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Ein grünes Berlin-Tagebuch

16. Mai 2017

Abhängig davon, wen man fragt, ist die deutsche Hauptstadt Berlin eine mehr oder weniger grüne Metropole. Tamsin Walker hat sich aufgemacht, um herauszufinden, wie grün Berlin wirklich ist.

Ein Baum Herzberge Park
Bild: DW/T. Walker
Die Brote hier sind fair und ökologisch korrekt hergestellt, und das schon seit vielen JahrenBild: DW/T. Walker
Das sind Pommersche Landschafe. Sie, und noch viele Tiere mehr, sollen im Herzberge Lehr-Park Kindern die Natur näher bringen.Bild: DW/T. Walker

Einen Tag bin ich in Berlin unterwegs. Ich will wissen, was die Stadt zu bieten hat für jemanden, der nachhaltig und im Einklang mit der Natur leben will. Das geht selbstverständlich am besten auf Schusters Rappen, mit Bus und Bahn. Und begonnen habe ich meine kleine Reise, indem ich meiner Nase gefolgt bin, dem verführerischen Duft frisch gebackener Köstlichkeiten hinterher.

08:30
Der Duft führt mich hinter den Tresen von "Weichardt Brot" in Berlin Wilmersdorf, einem Bezirk im Westen der Stadt. Hinter dem Verkaufsbereich eröffnet sich ein großer, wimmelnder, hektischer Raum. Ein bisschen wie in einem Bienenstock sind hier weiß gekleidete Frauen und Männer emsig dabei, zu mahlen, zu kneten, zu rollen, zu klopfen und zu backen.

Ziel der Bäckerei ist es, die Stadt mit knusprigen Lebensmitteln zu versorgen, die nach strengen ökologischen Richtlinien hergestellt werden. Und Berliner konnten sich das ansehen. Die Bäckerei hat eine Woche lang ihre Türen geöffnet, um zu zeigen, wie das entsteht, was einen großen Teil unserer täglichen Ernährung ausmacht.

Ich war etwas früher da und habe von innen gesehen, wie sich draußen eine Traube von Menschen bildet, um an der Tour durch die Bäckerei teilzunehmen. "Die Menschen haben großes Interesse", bestätigt mir Yvonne Neumann, die das "Weichardt" leitet. Sie schreibt das Erbe ihrer Eltern fort, die vor 40 Jahren nach Berlin kamen und zu den ersten Biobäckern der damals geteilten Stadt gehörten.

"Das war nicht leicht", erzählt sie. "Wegen der Mauer brauchten meine Eltern eine spezielle Einfuhrerlaubnis für ihr Getreide." Das Brot habe ihre Mutter schließlich draußen verkauft, etwa vor Kindergärten.

Ihren Beruf haben sie aus einer "Überzeugung" heraus gewählt, die nicht nur in ihrem eigenen, wachsenden Unternehmen gewachsen ist, sondern sich auch in der Stadt verwurzelt hat. Öko ist heute nicht mehr seltsam, die Schlange vor der Tür beweist das.

11:30
Von der Bäckerei aus fuhr ich dann ostwärts. Als ich aus der Straßenbahn steige, stehe ich in einem ehemaligen Industriegebiet, das sich die Natur zurückgeholt hat, dem 100 Hektar großen Herzberge-Park. Hier befindet sich ein Zentrum für Umweltbildung. Der Flieder und die sattgrünen Wiesen hier lassen mich für einen Moment denken, ich wäre nicht in der Stadt. Tatsächlich stehe ich noch immer mitten in Berlin.

Hier unterrichtet Birgit Wackwitz Kinder aus ganz Berlin. Sie bringt ihnen die Natur näher, die sie umgibt, und sie führt auch mich durch den Park. Eigentlich sollte hier auch eine Gruppe Kinder sein, die etwas über die Wunder des Gewöhnlichen Löwenzahns erfahren sollten, aber sie haben in letzter Minute abgesagt.

Ich habe die Gelegenheit genutzt, um den Bäckern mal in den Ofen zu schauenBild: DW/T. Walker
Die Lehrer hier wollen mit Experimenten für Kinder die Natur erlebbar machenBild: DW/T. Walker
In Berlin gibt es einige dieser Kühlschränke, in die Menschen Lebensmittel für Bedürftige ablegen können. Den hier finde ich leer vor, es gibt also Bedarf.Bild: DW/T. Walker
Wer zu viel von etwas hat, kann es in den Tauschladen bringen. Wer etwas braucht, kann es sich holen. Ich bringe T-Shirts mit.Bild: DW/T. Walker
Das Reparieren von Technik ist im Reperatur-Cafè Männersache. Die Herren sind erfolgreich, und sparen ziemlich viel CO2 mit ihrer Arbeit ein.

Also blieb es bei uns beiden, einer Gruppe Pommerscher Landschafe, vielen Vögeln, Bäumen, Insekten und hunderten Zauneidechsen. Das war einigermaßen beeindruckend. Ob ich wohl einer Eidechse begegnen würde, wollte ich wissen. "Ich habe noch nie eine gesehen", antwortet Birgit Wackwitz. "Allerdings sitze ich auch nie besonders lange an einer Stelle."

