Ein Jahr Schwarz-Rot: Frust in der Wirtschaft
8. Mai 2026
Als Friedrich Merz vor rund einem Jahr zum Bundeskanzler vereidigt wurde, war die Hoffnung in den Unternehmensetagen gewaltig. Auf dem Weg ins Kanzleramt hatte der CDU-Chef nicht weniger als eine "Wirtschaftswende" versprochen. Mit ihm als Regierungschef werde vor jeder politischen Entscheidung die Frage gestellt: "Dient diese Maßnahme der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands?"
Das klang glaubhaft. Schließlich hatte Merz vor seiner Rückkehr in die Politik sein Geld in der Wirtschaft verdient. Vier Jahre war er Aufsichtsratsvorsitzender der Investmentgesellschaft Blackrock in Deutschland. "Mehr Kapitalismus wagen", heißt der Titel eines Buches, das er geschrieben hat.
Arbeiten die Deutschen zu wenig?
Mit ihm werde es "keine linke Politik mehr in Deutschland" geben, hatte Merz als Kanzlerkandidat in Aussicht gestellt und kurz nach seinem Amtsantritt mehr wirtschaftliche Effizienz gefordert. "Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance allein werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können."
Für diesen Satz hatten ihn Unternehmer und Manager Mitte Mai 2025 auf dem Wirtschaftstag des Wirtschaftsrats der CDU gefeiert. Der Verein mit seinen rund 13.000 Mitgliedern aus der Wirtschaft ist kein Gremium der Partei. Es ist ein Lobbyverband, der die Interessen der Wirtschaft vertritt und sich als Berater der konservativen CDU versteht. Von 2019 bis 2021 war Friedrich Merz selbst Vizepräsident des Wirtschaftsrates.
Industriestandort Deutschland "existenziell bedroht"
Entsprechend hoch waren die Erwartungen, doch die Euphorie ist bitterer Enttäuschung gewichen. Aus der Perspektive der Wirtschaft betrachtet hat Merz in seinem ersten Amtsjahr versagt, hat wenig von dem geliefert, was er vollmundig versprach.
Zum Jahrestag wird das auch klar formuliert. Die Unternehmen seien "zutiefst verunsichert", heißt es vom Bundesverband der Deutschen Industrie. "Von den angekündigten und dringend nötigen Strukturreformen ist weiterhin kaum etwas umgesetzt. Ein Gesamtentwurf für konkrete Reformen, die Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit bringen, existiert nicht." Der Industriestandort Deutschland sei "existenziell bedroht".
Steigende Belastungen im Betriebsalltag
Von der Deutschen Industrie- und Handelskammer, die vor allem die mittelständischen Unternehmen vertritt, heißt es: "Deutschland gilt inzwischen als kompliziertes und teures Bürokratenland. In vielen anderen Ländern sind die Rahmenbedingungen für Investitionen und Innovationen deutlich besser."
Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks spricht von "Reformfrust statt Wirtschaftsaufbruch". Die Belastungen im Betriebsalltag hätten sich "eher verstetigt, teilweise sogar weiter erhöht, aber ganz sicher nicht verringert". Ein Jahr nach dem Regierungsstart sei aus der anfänglichen Erwartung eines wirtschaftspolitischen Aufbruchs "spürbare Ernüchterung und vielerorts deutlicher Frust" im Handwerk geworden.
Tatsächlich werden in Deutschland so viele Unternehmens-Insolvenzen gemeldet wie zuletzt nach der Finanz- und Wirtschaftskrise vor mehr als zehn Jahren. Die Konjunktur stagniert, Wachstum ist nicht in Sicht. Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist so schlecht wie zuletzt in der Corona-Pandemie im Mai 2020.
Unterkühlter Empfang zum Jahrestag
Das Geschäftsklima wird regelmäßig von den Wirtschaftsforschern des ifo-Instituts gemessen. Über alle Branchen hinweg sinke es, wird aktuell vermeldet. Die Erwartungen sind pessimistisch, wozu der Iran-Krieg und die anhaltende Krise im Nahen Osten massiv beitragen. Der Ölpreis ist anhaltend hoch, Kerosin wird sogar knapp. Die Blockade der Meerenge von Hormus führt zu Lieferengpässen in vielen Bereichen, die Inflation steigt. Die Hoffnungen auf einen Aufschwung sind vorerst dahin.
