Auf Druck der USA: Rebellen wollen Uvira im Kongo verlassen
17. Dezember 2025
"Die AFC/M23 wird ihre Truppen einseitig aus der Stadt Uvira abziehen, wie von den US-Vermittlern gefordert", erklärte die bewaffnete Gruppe in einer am Dienstag (16.12.2025) veröffentlichten Erklärung. Wenige Tage, nachdem die Regierungen der DR Kongo und Ruandas in Washington ein Friedensabkommen unterzeichnet hatten, hatte die von Ruanda unterstützte Rebellen der AFC/M23 die strategisch wichtige Stadt Uvira nahe der Grenze zu Burundi eingenommen.
Die USA waren darüber alles andere als erfreut, US-Außenminister Marco Rubio drohte Ruanda mit Sanktionen. Die Regierung in Ruanda bestreitet weiterhin, die AFC/M23 zu unterstützen. Unabhängige Beobachter wie die Vereinten Nationen haben dafür jedoch mehrfach Belege geliefert.
"Das wird in Washington auf eine sehr hohe Ebene gehoben", sagt Jason Stearns, Beiratsvorsitzender der Congo Research Group (CRG) von der New York University, gegenüber der DW. "Das Ausmaß der Heuchelei hat hochrangige Personen im Weißen Haus und im Außenministerium wirklich verärgert."
Aus Kinshasa ergänzt Timo Roujean von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), die der deutschen Partei CDU nahesteht: "Ruanda und die M23 haben realisiert, dass sie diesmal deutlich übers Ziel hinausgeschossen sind. Kaum werden ernsthafte Sanktionen gegen Ruanda in Erwägung gezogen, zieht sich die M23 zurück. Das beweist eigentlich, dass der Strippenzieher hinter der M23 Ruanda ist."
Die Rebellen hatten zunächst im Januar die Stadt Goma und im Februar Bukavu an der Grenze zu Ruanda eingenommen, nun das weiter südlich gelegene Uvira. Knapp 30 Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Grenze befindet sich Bujumbura, die größte Stadt von Burundi. Das ermöglichte der AFC/M23 die Kontrolle über die Landgrenze zwischen diesen beiden Ländern.
"Burundi war einer der wichtigsten Verbündeten von Kinshasa", so Jason Stearns. "Sie haben über 10.000 Soldaten entsandt. Dass sie von der Frontlinie abgeschnitten wurden, war strategisch wichtig. Das wird sich natürlich ändern, wenn die M23 Uvira aufgeben. Wir müssen abwarten, wie weit sie sich zurückziehen."
Die DW-Korrespondentin Ruth Alonga hat sich vor Ort in Uvira umgehört: "Die Einwohner sind von dieser Erklärung noch nicht überzeugt. Zum einen sind die Rebellen noch vor Ort, es gibt keine Veränderung. Und zweitens vertraut diese Bevölkerung eher auf Fakten als auf Statements. Die AFC/M23 hat über sozialen Netzwerke die Aussage bereits aktualisiert, dass sie sich unter bestimmten Bedingungen aus Uvira zurückziehen könnte."
AFC/M23 fordert eine neutrale Truppe
Was sind das für Bedingungen?
Die M23 möchte "angemessene Maßnahmen" zur Verwaltung der Stadt, darunter deren "Entmilitarisierung, den Schutz der Bevölkerung und Infrastruktur sowie die Überwachung des Waffenstillstands durch eine neutrale Truppe".
Sie fordert die Umsetzung eines Rahmenabkommens, das im November in Doha ausgehandelt, vor Ort allerdings nicht eingehalten worden war. Die M23 erklärte, sie ziehe sich als Geste des Vertrauens zurück, "um dem Friedensprozess von Doha jede Chance auf Erfolg zu geben".
Aus Erfahrung mit früheren Ankündigungen der Rebellen zum Rückzug glaubt DW-Korrespondentin Ruth Alonga nicht, dass sich rasch etwas ändern wird. Die von der AFC/M23 geforderte neutrale Truppe werde nicht sofort aufgestellt werden können, sondern dafür brauche es Zeit. Sie müsse sich insbesondere aus Ländern der Region zusammensetzen, die nicht in den Konflikt verwickelt sind.
