Ein Jahr nach dem Fall Gomas: Leben im Schatten der Gewalt
30. Januar 2026
Die Zeit Ende Januar 2025 hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschen von Goma eingebrannt. Damals fiel die Hauptstadt der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu nach schweren Kämpfen in die Hände der Rebellengruppe AFC/M23. Ein Jahr später ist die Stadt äußerlich wieder belebt - doch die Narben der Gewalt sind geblieben. Traumata, Verluste und wirtschaftliche Not prägen weiterhin den Alltag der rund 900.000 Einwohner.
Ein Konflikt mit langer Vorgeschichte
Der Osten der Demokratischen Republik Kongo gehört seit Jahrzehnten zu den instabilsten Regionen Afrikas. Bewaffnete Gruppen, ethnische Spannungen, regionale Machtinteressen und der Kampf um wertvolle Rohstoffe überlagern sich.
Die Rebellion der M23, die bereits 2012 aktiv war, später militärisch zerschlagen wurde und ab 2021 erneut erstarkte, ist Teil dieses komplexen Konflikts. Die kongolesische Regierung wirft der Gruppe vor, von Ruanda unterstützt zu werden - ein Vorwurf, den Kigali zurückweist. Unabhängige Beobachter wie die Vereinten Nationen haben dafür jedoch mehrfach Belege geliefert.
Ende Januar 2025 eskalierte die Lage erneut. Während sich die kongolesische Armee (FARDC), lokale Milizen der sogenannten Wazalendo und die UN-Mission MONUSCO in und um Goma befanden, gelang es den M23-Kämpfern überraschend, die Stadt einzunehmen.
Die Rebellen rückten unbemerkt aus dem Norden vor, während sich Regierungstruppen weiter westlich, Richtung Sake, konzentrierten. Goma wurde von den Rebellen belagert und innerhalb weniger Stunden eingenommen.
Tage des Schreckens
"Niemand hatte damit gerechnet", sagt S'afi Élisee, eine Bewohnerin der Stadt. "Hier waren immer viele Truppen - die Wazalendo, die FARDC, die MONUSCO. Und dann kam plötzlich der totale Stillstand: keine Wirtschaft, keine Vorräte. Die Banken schlossen, das Rote Kreuz sammelte Leichen ein. Wir lebten nur noch im Überlebensmodus."
In den ersten Stunden und Tagen nach der Einnahme Gomas herrschte Chaos. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz barg Leichen aus mehreren Stadtteilen. Die Vereinten Nationen sprachen von mindestens 3000 Toten. Hinzu kamen Berichte über Vergewaltigungen und eine massive Zunahme der Unsicherheit, nachdem Häftlinge aus dem Gefängnis Munzenze ausgebrochen waren.
Viele Familien waren in ihren Häusern eingeschlossen, unfähig zu fliehen. Wasser, Strom und Internet fielen aus. Goma war von der Außenwelt abgeschnitten.
"Meine Wohnung war kein Schutz mehr"
Colette Furaha, 55 Jahre alt, erinnert sich genau an den Tag, an dem ihr Leben aus den Fugen geriet. "Soldaten kamen und trieben uns auseinander. Wir wussten nicht, wohin wir gehen sollten", erzählt sie. "Wir blieben hier. Dann kamen Banditen durch das Fenster und stahlen alles." Ihre Wohnung, einst ein sicherer Ort, wurde zur Falle.
Erst spät am 27. Januar wagten sich einige Bewohner auf die Straße - auf der Suche nach Wasser und Lebensmitteln, oft unter Lebensgefahr. "Die Straßen waren leer, überall lagen Leichen", berichtet Rehema Kazingufu, Mutter mehrerer Kinder. "Wir hörten Schüsse und Granaten über unseren Dächern. Nur während einer kurzen Ruhepause konnten wir hinausgehen, um etwas zu essen zu finden, damit wir nicht verhungern."
Auch für humanitäre Organisationen war die Lage zunächst kaum zu kontrollieren. "Vor allem die Rotkreuz-Teams fuhren mit den wenigen verfügbaren Krankenwagen durch die Stadt, um die Leichen einzusammeln", sagt der humanitäre Helfer Mwende Kanane. "Die Situation war extrem komplex. Selbst in der Haftanstalt gab es Fälle sexualisierter Gewalt, noch bevor die Gefangenen flohen."
