände über die Augen, Schlipsträger mit Aktenköfferchen umzingelten traubenweise die beiden Kartentelefone, ausdruckslose, käsige Frauengesichter verschwammen im Zigarettenrauch. Auf der andern, zum Wittenberger Bahnsteig gelegenen Seite des IC kam, von dessen Anfang her, gesenkten, kahlen Kopfes, die Schirmmütze vor sein Geschlecht haltend, ganz allein ein hochgewachsener, tintenblauuniformierter Mann langsam wie ein Schlafwandler die Schwellen entlanggelaufen. Der, dachte ich, kann nur der Lokführer sein, und ein anderer Lokführer fiel mir plötzlich wieder ein, einer, den ich vollkommen vergessen hatte. Mit dem hatte ich vor etwa einem Jahr von München bis Berlin im selben Abteil gesessen. Er war aus Gera und noch nicht so alt; er hatte ein rotes, volles Gesicht, und er weinte. - Über seinen "dämlichen Sohn", sagte er. Ich gab ihm eine Zigarette, er mir ein Bier; die Fahrt war lang, sein Herz schwer, sein Talent zur freien Rede beachtlich. Irgendwann fragte ich ihn, ob es ihm denn auch passiert sei, im ganzen langen Lokführerleben. Er wußte sofort, was ich meinte. "Ja", sagte er, "zweimal, und das eine, das letzte Mal, eben nicht." Das erste Mal sei ein Unfall gewesen; den betrunken strauchelnden Arbeiter einer Gleisbaukolonne habe er erwischt. "Der Nächste war eine Frau. Sie stand vor einem Gartenzaun am Bahndamm und hat sich stocksteif auf das Gleis fallen lassen, als meine Lok gerade noch fünf Meter von ihr weg war. Es gab wieder eine Woche Sonderurlaub, dann ging's zurück auf den Bock. Bei Betriebsfesten haben wir uns an verschiedene Tische gesetzt, die Jungfräulichen an den einen, wir an die zwei anderen." Aber das letzte Mal, das, bei dem nichts passiert sei, weil er einen leeren Güterzug gefahren habe, der sich tatsächlich früh genug habe bremsen lassen, das sei schon auch schlimm gewesen. "Ich sehe ihn noch daliegen in seinem beschissenen schwarzen Anzug. Als der Zug stand, kam alles wieder hoch, der Kollege vom Gleis, die Frau... Ich kriegte so die Wut, ich mußte aussteigen und ihn vermöbeln, bis er ‚Mama' schrie. Und einen Monat drauf hat er mich verklagt - wegen Körperverletzung. Zwei Jahre gab's dafür, zur Bewährung ausgesetzt. Deshalb bin ich seit sechs Wochen im Vorruhestand, mit den gerade mal dreiundfünfzig Jahren, die ich gestern alt geworden bin, bei den neuen bayerischen Schwiegereltern von meinem dämlichen Sohn."
Juni
Weil wir zur falschen Stunde zum richtigen Treffpunkt gekommen waren, oder umgekehrt, und unsere Übersetzer Fjodor und Alexander verpaßt hatten, oder sie uns, saß ich mit einer Lyrikerin, einer jungen, naturblonden Schönheit aus Hessen, im PECTOPAHT (ja, so stand es in riesigen kyrillischen Lettern aus flackernden Neonröhren über der Tür) des Moskauer Kursker Bahnhofs. Ich hatte die Lyrikerin in dieses Lokal manövriert, denn ich hielt es für möglich, daß uns Fjodor und Alexander hier noch am ehesten finden würden, wenn sie uns denn überhaupt suchten, und die Lyrikerin, des Russischen nicht mächtig, war auf mich angewiesen, und so war ihr nichts übriggeblieben, als mir Gesellschaft zu leisten. Die Lyrikerin ließ sich einen Tee bringen; was sie dachte, weiß ich nicht. Ich trank ein schaumarmes, lauwarmes Bier und dachte an den hervorragenden, viel zu früh der "Russischen Krankheit" zum Opfer gefallenen Wenedikt Jerofejew und sein berühmtes Poem "Moskau-Petuschki", dessen Held, der "Extelefonkabelbrigadier Wenitschka", sein Leben lang den Kreml sehen wollte, doch im Suff immer wieder den Roten Platz verpaßte, und so eines Tages zufällig in ebendieses Restaurant "Zum Kursker Bahnhof" geriet, wo er fürchtete, daß der Kronleuchter auf ihn herabfallen könnte, weshalb er achthundert Gramm Sherry bestellte, aber es gab nur "Musik, Beef Stroganow, Torte und Euter".