In einem ruhigen Moment hat sie mir die Wunder der Pusteblume gezeigt. Und, glauben Sie es oder nicht, gleichzeitig sang eine Nachtigal. Während wir zuhörten, zuckte Birgit Wackwitz plötzlich zusammen, griff hinter ihren Rücken und hatte eine der scheuen Zauneidechsen in der Hand. Manchmal kommen alle Wunder der Natur auf einmal.

13:30
Frische Luft macht hungrig, sagt man. Zurück im Westen, in Schöneberg habe ich mein Mittagessen gefunden. Und finden musste ich es tatsächlich. Denn ich wollte nicht in irgendein Restaurant, sondern musste die Augen nach einem Kühlschrank offenhalten. Es dauerte eine Weile, aber am Ende erschnüffelte ich doch einen, auf dem Parkplatz einer Baptistenkirche. Wo sonst?

Der Kühlschrank ist einer von nur wenigen im ganzen Stadtgebiet. Hier können Lebensmittel-Retter Vorräte für andere ablegen. Theoretisch zumindest, denn als ich endlich den Öffnungsmechanismus entschlüsselt hatte, folgte eine herbe Enttäuschung, der Kühlschrank war leer. Nicht ein Krümel für hungrige Wanderer.

Als ich gerade gehen wollte, tauchte doch ein Lebensmittel-Retter auf. Genau wie ich wollte er sehen, was der Kühlschrank zu bieten hätte. Im Gegensatz zu mir freute er sich über den leeren Kühlschrank. Schließlich, so sagte er, bedeute das, dass Menschen mitmachen und das System funktioniert. Dem kann ich wenig entgegenhalten.

15:30
Nächste Station: Das "Trial and Error" in Neukölln. Hier dreht sich alles um Urban Gardening, Upcycling und solidarische Wirtschaftsideen. Der Wochenkalender ist voll von Möglichkeiten, sich mit einem nachhaltigeren Lebensstil auseinanderzusetzen. Ich bin für den "Tauschladen" hergekommen, der zweimal pro Woche öffnet. Die "Kunden" hier kommen, um etwas zu bringen und etwas anderes mitzunehmen, oder auch nur eins von beidem.

"Wir haben Leute, die bringen drei Taschen voll und andere, die mit drei leeren Rucksäcken kommen", sagt Jenny Weber, ein Mitglied von "Trial and Error". Dieses Ungleichgewicht sei oft ein Thema, ergänzt sie. "Es könnte ja sein, dass sie mit den vollen Rucksäcken zum Flohmarkt gehen und alles verkaufen? Aber wir haben entschieden, dass es nichts ausmacht. Schließlich leben wir in einer Überflusswelt und alles ist in ständiger Veränderung."

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hänge ich einige T-Shirts auf, die ich mitgebracht habe und nehme ein anderes für einen Freund mit. Dann machte ich mich wieder auf den Weg. Als Abschiedsgeschenk gaben sie mir eine Packung Erdbeeren mit. Eine Packung von einigen Dutzend, die an diesem Morgen vor dem Wegwerfen bewahrt und ihnen gegeben wurden. Als mich auf dem nächsten Abschnitt meiner Reise ein Obachloser um eine Nahrungsspende bat, habe ich sie ihm gegeben.

17:30
Der letzte Stop meiner Reise ist Spandau. Das ist ein Bezirk ganz im Westen der Stadt, ein alter Bezirk, der in grauer Vorzeit eine eigene Stadt gewesen ist. Hier steht eine bekannte Zitadelle, die aus dem 15. Jahrhundert stammt. Hier gibt es auch insgesamt zwei Reparaturcafés. Der Name ist Programm: Es gibt Kaffee, alkoholfreie Getränke und Kuchen. Und man kann Dinge reparieren.

Als ich bei einem der beiden Cafés ankam, lag da auf einem großen Tisch ein halb auseinandergebauter Flachbildschirm. Die Männer hier, und es waren ausschließlich Männer hier bei der Arbeit, schraubten auch an Kopfhörern, einem Staubsauger und einer Videokamera herum.

"Das Hauptziel hier ist es, der Wegwerfgesellschaft etwas entgegen zu setzen", sagt mir Norbert Überfeld, der Organisator des Cafés.

20 Menschen sind hier involviert, immer wenn das Café öffnet, sagt Überfeld. Und 60 Prozent der Geräte würden sie wieder zum Leben erwecken. Inzwischen berechnen sie auch, wie viel CO2 sie in den letzten Jahren eingespart haben, indem das Team von Freiwilligen Gegenstände repariert hat, die sonst im Müll gelandet wären.

19:30
Auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle, von wo mich ein Bus zur U-Bahn bringen wird, die mich wiederum zum Zug bringt, der mich zu einem weiteren Zug nach Hause bringt, komme ich an einer alten Telefonzelle vorbei. Sie wurde zu einer Art Mini-Bibliothek umgebaut. Auch sie nehmen einen Platz auf der Berliner Öko-Landkarte ein. Und die grüne Landkarte der großen Stadt wächst. Langsam, aber sie wächst. Berlin wird nach und nach grüner.

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