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Nach Israel-Entscheid: Nemo gibt ESC-Trophäe zurück

Katharina Abel mit dpa, afp
12. Dezember 2025

Aus Protest gegen die Teilnahme Israels am ESC im kommenden Jahr schickt der Schweizer ESC-Star das gläserne Mikrofon für seinen Sieg 2024 zurück. Veranstalter EBU versucht derweil die Fans mit einem Brief zu beruhigen.

Nemo hält ein gläsernes Mikrofon in der Hand und spricht in ein (echtes) Mikrofon.
Aus Protest gegen Israel: Nemo gibt die Trophäe für den Sieg in Malmö 2024 zurückBild: Jens Büttner/dpa/picture alliance

Nemo schrieb am Donnerstag (12.12.) auf Instagram: "Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass diese Trophäe in mein Regal gehört." Das Gesangstalent, das beim Eurovision Song Contest 2024 in Malmö den ESC-Sieg für die Schweiz holte, betonte, die Eurovision stehe nach eigenen Angaben für "Einheit, Inklusion und für die Würde aller Menschen. Das sind die Werte, die diesen Wettbewerb für mich so wichtig machen." Mit Blick auf die Teilnahme Israels erklärte Nemo weiter: "Es geht um die Tatsache, dass der Wettbewerb wiederholt dazu benutzt wurde, um das Image eines Staates aufzubessern, dem schweres Fehlverhalten vorgeworfen wird."

Mit Bezug auf den ESC-Boykott von inzwischen fünf Ländern schrieb Nemo: "Wenn sich ganze Länder zurückziehen, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas gründlich schief läuft." 

Am Tag zuvor hatte die isländische Rundfunkanstalt RÚV in einer Pressemitteilung erklärt, nicht am Eurovision Song Contest 2026 teilnehmen zu wollen. "Angesichts der öffentlichen Debatte in diesem Land (Island, Anm. d. Redaktion) und der Reaktionen auf die letzte Woche getroffene Entscheidung der EBU ist klar, dass weder Freude noch Frieden über die Teilnahme von RÚV an der Eurovision herrschen werden. RÚV ist daher zu dem Schluss gekommen, der EBU heute mitzuteilen, dass RÚV im nächsten Jahr nicht an der Eurovision teilnehmen wird", so die Rundfunkanstalt in ihrer von RÚV-Generaldirektor Stefán Eiríksson unterzeichneten Erklärung.

Island ist damit nach Spanien, Irland, den Niederlanden und Slowenien das fünfte Land, dessen übertragender Sender angekündigt hat, die Veranstaltung zu boykottieren, nachdem Israels Teilnahme feststand. Andere Länder wie Belgien, Schweden und Finnland hatten zunächst ebenfalls einen Boykott erwogen, haben aber inzwischen ihre Teilnahme bestätigt. 

2025 war Island noch dabei: Das Duo Væb bei einer Probe zum ESC in BaselBild: Jens Büttner/dpa/picture alliance

Israels Vorgehen im Gaza-Krieg nach dem Angriff der militanten islamistischen, palästinensischen Gruppe Hamas am 7. Oktober 2023 haben mehrere internationale Menschenrechtsorganisationen und eine UN-Untersuchungskommission als Genozid bewertet. 

EBU-Direktor schreibt Brief an ESC-Fans

Ebenfalls am Donnerstag hat sich der Direktor des ESC, Martin Green, in einem Brief an die Fans des Wettbewerbs gewandt. Er wisse, dass die Ereignisse im Nahen Osten in Verbindung mit dem ESC bei vielen Menschen für starke Emotionen sorgten, schrieb er. Einige Fans hätten in Briefen Wut und Schmerz zum Ausdruck gebracht, weil ihrer Ansicht nach über die tragischen Ereignisse geschwiegen werde. "Ich möchte sagen, dass wir Euch hören. Wir verstehen Eure Gefühle, und es berührt uns genauso", hieß es dem Brief.

Der ESC-Chef wandte sich auch an die Fans in den fünf Ländern, deren Sender den nächsten Wettbewerb boykottieren. "Wir alle hier respektieren ihre Position und Entscheidung", schrieb er. Er hoffe,
dass die Sender bald wieder zum ESC zurückkehren würden. In einer gespaltenen Welt komme dem Wettbewerb die Aufgabe zu, "einen Raum zu bieten, in dem Millionen Menschen das Gemeinsame feiern können".

Die israelische Sängern Yuval Raphael wurde beim ESC 2025 ZweiteBild: Jens Büttner/dpa/picture alliance

Auslöser der aktuellen Entwicklungen war ein Mehrheitsentscheid der 68 Mitgliedssender der Europäischen Rundfunkunion (EBU) am vergangenen Donnerstag (4.12.) bei einem Treffen in Genf. Ergebnis: Israel darf am Eurovision Song Contest (ESC) 2026 teilnehmen. Offiziell ging es bei dem Treffen um neue Abstimmungsregeln, die die EBU im November bekanntgegeben hatte.Doch die Zustimmung zu diesen Regeln war gleichzeitig mit dem Einverständnis verknüpft, nicht über Israels Teilnahme abzustimmen. 

Neue Regeln für den ESC: Worum geht es?