Getrennte Familien, offene Wunden
Viele Menschen suchten verzweifelt nach Angehörigen. Archimède Teuteu, heute 30 Jahre alt, musste sich während der Kämpfe von seinen Brüdern trennen. "Ich ging Richtung Ruanda, während die Kämpfe weitergingen. Ohne Internet wussten wir nichts. Sind sie noch am Leben?", erinnert er sich. Die Vereinten Nationen sagten, dass mehr als 110.000 Menschen aus Goma geflohen waren.
Feza Alimasi suchte eine Woche lang nach ihrem 25-jährigen Sohn. "Sieben Tage lang konnte ich nichts essen", sagt sie. "Als er zurückkam, lebend, war das eine unbeschreibliche Freude. Ich dankte Gott - ohne ihn hätte ich meinen Sohn nie wiedergesehen."
Andere trugen Verletzungen davon. Grâce Kubuya, Motorrad-Taxifahrer, wurde von einer verirrten Kugel getroffen. "Ich kam aus Kibati zurück, da traf mich die Kugel ins Bein. Es blutete stark", erzählt er. Heute kann er wieder laufen und arbeiten - doch der Schock ist geblieben.
Ein trügerischer Alltag
Ein Jahr nach der Einnahme der Stadt durch die AFC/M23 ist Goma keine Stadt im offenen Krieg mehr. Die Sicherheitslage hat sich verbessert. Märkte sind wieder geöffnet, der Verkehr fließt, Kinder gehen zur Schule. Doch die wirtschaftliche Lage bleibt schwierig, viele Arbeitsplätze sind verschwunden. Die Stadt steht weiterhin unter der Verwaltung der Rebellen.
Vor allem die psychologischen Folgen sind allgegenwärtig. Angstzustände gehören für viele zum Alltag. In dieser Situation entstehen lokale Initiativen, die versuchen, Halt zu geben - jenseits von Politik und Waffen.
Tanz als "Street-Therapie"
Auf einigen Straßen Gomas versammeln sich einmal pro Woche Dutzende Menschen um eine ungewöhnliche Bühne: den schwarzen Asphalt der Stadt. Junge Tänzerinnen und Tänzer der "Balabala Art Academy" treten hier kostenlos auf.
"Balabala" bedeutet "Straße" auf einer kongolesischen Variante der Sprache Swahili. Der Name ist Programm: Kunst soll direkt zu den Menschen kommen. Die Tänze lassen sich keiner klassischen Stilrichtung zuordnen. Mit kraftvollen, weiten Bewegungen erzählen sie von Schmerz, Ausdauer und Überleben - Erfahrungen, die in Goma allgegenwärtig sind.
Souzie Mwisha, Tänzerin des Kollektivs, beschreibt ihre Motivation so: "Alles, was ich mache, tue ich mit viel Kraft - um meine Gefühle auszudrücken: meine Wut, meinen Schmerz. Und man sieht, dass es wirkt. Die Menschen bleiben stehen, schauen zu, reagieren."
Auch im Publikum ist die Wirkung spürbar. "Wenn ich so etwas sehe, lasse ich meinen Stress los", sagt ein Zuschauer. "Ich vergesse ein wenig, was passiert ist. Das gibt mir Freude."
Für Bienco Matrix, Gründer der Balabala Art Academy, ist Tanz mehr als Unterhaltung. "Unsere Auftritte hier auf der Straße sind wie ein Medikament", sagt er. "Wir nennen das Street-Therapie. Man kann Kunst und Politik nicht trennen. Alles hängt zusammen."
Leben mit der Unsicherheit
Während Goma nun seit einem Jahr unter Rebellenkontrolle steht, hoffen die jungen Künstler auf finanzielle Unterstützung, um ihre Arbeit auszuweiten. Für viele Bewohner sind solche Initiativen kleine Anker in einem weiterhin unsicheren Umfeld.
Der 27. Januar 2025 ist Vergangenheit - doch er wirkt nach. Goma lebt weiter, zwischen Anpassung und Trauma, zwischen Alltag und Erinnerung. Die Stadt hat überlebt. Ob sie auch heilen kann, bleibt offen.