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Politik

Viele zivile Opfer bei US-Drohnenkrieg

19. Dezember 2021

Glaubt man der US-Regierung, ging es beim Drohnenkrieg im Nahen und Mittleren Osten vor allem um "Präzisionsschläge" gegen Dschihadisten. Laut "New York Times" wurden dagegen systematisch zivile Opfer in Kauf genommen.

Drohne MQ-1 Predator der US Air Force
Drohne MQ-1 Predator der US Air ForceBild: Col. Leslie Pratt/epa/picture alliance

Eine Reihe vertraulicher Regierungsdokumente mit mehr als 1300 Berichten über zivile Opfer widerlege die Darstellung der Regierung über "Präzionsschläge", schreibt die "New York Times" (Samstagausgabe). Was demnach wirklich geschah, klingt fast wie das Gegenteil.

"Der amerikanische Luftkrieg war geprägt von mangelhafter Aufklärung, übereilten und ungenauen Raketenabschüssen und dem Tod tausender Zivilisten, darunter viele Kinder", berichtet die Zeitung. Die Transparenzversprechen aus der Zeit von Barack Obama, der als erster US-Präsident Drohnenangriffe bevorzugte, um das Leben von US-Soldaten zu schonen, seien durch "Undurchsichtigkeit und Straffreiheit" ersetzt worden. "Nicht ein einziger Bericht kam zu dem Schluss, dass ein Fehlverhalten vorlag".

Offizielle Zahlen "deutlich untertrieben"

Die US-Armee hat zugegeben, dass sie seit 2014 bei Luftangriffen in Syrien und im Irak versehentlich 1417 Zivilisten getötet hat. In Afghanistan liegt die offizielle Zahl bei 188 seit 2018 getöteten Zivilisten. Den Recherchen der Zeitung zufolge sind die vom Pentagon zugegebenen Zahlen aber "deutlich untertrieben".

Zerstörtes Haus in Mossul (Irak)Bild: Zaid Al-Obeidi/AFP/Getty Images

Demnach lagen die US-Streitkräfte mit ihren Einschätzungen über Ziele von Luftangriffen häufig daneben. Menschen, die zu einem bombardierten Ort liefen, wurden als Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) und nicht als Helfer gesehen. "Einfache Motorradfahrer" wurden als "in Formation" fahrend identifiziert, was als "Zeichen" eines bevorstehenden Angriffs interpretiert wurde.

Den Pentagon-Dokumenten zufolge machten Fehlidentifizierungen nur vier Prozent der Fälle mit zivilen Opfern aus. Die von der "New York Times" durchgeführte Feldstudie zeigte jedoch, dass es in 17 Prozent der untersuchten Vorfälle Fehler gab und fast ein Drittel der zivilen Toten und Verletzten auf diese zurückging.

Als Beispiel wird unter anderem ein Bombardement vermeintlicher Treffpunkte der Terrormiliz IS in Tokhar in Syrien genannt, bei dem 2016 nach offiziellen Berichten 85 Kämpfer getötet wurden. Tatsächlich seien dagegen Häuser getroffen worden, in denen einheimische Zivilisten nachts Zuflucht suchten. Dabei seien 120 Dorfbewohner ums Leben gekommen.

Ignoranz und schlechte Bildqualität

Auch kulturelle Ignoranz spielte den Angaben zufolge eine Rolle. So habe das US-Militär geurteilt, dass in einem Haus, das an einem Tag des Fastenmonats Ramadan überwacht wurde, "keine Zivilisten" anwesend seien. Dabei schliefen dort tagsüber mehrere Familien, um sich vor der Hitze zu schützen. 

Das Pentagon in WashingtonBild: Liu Jie/Photoshot/picture alliance

Schlechte Bildqualität oder zu kurze Beobachtungsdauer trug demnach auch zu Fehleinschätzungen bei der Überprüfung von Berichten ziviler Opfer bei. Von den 1311 Fällen, die von der Zeitung untersucht wurden, wurden nur 216 vom US-Verteidigungsministerium Pentagon als "glaubwürdig" eingestuft. Berichte über zivile Opfer wurden demnach zurückgewiesen, weil auf den Videos keine Leichen in den Trümmern zu sehen waren oder weil die Dauer der Aufnahmen nicht ausreichte, um Schlussfolgerungen zu ziehen.

Ein Sprecher des Zentralkommandos sagte, dass "selbst bei der besten Technologie der Welt Fehler passieren, sei es durch falsche Informationen oder durch eine Fehlinterpretation der verfügbaren Informationen". Das Militär tue "alles, um Schaden zu vermeiden". Es untersuche jeden "glaubwürdigen" Fall. "Wir bedauern jeden Verlust eines unschuldigen Lebens".

gri/AR (afp, NYT)

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