Nachdem die israelische Sängerin Yuval Raphael dank eines überwältigenden Publikumsvotings beim diesjährigen ESC in Basel Platz zwei belegt hatte, machten Kritiker eine strategische Mobilisierung der Zuschauer durch eine breit angelegte Werbekampagne in den Sozialen Medien dafür verantwortlich. Der israelische Fernsehsender KAN bestritt am Rande des Treffens, gegen die Regeln gehandelt zu haben: "Wir sind stolz auf die Künstler und Songs, die wir zum Wettbewerb geschickt haben und von denen viele weltweit erfolgreich waren", erklärte KAN-Chef Golan Yochpaz: "Ich werde mich hier nicht für unseren Erfolg entschuldigen." Um eine Einflussnahme Dritter in Zukunft zu minimieren, reduziert die EBU für den Wettbewerb 2026 in Wien die maximale Anzahl der Stimmen pro Zuschauer via Online, SMS und Telefonanruf von 20 auf 10.

Spektakuläre Show: der ESC 2025 in BaselBild: Jessica Gow/TT/picture alliance

Außerdem werde die Jury bereits wieder im Halbfinale ihre Meinung abgeben. Dies soll das musikalische Gleichgewicht und die Vielfalt der Songs fördern, die sich für das Finale qualifizieren, so die EBU. Gleichzeitig möchte man sicherstellen, dass hochwertige Beiträge mit breitem künstlerischem Wert neben denen mit großer Beliebtheit anerkannt werden. Das Juryvoting im Halbfinale war 2023 abgeschafft worden, zuletzt entschieden ausschließlich die Zuschauer über die Finalplätze. Obendrein würden bestehende Regeln verstärkt, die jeglichen Missbrauch des Wettbewerbs zum Beispiel durch Liedtexte oder Inszenierung verhindern sollen. Ziel ist es laut EBU, Vertrauen und Transparenz beim größten Musikwettbewerb der Welt zu stärken. Nach der Jury-Abstimmung in Basel hatte der israelische Beitrag nur im hinteren Mittelfeld gelegen, ehe die Stimmen des Publikums ihn nach vorne katapultierten. 

"Die Regeländerungen sind eine klare Antwort auf viele Kritikpunkte, die aus einigen Ländern bezüglich der Teilnahme Israels zu hören waren," erklärt der freie Journalist und ESC-Experte Daniel Kähler gegenüber der DW.

Deutschland unter Befürwortern von Israels Teilnahme

Jetzt waren die Mitglieder zur EBU-Vollversammlung am vergangenen Donnerstag (4.12.) also zusammengekommen, um das Maßnahmenpaket zu prüfen und zu entscheiden, ob es ausreicht, "um ihren Bedenken Rechnung zu tragen", so die EBU, oder ob sie trotzdem über eine Teilnahme Israels abstimmen wollten. Das Ergebnis fiel pro Israel aus, auch Deutschland war unter den Unterstützern. "Wir freuen uns auf die Teilnahme am ESC 2026 als Fest für Kultur, Vielfalt und Zusammenhalt", hieß es kurz nach der Bekanntgabe vom für Deutschland beim ESC federführenden Südwestrundfunk (SWR). Die ARD habe sich im Rahmen der Abstimmung aus Überzeugung für die Regelungen zum erweiterten Schutz des ESC ausgesprochen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagte der "Bild"-Zeitung, "Israel gehört zum ESC wie Deutschland zu Europa". Weimer hob hervor, dass der ESC "mehr als Musik" sei und die "Vielfalt" feiere.

"United by Music" lautet das Motto des ESC 2026 in Wien, doch tatsächlich steht der Wettbewerb vor einer Zerreißprobe. Spanien, das wie Deutschland zu den fünf größten Geldgebern gehört, sowie Irland, die Niederlande und Slowenien kündigten umgehend ihren Boykott an. Jetzt hat Island sich ihnen angeschlossen.

 "Dass direkt mehrere Länder ihre Teilnahme für 2026 abgesagt haben, ist bemerkenswert - die Situation ist einmalig, so etwas gab es in der Geschichte des ESC noch nie", erläutert ESC-Experte Daniel Kähler. "Ich habe den Eindruck, dass der Konflikt um die israelische Teilnahme noch nicht gelöst und noch nicht ausdiskutiert ist. Der ESC könnte durch dieses Thema nachhaltig seine Leichtigkeit verlieren."

In der Diskussion um Israel wird von Kritikern oft der Vergleich mit dem ESC-Ausschluss Russlands gezogen. Das Land darf seit seinem Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 auf Beschluss des EBU-Vorstands nicht mehr am Wettbewerb teilnehmen. 

Die EBU hat angekündigt, bis Weihnachten die Teilnehmerliste für den ESC 2026 bekanntzugeben. Fest steht bereits, dass drei Länder - Bulgarien, Moldau, Rumänien - wieder in das Wettbewerberfeld zurückkehren werden. Nach dem Sieg des österreichischen Countertenors JJ in Basel ist der ORF Gastgeber des 70. ESC. Das Finale steigt am 16. Mai 2026 in Wien.

Dieser Artikel vom 05.12. wurde am 11.12. und 12.12. aktualisiert.

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