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GlaubeGlobal

Ein Jahr Papst Leo: Was weiß man von ihm und was nicht?

7. Mai 2026

Medial kennt die Welt Papst Leo, der seit einem Jahr an der Spitze der katholischen Kirche steht. Der Kirchenhistoriker Jörg Ernesti vermisst eine klare Perspektive.

Papst Leo XIV. ist als einzige Person zu erkennen- Er trägt ein Messgewand, die hohe, spitz zulaufende Mitra auf dem Kopf, einen Bischofsstab und winkt mit der rechten Hand. Unscharf erkennt man weit im Hintergrund eine Reihe afrikanischer Geistlicher.
Papst Leo bei einer Messfeier während seiner Afrika-Reise in Malabo/Äquatorialguinea Bild: Misper Apawu/AP Photo/dpa/picture alliance

Weißer Rauch und "Habemus papam". Vor einem Jahr, am 8. Mai, wurde Kardinal Robert Prevost zum Papst gewählt: Leo XIV. Der Kirchenhistoriker Jörg Ernesti ordnet den ersten Papst aus den USA politisch und theologisch ein.

DW: Herr Professor Ernesti, vor einem Jahr kam Papst Leo XIV. ins Amt. Was hat Sie bisher am meisten überrascht? 

Professor Jörg Ernesti: Mich hat überrascht, wie bedächtig und reflektiert er sein Amt angeht. Italienische Kommentatoren haben ihn bereits als "Papa Calmo" bezeichnet, als den ruhigen Papst. Er tritt nicht hervor durch schnelle Entschlüsse oder unbedachte Äußerungen. Alles, was er von sich gibt, wirkt sehr durchdacht und schlüssig. Papst Leo selbst betont immer wieder die Kontinuität zu Papst Franziskus. Meines Erachtens hat er noch keine Entscheidung seines Vorgängers zurückgenommen.

8.5.2025: Papst Leo nach seiner Wahl - anders als sein Vorgänger Franziskus - im festlichen Gewand auf der Loggia des PetersdomsBild: Tiziana Fabi/AFP/Getty Images

Konservative Kritiker des Vorgängers sagen, Leo sei endlich wieder so, wie ein Papst sein solle. Von der liturgischen Bekleidung über die Nutzung des Apostolischen Palastes bis zu vielen Aussagen.

Sie sprechen ja zwei Dinge an. Einmal den Pontifikat von Franziskus. Ich habe mich auch damit viel beschäftigt. Und im Nachhinein fielen mir noch einmal dieses starke Reformtempo und die entschiedenen Reformimpulse dieses Papstes auf.

Ich denke an die Flüchtlingsproblematik, an die Verankerung der Kirche im Pariser Klimaabkommen 2015, an die Umwelt-Enzyklika. Oder nehmen Sie die große Kurienreform, damit erstmals Frauen in der vatikanischen Zentralverwaltung verantwortliche Positionen einnehmen können. Bei Leo erkenne ich das Bestreben, den Konsens über die Erneuerung der Kirche auf möglichst breite Füße zu stellen und alle mitzunehmen.

Was macht Leo anders als Franziskus? 

Da sind diese Äußerlichkeiten: dass er wieder den Apostolischen Palast als Wohnort und auch wieder die Sommerresidenz in Castel Gandolfo nutzt. Unter Leo gibt es wieder eine stärkere Zusammenarbeit mit dem Vatikanischen Staatssekretariat. Die Außenpolitik liegt also eher wieder bei der zuständigen Behörde.

Aber ich kann nicht erkennen, dass Leo irgendwo in wesentlichen Bereichen Entscheidungen von Franziskus revidiert hat. Im Blick auf die Weltsynode hat der neue Papst sogar das Programm noch ausgeweitet, das unter seinem Vorgänger noch festgezurrt worden war.

"Die Kirche in Afrika wächst, die europäische Kirche stagniert"

Papst Leo war nun elf Tage in Afrika. Welche Bedeutung hat dieser Papst für Gläubige in Afrika, Asien oder Lateinamerika? 

Schon seit 150 Jahren ist Afrika auf dem Schirm der Päpste. Bereits Leo XIII. (1878-1903) hat klar gesehen, dass die Zukunft der katholischen Kirche zu einem nicht unerheblichen Teil in Afrika liegen wird. Die Päpste haben im Folgenden der afrikanischen Kirche jeweils große Aufmerksamkeit geschenkt.

Klar ist heute: Die Kirche in Afrika wächst im Schnitt im Jahr um drei Prozent, die europäische Kirche stagniert. Die Gewichte innerhalb der katholischen Kirche verschieben sich. Es gibt noch nicht die theologisch prägenden Gestalten. Aber mehr und mehr Afrikaner sind in den Kurienbehörden tätig. Es sind mehr Afrikaner in der Internationalen Theologenkommission, mehr als die nun noch zwei deutschsprachigen Theologen. Bei all dem war es eine sehr bewusste Entscheidung von Leo, dass seine erste große Reise nach Afrika führen sollte. Das gilt sicher auch für seinen Blick auf Asien und Lateinamerika.

Leo ist von seiner Herkunft US-Amerikaner. Die USA verändern sich und sie verändern unter Donald Trump ihre Rolle in der Welt dramatisch. Es hat schon richtig gekracht zwischen Washington und dem Vatikan, der Präsident attackierte den Papst. Wie wichtig ist es, dass in diesen Zeiten im Papstamt ein anderer US-Amerikaner ist? 

