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Politik

Droht auch in Europa ein Mega-Blackout?

Helena Kaschel
17. Juni 2019

Der Stromausfall in Argentinien und Uruguay gibt Rätsel auf. Auch außerhalb Südamerikas sorgt der Vorfall für Verunsicherung. In Europa ist die Energieversorgung vergleichsweise stabil - vorerst.

Argentinien Buenos Aires Stromausfall Hitzewelle
Mit Handy-Taschenlampe durch den Supermarkt: Nicht nur Geschäfte blieben in Argentinien am Sonntag dunkelBild: picture-alliance/dpa/C. Smiljan

Gut zwei Wochen könnte es nach Angaben von Argentiniens Energiestaatssekretär Gustavo Lopetegui dauern, bis die Ursache für den flächendeckenden Ausfall der Energieversorgung in Argentinien und Uruguay identifiziert ist. Ein Zusammenbruch des Stromnetzes hatte am Sonntagmorgen zu dem Blackout geführt. Fast 50 Millionen Menschen waren betroffen - und das mitten im Winter. Der Schienenverkehr kam zum Erliegen, Ampeln fielen aus, auch die Wasserversorgung wurde in Mitleidenschaft gezogen. Viele Krankenhäuser und Flughäfen in Argentinien konnten ihren Betrieb in vielen Fällen dank Generatoren aufrechterhalten. Auch in Teilen Paraguays, Brasiliens und Chiles kam es Medienberichten zufolge zu Ausfällen der Stromversorgung.

Während in Argentinien und Uruguay die Lichter in den meisten Haushalten schon am Sonntagabend wieder angingen, gestaltet sich die Aufklärung offenbar als langwieriger. Zwar kommt es in Argentinien, dessen Infrastruktur als marode gilt, immer wieder zu temporären Stromausfälllen, einen landesweiten Blackout gab es dort jedoch auch noch nie.

Für Argentiniens Präsident Mauricio Macri kam der Stromausfall zu einem denkbar schlechten ZeitpunktBild: picture-alliance/ZUMAPRESS/P. Murphy

Der argentinische Energieversorger Edesur führte den Vorfall auf ein Problem an einer Übertragungsleitung zwischen zwei Kraftwerken an der Küste zurück. "Dadurch wurde ein Schutzmechanismus für die Kraftwerke aktiviert, die dann außer Betrieb gingen und den Stromausfall verursachten." 

Eine Abschaltung von Kraftwerken bei Spannungsschwankungen sei normalerweise örtlich begrenzt, sagte Energiestaatssekretär Lopetegui. "Die Frage ist: Warum hat das System, das darauf ausgelegt ist, nur den betroffenen Abschnitt zu isolieren, nicht genau das getan?". Einen Hackerangriff schloss Lopetegui  nicht aus, dies sei aber unwahrscheinlich. Argentinische Medien berichteten, ein Sturm im Norden des Landes habe die Kraftwerke beeinträchtigt.

Verbundsytem mit Archillesferse?

Dass es in mehreren Ländern gleichzeitig zu einem Kollaps der Energieversorgung kommen kann, kann mit der Funktionsweise von Verbundnetzen zusammenhängen: Argentinien und Uruguay teilen sich ein Stromnetz, das vom gemeinsam betriebenen Staudamm Salto Grande ausgeht. Auch Paraguay teilt sich mit Argentinien ein Kraftwerk. In der Regel sorgen derartige Verbundsysteme dafür, dass Kraftwerksausfälle durch andere Kraftwerke abgefangen werden und so die Versorgung auch über Ländergrenzen hinweg sichergestellt werden kann.

