Das Ebola-Paradoxon: Warum ein bekanntes Virus immer noch überrascht
2. November 2026
Wir schreiben das Jahr 1976. Im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo (DRK), kommt es nahe des Flusses Ebola zum ersten Ausbruch einer bis dato unbekannten Krankheit. Es ist die erste wissenschaftlich dokumentierte Ebola-Epidemie.
Heute, 50 Jahre später, steht die DRK erneut im Zentrum eines schweren Ebola-Ausbruchs. Verantwortlich ist diesmal das seltenere Bundibugyo-Virus aus der Gattung Orthoebolavirus. Das Bundibugyo-Virus wurde bereits 2007 während eines Ausbruchs in Uganda identifiziert. Ein weiterer Ausbruch folgte 2012 im Kongo.
Bundibugyo: Ein Virus, auf das man hätte vorbereitet sein können
Wie kann ein seit Jahrzehnten bekanntes Virus noch immer Tausende Menschen infizieren, ohne dass ein zugelassener Impfstoff oder eine spezifische Therapie zur Verfügung steht?
Für Torsten Feldt, Tropenmediziner am Universitätsklinikum Düsseldorf, ist das eine verpasste Chance. "Wir kannten das Bundibugyo-Virus aus zwei vorangegangenen Ausbrüchen 2007 in Uganda und 2012 im Kongo. Wir hatten also genügend Zeit, um Impfungen und Therapieoptionen zu entwickeln, haben aber diese Gelegenheit nicht genutzt und damit im aktuellen Ausbruchsgeschehen wichtige Zeit verloren."
Das sagt auch Leonie Mayer vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF). "Man hätte natürlich schon einen Impfstoff entwickeln und präklinische Studien durchführen können", so Mayer im DW-Gespräch. Die tatsächliche Wirksamkeit lasse sich allerdings nur bestätigen, wenn es einen Ausbruch gibt.
Mayer ist Erstautorin einer aktuellen Studie, die untersucht, ob der bereits zugelassene Ebola-Impfstoff Ervebo auch gegen andere Ebola-Arten wirken kann.
Warum Ebola eigentlich ein guter Kandidat für die Impfstoffentwicklung ist
Im Vergleich mit Influenza oder HIV ist Ebola aus immunologischer Sicht ein recht dankbarer Kandidat: Influenzaviren verändern sich fortlaufend, und das HI-Virus entzieht sich der Immunabwehr auf besonders raffinierte Weise. Ebola ist da deutlich berechenbarer.
"Das ist vielleicht auch Glück im Unglück in dieser Situation, dass sich Impfstoffe gegen Ebola vergleichsweise recht gut entwickeln lassen", sagt Mayer.
Genau darin liegt eine Art Paradoxon: Aus wissenschaftlicher Sicht ein guter Impfstoffkandidat – und trotzdem fehlt ausgerechnet gegen die aktuell zirkulierende Bundibugyo-Variante bis heute ein zugelassener Schutz.
Mayer verweist gleichzeitig aber auch darauf, dass sich Impfstoffe nicht für jeden potenziellen Erreger vorsorglich entwickeln lassen. Oftmals spielten fehlende Finanzierung oder Priorisierung anderer Erreger eine Rolle. So hätten viele Forschende eher mit einem neuen Ausbruch des Sudan-Ebolavirus gerechnet, für das die Impfstoffentwicklung schon weiter fortgeschritten sei.
Ebola ist nicht gleich Ebola
Genau hier liegt ein weiteres Problem: Ebola ist kein einzelnes Virus.
Zu den bekannten und gefährlichen Arten gehören unter anderem das Ebola-Virus (EBOV), ehemals das Zaire-Ebolavirus (ZEBOV), das Sudan-Virus (SUDV) und das Bundibugyo-Virus (BDBV). Der bestehende Ervebo-Impfstoff wurde gegen die Zaire-Variante entwickelt und zugelassen. Für die beiden anderen existiert bislang kein zugelassener Schutz.
Deshalb hilft die Existenz eines Ebola-Impfstoffs den Menschen in den aktuellen Ausbruchsgebieten bislang nur begrenzt.
Hinzu kommt möglicherweise ein weiterer Faktor. Das Bundibugyo-Virus scheint weniger aggressiv zu sein als etwa die Zaire-Variante. Das mag zunächst wie eine gute Nachricht klingen, doch dies könnte auch die Eindämmung erschweren, da Erkrankte länger mobil bleiben und so das Virus unbemerkt weitergeben könnten.