Das ist ein weites Feld. Leo hat sich schon früh zur Frage der Immigranten geäußert und hat deutlich erkennen lassen, was er von der amerikanischen Politik hält. Dazu gehören auch die Maßnahmen der Einwanderungsbehörde ICE. Bei dieser Frage, wie man mit Migranten umgeht, ist die US-Bischofskonferenz, so polarisiert sie in den letzten Jahren war, nun im Grunde einig. 

Seit Beginn des Iran-Krieges hat Leo deutlich sein Unbehagen daran zu erkennen gegeben. Dazu gehörte auch seine schnelle Reaktion auf die Vernichtungsdrohung durch Präsident Trump im Blick auf die iranische Zivilisation. Insofern lief das auf einen Showdown hinaus.

Jörg Ernesti, Professor für Kirchengeschichte an der Universität AugsburgBild: Nicolal Kaestner

Jüngst hat der Papst den US-Präsidenten aufgefordert, bei der Wahrheit zu bleiben, als dieser in einem Interview behauptet hat, der Kirchenführer billige es, dass der Iran Atomwaffen besitze. Die Wahrheit ist: Seit dem Pontifikat Johannes' XXIII. haben die Päpste immer wieder den Besitz von Atomwaffen verurteilt, zuletzt kategorisch Papst Franziskus.

Sie haben besondere Expertise für das Papsttum der Moderne. Sehen Sie einen vergleichbaren Schlagabtausch zwischen einem Präsidenten und einem Papst?

Ich sehe in den vergangenen 250 Jahren keine vergleichbare Konstellation, bei der ein Machthaber so offen und deutlich einen Papst persönlich angegriffen hat. Eigentlich ist es in der neueren Geschichte präzedenzlos. Es ist auch völlig unsinnig, es sich mit so einer moralischen Autorität wie dem Papst zu verderben.

Dass ein Politiker mal Unzufriedenheit über die Kirchenpolitik äußert oder irgendwo Sottisen unterbringt, das kommt ja immer wieder vor. Aber niemand hat sich so abfällig über die Person eines Papstes geäußert. Das hat Hitler nicht getan, nicht Mussolini und nicht Napoleon. Mit den Äußerungen von Trump wurde ein Rubikon überschritten. Leo hat sehr klug reagiert. Er hat den Ball nicht aufgenommen, sondern auf sein Amt verwiesen und das, was eben seines Amtes ist.

Das deutliche Wort kommt dann also doch nicht vom Papst. Bleibt ihm nur der Appell zu Dialog und Verständigung? 

Man muss die allgemein gehaltenen Worte des Papstes zusammenlesen mit den Stellungnahmen des Kardinalstaatssekretärs zu den aktuellen Konflikten. Er wird weit konkreter und nennt eher Ross und Reiter. Und auch die Ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls bei der UNO und bei den anderen Weltorganisationen werden deutlicher. Alles das gehört zum Bild.

Gebet für den Präsidenten - Donald Trump umgeben von zumeist evangelikalen Christen (7. Februar 2025)Bild: White House/ZUMA/picture alliance

Es gibt gelegentlich seltsam anmutende Szenen in den USA, bei denen Trump sich segnen lässt von vielen schützenden Händen. Da zelebriert Trump eine mutmaßliche oder vermeintliche Religiosität. Hält sich die katholische Bewertung da gepflegt zurück?

Der Kirchenhistoriker Massimo Faggioli, ein Kollege, hat danach vom Anfang vom Ende der Zustimmung gesprochen, mit der Trump in den USA rechnen konnte. Natürlich stößt Trump vielen Katholiken, aber auch sonst religiös orientierten Menschen mit solchen Bildern vor den Kopf. Er ist nicht zuletzt wegen des Faktors Religion ins Amt gekommen, rund 55 Prozent der US-Katholiken haben ihn 2024 gewählt. Dann kann man eigentlich nicht solche Register anschlagen, die auch als Blasphemie aufgefasst oder zumindest missverstanden werden können. 

Gibt es etwas, das Sie bei Papst Leo vermissen?

Es wird Zeit für seine erste große Enzyklika. Eigentlich ist sie überfällig. Die Päpste der vergangenen Jahrzehnte haben in einer ersten Enzyklika gewissermaßen ihr theologisches Programm formuliert. Bei Paul VI., Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. können sie der ersten Enzyklika jeweils die thematischen Schwerpunkte des gesamten Pontifikats entnehmen.

Ein solches theologisches Outing, wenn ich das so sagen darf, fehlt bisher. So bleibt im Moment offen, wo theologisch die Reise dieses Papstes hingeht. Da hält er sich auch meines Erachtens bewusst bedeckt. Das Format einer solchen Antrittsenzyklika geht eher in die Richtung einer theologischen Gesamtschau. Es wäre ungewöhnlich und eigentlich zu wenig, wenn sich Leo schwerpunktmäßig nur zu einer konkreten Frage, beispielsweise der Bedeutung von KI, äußern würde.

Jörg Ernesti (59) ist katholischer Priester und Kirchenhistoriker. Er lehrt an der Universität Augsburg Mittlere und Neue Kirchengeschichte. Sein Forschungsschwerpunkt ist die neuere Papstgeschichte. Aus seiner Feder stammen diverse Papst-Biographien und Bücher zum Vatikan und zum Papstamt. Ernesti ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Das Interview führte Christoph Strack.

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