Straßenszene in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires während des StromausfallsBild: AFP/A. Pagni

Dass dies funktioniere, sei "schon eine Frage von Investitionen in die Infrastruktur", sagt Veit Hagenmeyer, Professor für Energieinformatik am Karlsruher Institut für Technologie. Mit ausreichend Leitungen, Kraftwerken und Ersatz-Kapazität ließe sich ein Fall wie der in Argentinien und Uruguay verhindern. Warum es in den Ländern zu dem Mega-Blackout kam, kann allerdings auch er nur mutmaßen: Für Fälle, in denen wichtige Leitungen beschädigt seien, gebe es im Verbundnetz von Argentinien, flächenmäßig eines der größten Länder der Welt, und Uruguay möglicherweise "zu wenig Vermaschung. Und weil das auch eine sehr große geographische Ausdehnung ist, das kostet ja alles Geld." Dies bringe eine "Archillesferse" für das Verbundnetz mit sich. Zudem müssten derartige Systeme gut gewartet werden, um im Notfall zu greifen. Dass dies nicht geschehe, ließen die häufigen Stromausfälle im Land vermuten.

"Wie bei allem im Leben gibt es ein Restrisiko"

Einen Riesen-Blackout in ganz Europa, wo ebenfalls ein staatenübergreifendes Verbundsystem greift, hält Hagenmeyer - zumindest in naher Zukunft - für unwahrscheinlich. "Wenn wir eine europäische Großsturmwetterlage bekommen, die alle Übertragungsnetze zerstört, dann ist es auch in Europa dunkel, klar. Aber das ist ja die letzten 75 Jahre nicht eingetreten." Natürlich sei aber auch das europäische Verbundnetz elektrotechnisch "nicht zu 100 Prozent stabil. Wie bei allem im Leben gibt es ein Restrisiko". 

So fiel im November 2006 in Teilen mehrerer europäischer Länder und sogar Marokkos der Strom aus. Auch am 10. Januar dieses Jahres entging Europa möglicherweise nur knapp einem großen Stromausfall, als die Netzwerkfrequenz europaweit plötzlich auf einen kritischen Wert sank. "Dann hat Frankreich sehr schnell Last abgeworfen [Abschalten von Netzlast im Stromnetz, Anm. d. Red.]. Natürlich gibt es auch in Deutschland Lastabwurfreserven, zum Beispiel in der Großchemie. Und dann kam die Frequenz ja schnell wieder zurück", sagt Hagenmeyer - für ihn ein Beweis für die Stabilität des Verbundnetzes. 

Auch ein landesweiter Blackout in Deutschland ist laut Experten vorerst nicht zu erwarten. Die Stromversorgung sei "im europäischen Vergleich auf einem sehr hohen Niveau", zitierte die Deutsche Presse-Agentur einen Sprecher der Bundesnetzagentur. "Deutschland hat eines der sichersten Stromnetze der Welt", sagte demnach eine Sprecherin des deutschen Übertragungsnetzbetreibers Tennet.

Energiewende verlangt nach neuen Lösungen

Eine Herausforderung für Verbundnetze stellt indes die Umstellung auf erneuerbare Energien dar. "Da sie keine fossilen Kraftwerke, also auch nicht so leicht steuerbar sind, und insbesondere auch keine rotierenden Massen im Sinne von Generatoren haben, die Trägheit bringen, wird das System schon als Ganzes unruhiger", sagt Energiesicherheitsexperte Hagenmeyer.

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Alarmstimmung sei nicht geboten. Aber: "Wie die Welt aussieht, wenn die thermischen Kraftwerke ganz raus sind, dazu gehören ja auch die Kernkraftwerke, das ist eine andere Geschichte. Darüber muss man sich wirklich Gedanken machen." Der Energieinformatiker ist optimistisch, dass bis dahin Lösungen gefunden würden - nicht nur durch Fortschritte in der Forschung. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in Europa ein Netz betreiben werden, das immer an der Grenze der Stabilität entlangfährt. Die Politik hat dafür zu sorgen, dass es keine großen flächendeckenden Stromausfälle über mehrere Tage oder Wochen gibt", erklärt Hagenmeyer.

Auch in Argentinien könnte die Politik nach dem Blackout in die Pflicht genommen werden. "Mit [Präsident Mauricio] Macri sind wir lediglich Venezuela", schrieb ein Twitternutzer - und bezog sich dabei auf die Stromausfälle in dem südamerikanischen Krisenland in den vergangenen Monaten. Am 18. Oktober stellt sich Macri zur Wiederwahl.