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KriminalitätPhilippinen

Drogenkrieg vor Gericht: Rodrigo Dutertes blutiges Erbe

24. Februar 2026

Wegen seines blutigen "Krieges gegen die Drogen“ mit tausenden Toten muss sich der philippinische Ex-Präsident wohl in Den Haag verantworten. Doch das heißt nicht, dass sein Heimatland nun andere Wege geht.

Der philippinische Ex-Präsident Rodrigo Duterte hebt seine Hand zum Eid vor einem Senatsausschuss zum Anti-Drogen-Krieg in Manila
Als Präsident präsentierte er sich als skrupellos durchgreifender Macher, jetzt muss er sich wohl in Den Haag verantworten: der philippinische Ex-Staatschef Rodrigo DuterteBild: Aaron Favila/AP Photo/picture alliance

Am Nachmittag des 14. Oktober 2016 stürmten vier Maskierte das Haus von Paquito Mejos in Manila, einem 53-jährigen Elektriker und Vater von fünf Kindern. Mejos konsumierte gelegentlich Shabu, ein Methamphetamin, und hatte sich zwei Tage zuvor den lokalen Behörden gestellt [...]

Die Maskierten fragten nach Mejos, der oben ein Nickerchen machte. "Als ich sie mit ihren Handfeuerwaffen nach oben gehen sah", berichtete ein Verwandter, "sagte ich ihnen: 'Aber er hat sich doch schon ergeben!‘ Sie sagten mir, ich solle die Klappe halten, oder ich würde der Nächste sein."

Zwei Schüsse ertönten. Die Ermittler der Polizei […] sagten später, ein Shabu-Paket wurde zusammen mit einer Handfeuerwaffe gefunden. "Aber Paquito hatte nie eine Waffe", erklärte sein Verwandter. "Und er hatte an diesem Tag auch kein Shabu."

So dokumentierte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) den Tod von Paquito Mejos. Er ist nur einer von Tausenden Menschen, die zwischen 2016 und 2022 dem "Krieg gegen die Drogen" des philippinischen Ex-Präsidenten Rodrigo Duterte zum Opfer gefallen sind. Wie viele Menschen in dieser Zeit genau getötet wurden, ist nicht bekannt. Die philippinische Polizei spricht von bis zu 7000 Menschen, HRW, Amnesty International und auch der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag gehen von 12.000 bis zu 30.000 Todesopfern aus.

Angehörige von Opfern des Antidrogenkrieges verfolgen die Gerichtsanhörung in Den HaagBild: Lisa Marie David/REUTERS

IStGH untersucht "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Es ist ebenjener IStGH, vor dem sich Duterte womöglich demnächst verantworten muss. Das Gericht wirft dem philippinischen Ex-Präsidenten Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor; er soll als "indirekter Mittäter" an der Planung und Umsetzung systematischer Tötungen beteiligt gewesen sein.

Konkret führen die Ermittler mindestens 78 Fälle von Mord und versuchtem Mord an, bei denen sie hoffen, ihm eine direkte Beteiligung nachweisen zu können - unter den Opfern sollen sich auch Kinder befunden haben. Außerdem habe er reihenweise Polizisten und angeheuerte Killer dazu angestiftet, mutmaßliche Kriminelle zu "neutralisieren". 

Ein philippinischer Beamter untersucht in Manila den Ort, an dem kurz zuvor ein 17-jähriger Verdächtiger von Polizisten erschossen wurdeBild: Reuters/E. De Castro

Das aktuelle Vorverfahren dient dazu, festzustellen, ob die Beweise für einen Hauptprozess ausreichen; eine Entscheidung der Richter wird für Mai 2026 erwartet. Sollte es dazu kommen, wäre Rodrigo Duterte der erste Ex-Staatschef aus Asien, der sich in Den Haag verantworten müsste.

Von Davao nach Manila

Seine politische Karriere startete Rodrigo Duterte in Davao auf der südlichen Philippineninsel Mindanao. Bis in die 1980er Jahre hinein galt Davao als eine der gefährlichsten Städte der Philippinen. Morde, Drogendelikte, Raubüberfälle und Schießereien zwischen rivalisierenden Banden waren an der Tagesordnung.

Dann kam Duterte. 22 Jahre lang war er Bürgermeister der Stadt, und in denen erwarb er sich einen Ruf als gnadenloser Verbrechensbekämpfer. Duterte rief eine "Null-Toleranz-Politik" aus und gab der Polizei quasi freie Hand, auch tödliche Gewalt anzuwenden, sobald Verdächtige Widerstand leisteten. Selbst mit Todesschwadronen, den berüchtigten "Davao Death Squads", soll er zusammengearbeitet haben. Zwischen 1998 und 2015 sollen diese Gruppen mehr als 1400 Menschen - darunter Kleinkriminelle, Drogendealer und selbst Straßenkinder - ohne Gerichtsverfahren hingerichtet haben.