Das alles ist dem Kanzler genauso bewusst wie die enttäuschten Erwartungen. "Ich weiß, die Stimmung im Land ist kritisch, sie ist sogar sehr kritisch", sagte Friedrich Merz Anfang Mai beim diesjährigen Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrats - also dort, wo er vor einem Jahr noch gefeiert wurde. Diesmal war der Empfang unterkühlt, der Applaus verhalten. "Ich nehme diese Stimmung auf. Ich nehme sie an und ich nehme sie sehr ernst."
Neue Krisen im Wochentakt
Es sei aber tatsächlich auch "seit dem Zweiten Weltkrieg vermutlich die herausforderndste Zeit für eine Bundesregierung, für eine Gesellschaft und nicht zuletzt auch für sie, für die Wirtschaft", formulierte er ebenfalls Anfang Mai vor der Industrie- und Handelskammer. Ja, es müsse sich noch viel ändern in Deutschland und er könne die Kritik und die Ungeduld in der Wirtschaft nachvollziehen. "Ich verstehe auch den weit verbreiteten Wunsch, dass wir am besten heute etwas tun, und morgen ist das Problem gelöst." Was sich über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut habe, sei aber nicht im Handumdrehen aufzulösen. "Einen Staat verändert man nicht in einer Woche oder in einem Monat."
Vor allem dann nicht, wenn man nicht allein regiert. Inzwischen rächt sich, dass Friedrich Merz vor der Bundestagswahl den Anschein erweckt hat, er könne als Kanzler durchregieren. Er stellte eine Transformation in ein wirtschaftsliberales Deutschland in Aussicht. Dabei wusste Merz genau, dass CDU/CSU auf einen Koalitionspartner angewiesen sein würden.
CDU/CSU und SPD sind sehr unterschiedliche Parteien
Mit der SPD hat die Union einen Partner, der bei den Themen Wirtschaft, Arbeit und Soziales vielfach ganz anders tickt als die beiden konservativen Parteien. "Die Sozialdemokraten denken häufig gern im großen Kollektiv", verglich Merz auf dem CDU-Wirtschaftstag, "wir denken an die kleine, leistungsfähige Einheit. Die Sozialdemokraten glauben mehr an Umverteilung. Wir glauben mehr daran, dass man erst erwirtschaften muss, bevor man umverteilt."
Gemeinsam Reformen zu erarbeiten, das brauche Zeit. Der Kanzler spricht von den Mühen der demokratischen Ebene und mahnt zur Geduld. Doch die ist in der Wirtschaft weitgehend verloren gegangen. Immer häufiger wird der Ruf nach einer Minderheitsregierung von CDU und CSU ohne die SPD laut. Doch davon will Merz nichts wissen. Große Reformen seien dann gar nicht mehr möglich und außerdem hätten CDU und CSU kein Mehrheit im Bundesrat, dem Parlament der Bundesländer.
Unternehmen investieren vor allem im Ausland
Zur Koalition mit der SPD sieht der Kanzler keine Alternative. Auch Neuwahlen schließt er aus. "Wir wollen und wir müssen mit dieser Koalition, die wir jetzt haben, erfolgreich sein", sagte er auf dem Wirtschaftstag. "Ich bin fest entschlossen, diese Koalition zum Erfolg zu führen."
Doch immer weniger Menschen glauben, dass Merz das gelingen kann. Der aktuelle ARD-Deutschlandtrend zeigt, dass die Zuversicht massiv gesunken ist. Traute im Juni 2025 noch gut die Hälfte der Bürger der Regierungskoalition zu, die Wirtschaft voranzubringen, sind es gegenwärtig weniger als halb so viele. 71 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut infratest dimap befragten Bürger geben an, sie hätten kein Zutrauen.
So sieht es offenbar auch die Wirtschaft. Der Bundesverband der deutschen Industrie stellt fest: "Die Unternehmen investieren, wenn überhaupt, vor allem im Ausland."