Es war noch früh am Abend, das Lokal gerade mal halbvoll, und anders als zu Jerofejews - also Sowjetzeiten - spielte kein Radio. Ich wußte nicht, was ich reden sollte zu der wegen des geplatzten Treffens mit den Übersetzern säuerlichen Lyrikerin, da kam in einem Rollstuhl ein wirr- und grauhaariger, schmaler Mann kaum schätzbaren Alters an unseren Tisch gefahren. Des Mannes rangabzeichenlose Militärjacke steckte bis zum Stehkragen voller nicht sehr ordentlich geordneter Orden, eine blaue Schlosserhose verbarg seine Beine, und er trug dicke Lederstiefel, obwohl schon beinahe Sommer war. Zwischen seinen Schenkeln hing, wie eine Schürze, ein großes kariertes Taschentuch, in dem ein paar Brotkrümel lagen, offenbar das Futter für den Spatzen, der jetzt vom Kronleuchter herabgeschwirrt kam und sich niederließ auf der linken Schulter des Mannes, der aus glänzenden Pupillen die Lyrikerin anstarrte. "Oh", sagte ich, "Sie haben einen Sperling. Wie ist das möglich!?" Ich war tatsächlich sehr erstaunt, denn ich weiß, daß sich allerlei fliegendes Getier an den Menschen gewöhnt, doch einen zahmen Spatzen hatte ich noch nie gesehen. Der Mann nahm den Spatzen von seiner Schulter, hielt das zart und gänzlich furchtlos piepsende Vögelchen nun lose in der Hand, antwortete mir aber nicht, sondern fragte die schöne Lyrikerin, ob sie einen Schluck trinken wolle auf seine und Flys Gesundheit. - Er sagte wirklich Fly. Ich dolmetschte, aber die Lyrikerin zog ein belästigtes Gesicht, würdigte weder den Mann noch den Spatzen eines Blickes und hielt eisern ihren roten Mund. Von Mal zu Mal dringlicher und lauter, schließlich richtig grob, wiederholte der wohl nicht mehr nüchterne Mann seine Frage, ob sie mit ihm trinke, vielleicht ja wenigstens einen Tee. Die Lyrikerin drehte ihre blauen Augen angeödet gen Kronleuchter. "Nun sei doch nicht so", zischte ich und orderte im nächsten Moment Sherry für den Mann und mich. "Ist von ihr. Sie selbst darf leider nicht, hat Diabetes", log ich. Aber der Mann ließ sich nichts vormachen. Als die Kellnerin die Gläschen brachte, schüttelte er heftig seinen grauen Kopf, riß sich einen Orden von der Brust, dann noch einen und noch einen und noch einen und warf sie alle der Lyrikerin hin. "Geschenk", rief er "ich will dir das schenken." "Nimm die Dinger, lächle einmal, und laß uns abhauen", beschwor ich meine Begleiterin leise. Sie jedoch, ebenfalls zornig geworden, schob den Blechhaufen so weit wie möglich von sich weg und fiepte mit einer Stimme, die der des nun auch irgendwie aufgeregt klingen Spatzen ähnelte: "No, it's enough, stop it."
Logisch, daß mittlerweile alle Blicke an uns klebten und erste hämische Bemerkungen fielen. Der Mann, der jetzt blaß war und schwitzte, rollte ganz nahe an die zurückweichende, mich dabei mit ihrem Hintern immer tiefer in die abgewetzte Sitzecke drängelnde Lyrikerin heran, drosch ihr seine rechte, noch immer den Spatzen umschließende Faust in den Schoß. "Für dich", schrie er, "nimm Fly." "Nein", kreischte die Lyrikerin. Der Mann straffte seinen Oberkörper. Einen Moment lang schien es so, als könnte er sich aus dem Rollstuhl erheben. Die Lyrikerin legte schutzsuchend oder demonstrativ ihre Arme um mich, der Mann die Hand, die den Spatzen festhielt, auf den Tisch. Ich weiß nicht, ob außer uns dreien noch jemand das kleine, trockene Knacken hörte. Der Mann zog seinen wilden Blick ab vom blonden Scheitel der Lyrikerin, die ihr Gesicht wie ein erschrockenes Kind an meiner Brust barg, und öffnete die Faust; aus der Mulde zwischen den Fingern und dem Daumen glitt der reglose Fly neben die Teetasse. Der Mann nahm die Hand vom Tisch, warf sich, was ihm Schwung gab, gegen die Lehne des Rollstuhls, den er nun wendete. Die Räder, die er heftig drehte, quietschten, bis er durch die Tür war, und für vielleicht drei Minuten herrschte Totenstille im Restaurant "Zum Kursker Bahnhof".