Davao ist bis heute eine Hochburg der Anhänger Rodrigo DutertesBild: Michael Runkel/robertharding/picture alliance

Menschenrechtsorganisationen reagierten entsetzt - doch in der lokalen Bevölkerung wurde Duterte enorm populär, denn Davao wandelte sich unter seiner Führung zu einer der sichersten und wirtschaftlich florierendsten Städte der Philippinen. Mit dem Spitznamen "The Punisher" – "der Bestrafer" – trat er 2016 im philippinischen Präsidentschaftswahlkampf an und gewann deutlich.

Martialische Sprüche - und Taten

Als Präsident machte Duterte nahtlos dort weiter, wo er als Bürgermeister aufgehört hatte. Seinen "Antidrogenkrieg" weitete er umgehend auf das ganze Land aus. Ihm fielen zwar auch einige mutmaßliche Kartellbosse zum Opfer, getötet wurden aber vor allem Kleinkriminelle, Konsumenten und sogar völlig Unbeteiligte insbesondere in den Armenvierteln Manilas und anderer Städte.

Immer wieder sorgten auch seine Aussagen in diesem Zusammenhang international für Entsetzen. "Wenn Sie jemanden kennen, der süchtig ist, gehen Sie hin und töten Sie ihn", forderte er schon kurz nach seiner Amtseinführung im Juli 2016 Slumbewohner in Manila auf. "In Davao habe ich das persönlich gemacht. Nur um den Jungs (von der Polizei) zu zeigen: 'Wenn ich das tun kann, warum nicht auch ihr?'", erklärte er bei einer Rede im Dezember 2016. Besondere Bestürzung löste er jedoch aus, als einige Kritiker seinen Anti-Drogen-Krieg bereits mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verglichen. Duterte nahm den Vergleich auf und erklärte, Hitler habe "Millionen Juden massakriert. Nun, es gibt hier drei Millionen Drogenabhängige. Ich würde sie gerne alle abschlachten".

Auf den Philippinen hat Rodrigo Duterte noch immer viele Anhänger. Einige von ihnen protestierten während der IStGH-Anhörung in Den HaagBild: Charles M Vella/SOPA Images/ZUMA Press/picture alliance

Recherchen von Amnesty International zufolge sollen Polizisten sogar inoffizielle Kopfprämien für jeden getöteten Verdächtigen kassiert haben. Für bloße Festnahmen gab es diese Prämien nicht, was in der Praxis dazu geführt haben soll, dass Polizisten Einsätze mehrfach so fingierten, dass sie tödlich endeten, um die Gelder zu kassieren.

Duterte ist Geschichte, der Antidrogenkrieg nicht

Im Juni 2022, nach sechs Jahren, schied Rodrigo Duterte aus dem Amt. Neuer Wahlsieger wurde ausgerechnet der Sohn des ehemaligen Diktators, Ferdinand Marcos jr. Dass dieser Duterte im März 2025 verhaften und nach Den Haag überstellen ließ, hat weniger mit einem Sinneswandel bei der Drogenbekämpfung zu tun als vielmehr damit, dass der neue Präsident sich so seines größten politischen Rivalen entledigen konnte.

Philippinen: Blutige Bilanz des Drogenkriegs

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Denn der Krieg gegen die Drogen wurde auch unter Dutertes Nachfolger nie offiziell für beendet erklärt. Zahlreiche Verordnungen hierzu aus der Duterte-Ära sind weiterhin in Kraft. Zwar sei die Zahl extralegaler Tötungen leicht zurückgegangen, berichtet Amnesty International. Dennoch gebe es sie weiterhin. Und während die philippinische Regierung erklärt, sie habe mehrere Drogenringe zerschlagen und Labore zerstören können, ziehen Kritiker eine eher verheerende Bilanz: Während Gewalt und Verrohung auf den Philippinen zunahmen und der Rechtsstaat immer weiter unterhöhlt wurde, konnten die Drogenkartelle ihre Strukturen anpassen und reorganisieren; der Regierung sei es nicht gelungen, "Shabu" oder andere Drogen in nennenswertem Umfang aus dem Verkehr zu ziehen. 

Thomas Latschan Langjähriger Autor und Redakteur für Themen internationaler Politik
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