Ebola-Impfstoff Ervebo: Studie findet Immunantwort gegen Bundibugyo
In der kürzlich veröffentlichten Studie untersuchte das Forschungsteam um Leonie Mayer vom DZIF, ob der zugelassene Ebola-Impfstoff nicht nur eine Immunantwort gegen EBOV, sondern auch gegen andere Ebola-Arten auslösen könnte. Die Forschenden fanden kreuzreaktive T-Zellen gegen das Bundibugyo- und teilweise auch gegen das Sudan-Virus.
Für Mayer ist das zunächst einmal ein wichtiger Befund. "Wir wissen jetzt, dass die Immunzellen sehr wahrscheinlich auch das Bundibugyo-Virus erkennen können."
Aber die Impfstoffforscherin merkt auch an: "Mit unseren Daten können wir nicht die Frage beantworten, ob diese Immunantwort wirklich einen Schutz vermittelt oder es zu einem milderen Krankheitsverlauf kommt." Genau darin liegt derzeit eine entscheidende Wissenslücke.
Warum man den Impfstoff nicht einfach einsetzen kann
Doch wenn es einen Impfstoff gibt, der bereits zugelassen ist und gleichzeitig Hinweise auf einen möglichen Schutz existieren, warum wird er nicht einfach eingesetzt?
Mayer verweist auf ein Dilemma: Zum einen sei es ethisch nicht richtig, einen Impfstoff einzusetzen, bei dem man nicht sicher sein kann, ob und wie gut er wirkt. Und wenn man ihn dann trotzdem einfach großflächig einsetze, könne man nicht mehr feststellen, ob der Impfstoff wirklich wirkt. Ein Rückgang der Fallzahlen könnte auch auf andere Maßnahmen zurückzuführen sein oder darauf, dass die Epidemie ihren Höhepunkt bereits überschritten hat.
Auch der Tropenmediziner Jürgen May vom Bernhard-Nocht-Institut warnt: "Eine Massenimpfung ohne Wirksamkeitsnachweis könnte falsche Sicherheit erzeugen, Vertrauen kosten und, falls sie nicht ausreichend schützt, eine Studie unmöglich machen."
Denn die Akzeptanz vor Ort ist ein wichtiger Faktor. "Wenn man jetzt großflächig mit einem Impfstoff impfen würde und dann stellt sich nachher heraus, dass er gar nicht so wirksam ist, wie man erwartet hatte, dann ist das den Menschen vor Ort sehr schwierig zu kommunizieren," befürchtet Mayer. Im schlimmsten Fall könnten Menschen später auch wirksamere Impfstoffe ablehnen.
Ebola erkennen reicht nicht: Warum die Eindämmung so schwierig bleibt
Doch der aktuelle Ausbruch zeigt auch, dass medizinische Innovation allein nicht genügt: Konflikte, schwierige Transportwege, Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und Lücken in der Kontaktverfolgung erschweren die Eindämmung.
Technisch ist der Nachweis von Bundibugyo kein Problem mehr, sagt Tropenmediziner Feldt. Limitierend sei oft noch die praktische Verfügbarkeit der Diagnostik. "In entlegenen oder konfliktbetroffenen Regionen müssen Proben teilweise über weite Strecken transportiert werden."
Hier zeigt sich ein weiteres Ebola-Paradoxon: Die Welt wird immer besser darin, Infektionen zu erkennen, tut sich aber weiterhin schwer damit, Ausbrüche schnell genug einzudämmen. Auch die Autoren eines aktuellen Beitrags in Nature Medicine kommen zu diesem Schluss: Das Problem sei heute oft nicht mehr die Entdeckung von Fällen, sondern die Geschwindigkeit der Reaktion. Ebola zu finden sei oft einfacher geworden als Ebola zu stoppen.
Vom Bundibugyo-Impfstoff zum Pan-Ebola-Impfstoff?
Viele Forschende sehen in der aktuellen Krise dennoch auch eine große Chance. Im Kongo läuft inzwischen die sogenannte Tumaini-Studie, in der mehrere Impfstoffkandidaten getestet werden. Dazu gehören ein Kandidat der Universität Oxford, ein mRNA-Impfstoff von Moderna und Untersuchungen zu Ervebo. Die Studie soll erstmals belastbare Wirksamkeitsdaten gegen das Bundibugyo-Virus liefern.
Ob die Impfstoffe den aktuellen Ausbruch aber noch entscheidend beeinflussen können, ist ungewiss. Hoffnung gibt es, aber Experten schätzen, dass ein breiter Einsatz in einigen Monaten bis Mitte 2027 realistisch ist.
"Optimalerweise entwickeln wir kreuzreaktive Pan-Ebola-Impfstoffe", sagt Christof Geldmacher vom Klinikum der Universität München zu den langfristigen Plänen. Auch daran werde bereits gearbeitet. Vorerst steht allerdings ein wirksamer Bundibugyo-Impfstoff im Vordergrund.