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Der Grafiker Leo Maillet

Thomas Senne21. Februar 2014

Die Werke des Grafikers Leo Maillet wurden unter den Nazis als "entartet" eingestuft, er musste nach Frankreich fliehen. Eine aktuelle Ausstellung in Frankfurt zeigt Werke des vergessenen jüdischen Künstlers.

Frankreich Paris Montmartre 1940er
Das Pariser Viertel Montmartre in den 1940er JahrenBild: imago/United Archives

"Ich sprang mit aller Kraft an den Rand der Öffnung, gab mir einen großen Schwung und stieß mich mit einem Hechtsprung hinaus, wirbelte herum, schlug mit dem Kopf auf die Schiene und erwartete, dass der nächste Wagen meinen Kopf zermalmte." Mit trockenen Worten schildert Leo Maillet in seinem Tagebuch, wie er 1943 in Frankreich buchstäblich in letzter Minute aus einem fahrenden Deportationszug entkommen kann, der ihn in ein Vernichtungslager bringen sollte. Durch den Sturz auf die Gleise verliert er ein Auge und schlägt sich fast die ganze obere Zahnreihe aus.

Meisterschüler von Max Beckmann

Leopold Mayer legt sich erst später den Künstlernamen Leo Maillet zu. Als er am 29. März 1902 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickt, deutet noch nichts auf das schwere Schicksal hin, das ihn während der Nazizeit ereilen wird. Er absolviert zunächst eine Bank- und Kaufmannslehre, merkt aber bald, dass er eigentlich Künstler werden möchte.

1925 tritt Mayer in die Frankfurter Kunstschule ein, erhält Grafikunterricht und beherrscht bald alle gängigen Drucktechniken. Als er ein paar Jahre später Meisterschüler von Max Beckmann wird und im Städel-Institut ein eigenes Atelier besitzt, sieht seine Karriere durchaus vielversprechend aus. Für sein Ölbild "Uferstraße am Main" erhält er 1931 sogar den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Der Künstler fühlt sich mit dem Expressionismus verbunden, lehnt sich stark an seinen Lehrer Beckmann an. Aber er findet zunehmend eine eigene Bildsprache.

Die Grafik "Le Sauvage"Bild: Jüdisches Museum Frankfurt

Als die Nationalsozialisten zwei Jahre später an die Macht kommen, beginnt für den Maler eine Odyssee quer durch Europa, die ihn schließlich nach Paris führt. Rund 50 Gemälde und etwa 100 Grafiken von ihm in Deutschland werden als "entartet" beschlagnahmt und zerstört. In Frankreich kann sich Mayer zusammen mit seiner späteren Frau eine neue Existenz aufbauen. Seine Mutter wird er allerdings nie mehr wiedersehen. Sie wird von Frankfurt nach Riga deportiert und dort ermordet.

Flucht aus dem Internierungslager

In Paris hält sich Mayer erst als Fotograf über Wasser. Er kann sich sogar ein kleines Atelier mit Garten leisten. "Wir erhielten viele fotografische Aufträge, besonders Kinderporträts", erinnert er sich rückblickend an diese Periode. In der Werkstatt von Lacourière, wo Picasso und Miró ein und ausgehen, arbeitet er als Drucker und Radierer. Es entstehen etliche Grafiken, beispielsweise "Sauvage": ein mit sparsamen Umrisslinien radiertes Porträt einer Katze, das als einzige Druckplatte die Wirren dieser Zeit überdauern wird.

Der Zweite Weltkrieg bricht aus. In Frankreich lebende Deutsche, die auf einmal Kriegsgegner sind, sind den französischen Behörden besonders ein Dorn im Auge. Mayer wird verhaftet und kommt in ein Internierungslager. Von dort gelingt ihm aber die Flucht. Als die Nazis Frankreich besetzen und die Macht in den okkupierten Gebieten übernehmen, zerstören sie in seiner Pariser Wohnung mehr als 200 Ölgemälde und Radierplatten.

Selbstbildnis: Maillet als GrafikerBild: Jüdisches Museum Frankfurt

Zeichnungen mit Kaffeesatz, Wein und Blut

Aber nicht nur seine Kunst, auch Mayer selbst fällt 1942 der Gestapo in die Hände, wird verhaftet und in das Konzentrationslager von Les Milles bei Aix-en-Provence verschleppt. Die bedrückende Atmosphäre dort hat er auf einer Skizze festhalten und Jahre danach eine Radierung angefertigt. Ein düsteres Blatt, das den Titel "Vor der Deportation" trägt und verzweifelt herumirrende Menschen auf dem KZ-Gelände zeigt.

Mit seinem Sprung aus dem Deportationszug kann der Künstler in die Cevennen fliehen. Er überlebt dort als Hirte. Auf seinen Wanderungen durch die hügelige Landschaft entstehen immer wieder Bilder, die er mit Kaffeesatz, Wein oder mit Blut zu Papier bringt. Über den Verbleib der rund 30 Originale ist allerdings nichts bekannt. Einige Motive setzt er später in Radierungen um, die 1971 in einem Mappenwerk erscheinen.

Neue Existenz in der Schweiz

Als ihm 1944 schließlich die Flucht in die Schweiz gelingt, legt er sich den Künstlernamen Maillet zu. In dieser Zeit setzt er sich - ausstaffiert mit Zeichenutensilien - in einem Selbstbildnis als Grafiker in Pose: eine Art Selbstvergewisserung als Künstler. Ein ausdruckstarkes Ölgemälde, das in der Kabinettsausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt zu sehen ist.

Nach dem Krieg erstreitet sich der Künstler als NS-Opfer in langwierigen Prozessen vom deutschen und französischen Staat Ausgleichszahlungen, von denen er sich eine neue Existenz in der Schweiz aufbauen kann. Am 8. März 1990 stirbt Leo Maillet, an dessen Leben und Werk jetzt die aktuelle Ausstellung in Frankfurt erinnert.

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