Kongos Regierung bezeichnete die Ankündigung der Rebellen inzwischen als "Ablenkung" und betonte erneut die Verbindung der M23 zu Ruanda. "Wir warten auf den Rückzug der ruandischen Truppen von unserem gesamten Gebiet", sagte Regierungssprecher Patrick Muyaya. Das US-Außenministerium teilte am Mittwoch mit, es gebe keine glaubhaften Beweis, dass die M23 Schritte zum Rückzug aus Uvira unternehme.
Die Wirkung von Sanktionsdrohungen
"In Washington wird derzeit viel über Sanktionen diskutiert", sagt Politikwissenschaftler Jason Stearns gegenüber der DW. Würden etwa nicht nur einzelne Kommandeure sanktioniert werden, sondern auch wichtige Wirtschaftszweige wie beispielsweise das Goldgeschäft, könnte dies für Ruanda verheerende Folgen haben, so Stearns. Der Staat sei ins Goldgeschäft involviert ist.
Auf dem Tisch läge eine ganze Palette an Möglichkeiten: "Von einer Überprüfung der Unterstützung über die Erlaubnis, Truppen für Friedenssicherungseinsätze zu entsenden, bis hin zu Reise- und Geschäftsempfehlungen. Und wenn die USA den ersten Schritt machen, würden meiner Meinung nach auch die Europäer handeln."
Timo Roujean (KAS) fragt sich: "Was wäre gewesen, hätte EU oder USA bereits früher auf Sanktionen gegen Ruanda gesetzt? Wären wir überhaupt so weit gekommen? Zum Fall von Goma und Bukavu, zu all diesen Gräueltaten, die jetzt an der Bevölkerung begangen wurden?"
Nach der Einnahme von Goma und Bukavu waren fast 120.000 Kongolesen nach Burundi geflohen - nach dem Fall von Uvira kamen laut UN nochmal mehr als 40.000 Menschen dazu.
Auch Marthe Maombi, 69, ist mit ihrer Großfamilie aus dem Ostkongo nach Burundi gegangen - bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres, hat sie der DW erzählt. Im Exil in Bujumbura versuchen sie, sich ein neues Leben aufzubauen. "Ich bin mit meinen Enkelkindern geflohen. Lebensmittel sind sehr teuer, wir essen kaum etwas. Wir finden nicht einmal jemanden, für den wir arbeiten können, damit er uns im Gegenzug etwas zu essen gibt. Es ist eine Qual."
Burundi hält die Grenze geschlossen
Werden Familien wie die von Marthe Maombi nun in die DR Kongo zurückkehren? Bisher ist das gar nicht möglich.
"Die Rückkehr wird zu einem Problem", hat Shukuru Amani, der aus einer Ortschaft in der Ruzizi-Ebene kommt, der DW erzählt. Seine Familienmitglieder sitzen aktuell in Burundi fest, denn das Land hält seine Grenze aus Sicherheitsgründen noch geschlossen. Und daran wird sich wohl auch so bald nichts ändern, glaubt DW-Korrespondentin Ruth Alonga - da zwischen Burundi und der AFC/M23 kein Vertrauen bestehe.
Auf der anderen Seite konnten am 14.12. mehrere hundert in Uvira festsitzende burundische Staatsangehörige in ihr Land zurückkehren - nach Verhandlungen zwischen den Rebellen und dem burundischen Staat, die von der katholischen Diözese Uvira geführt wurden.
Unterdessen läuft das tägliche Leben in Uvira nur noch im Zeitlupentempo ab, berichtet Ruth Alonga: geschlossene Geschäfte, weniger Verkehr, eine vorsichtige Bevölkerung.
J'aime Saidi, der in Uvira lebt, spricht von einem brutalen Wendepunkt, will die Hoffnung aber nicht aufgeben: "Wie man so schön sagt, kommt nach dem Regen die schöne Zeit. Niemand weiß, wie die Zukunft aussieht. Aber wir werden versuchen, uns der Situation anzupassen."
Mitarbeit: Ruth Alonga (aus Uvira, DRK), Antéditeste Niragira (aus Bujumbura, Burundi)