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Nitazene: Zahl der Drogen-Toten deutlich höher als bekannt

10. Februar 2026

Bis zu 500 mal stärker als Heroin: Opioide wie Nitazene sind extrem gefährlich - und laut einer neuen Studie wird die Zahl der Todesfälle wohl deutlich unterschätzt. Der schnelle Abbau erschwert den Nachweis.

Eine Person hält ein Stück Fentanyl in der Hand
Gefährlicher Trend: Synthetische Opioide wie Fentanyl und Nitazene finden immer mehr VerbreitungBild: Jae C. Hong/AP Photo/picture alliance

Fentanyl ist vielen inzwischen ein Begriff - vor allem wegen seiner zentralen Rolle in der US‑OpioidkriseNitazene hingegen sind weniger bekannt. Doch auch sie gehören zu den synthetischen Opioiden - und breiten sich derzeit rasant aus. Schon winzigste, mit bloßem Auge kaum erkennbare Mengen können tödlich wirken. Betroffen sind oft junge Menschen.

Und eine neue Analyse zeigt: Die Dunkelziffer scheint weitaus höher als Statistiken es bislang vermuten ließen. Laut der britischen Studie, veröffentlicht im Fachjournal "Clinical Toxicology", gibt es ein Drittel mehr Todesfälle durch Nitazene als bisher erfasst.

Ein Grund: Die Substanzen bauen sich in Blutproben nach dem Tod sehr schnell ab. Wenn eine toxikologische Analyse die Todesursache feststellen soll, sind sie häufig kaum oder gar nicht mehr nachweisbar.

Was sind Nitazene?

Nitazene gehören zu den potentesten Opioiden - einzelne Vertreter der Stoffgruppe können bis zu 500-Mal stärker wirken als Heroin, so die Experten um Caroline Copeland vom King's College London. Ursprünglich wurden sie in den 1950er-Jahren als mögliche neue Schmerzmittel entwickelt - sie sind günstig und leicht herstellbar. Sie wurden jedoch aufgrund der extremen Potenz und des hohen Risikos für Überdosierungen nie für den medizinischen Gebrauch zugelassen.

Nach Angaben der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) werden Nitazene in sehr unterschiedlichen Formen konsumiert: als Vape, Pille, Pappe oder in weiteren Mischungen.

Nitazene haben eine psychoaktive Wirkung, was laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bedeutet, dass sie "mentale Prozesse, einschließlich Wahrnehmung, Bewusstsein, Kognition oder Stimmung und Emotionen, beeinflussen".

Große Gefahr einer Überdosierung

Anzeichen einer Überdosis sind Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle, und starke Sedierung, gefolgt von Atemstillstand. Die therapeutische Breite, also der Abstand zwischen wirksamer und tödlicher Dosis, ist bei den Substanzen extrem gering - ein Grund, warum selbst einmaliger Konsum schnell lebensgefährlich werden kann.

Die Forschenden um Caroline Copeland vom King’s College London simulierten den typischen Ablauf toxikologischer Untersuchungen anhand von Tierversuchen. In Großbritannien vergehen demnach oft rund vier Wochen, bis Blutproben analysiert werden. Zu diesem Zeitpunkt sind im Durchschnitt nur noch 14 Prozent der ursprünglichen Wirkstoffmenge nachweisbar – ein entscheidender Faktor, weshalb Todesfälle häufig nicht korrekt Nitazenen zugeordnet werden. Aus Modellierungen schloss das Team, dass die wahre Todesrate um etwa ein Drittel höher liegt als bisher erfasst.

"Wenn wir ein Problem nicht richtig messen, können wir keine geeigneten Maßnahmen entwickeln - und die unvermeidliche Folge ist, dass vermeidbare Todesfälle weiterhin auftreten werden", warnt Copeland. Typische Abbauprodukte von Nitazenen zu finden und Nachweisverfahren dafür zu entwickeln, könne künftig zu besseren Daten führen.

Deutschland: Nur 40 Prozent der Todesfälle toxikologisch untersucht

In Deutschland werde die genaue Ursache bei Drogentodesfällen ohnehin nur im Einzelfall bestimmt, hieß es von der DBDD. "Im Jahr 2024 wurden nur in 40 Prozent aller Drogentodesfälle toxikologische Gutachten erstellt." Dabei ist das Unterfangen sowieso kompliziert: In rund 80 Prozent der Drogentodesfälle wurden mehrere Substanzen konsumiert, wodurch die einzelne Todesursache oft nicht eindeutig benennbar ist.

Nitazene erobern Europas Drogenmarkt

Die EU-Drogenagentur (EUDA) berichtet, dass 2024 unter den knapp 50 neu gemeldeten psychoaktiven Substanzen etwa die Hälfte der Gruppe der Nitazene zuzuordnen war. Ihre Präsenz auf dem europäischen Drogenmarkt ist in den vergangenen sieben Jahren massiv gestiegen. International habe es dazu zahlreiche Warnmeldungen von Behörden gegeben, heißt es vom King's College. Laut DBDD zählten Nitazene in den Jahren 2023 und 2024 bereits zu den am häufigsten auftretenden Substanzen innerhalb der synthetischen Opioide. Zu dieser Gruppe gehören auch bekannte Wirkstoffe wie Fentanyl oder Tramadol. 

Junge Menschen besonders gefährdet durch Nitazene

Das Institut für Therapieforschung in München berichtet, dass vor allem junge, drogenexperimentierfreudige Menschen Nitazene konsumieren. In Deutschland sind mehrere tragische Fälle dokumentiert. Auch Großbritannien meldete 2024 mehr als 330 Todesfälle im Zusammenhang mit Nitazenen, viele Betroffene waren sehr junge Menschen.

Für Deutschland registrierte die DBDD 2024 insgesamt 32 Todesfälle im Zusammenhang mit synthetischen Opioiden, in neun Fällen wurde der Konsum von Nitazenen explizit bestätigt. Für 2025 liegen noch keine vollständigen Zahlen vor.

Synthetische Opioide: Ständig neue Varianten

Fachleute gehen davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt - einerseits aufgrund unvollständiger toxikologischer Untersuchungen, andererseits weil ständig neue Substanzen auf den Markt kommen. 2025 etwa wurden neue sogenannte Orphine wie Cychlorphin registriert, eine weitere Untergruppe der Opioide.

"Eine der Gefahren an neuen synthetischen Opioiden ist, dass sie zum Beispiel in gefälschten Medikamenten enthalten sind, die täuschend echt aussehen", hieß es. Würden sie unabsichtlich von Menschen ohne bestehende Opioidtoleranz konsumiert, kann dies innerhalb weniger Minuten tödlich enden.

hf/af (dpa)

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