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Glaube

Engel lehren uns zu fliegen

20. Oktober 2016

Zähflüssiger Allerweltskitsch oder kraftvoller Gerichtsbote? Der Theologe Christian Feldmann von der katholischen Kirche fordert Engel, die den Blick auf die offenen Ränder der Wirklichkeit lenken.

Engel-Kitsch oder Paradieswächter
Kitsch oder Paradieswächter? Bild: Ruben Weyringer/pixelio

„Hallo Engel
Musst du wirklich schon geh‘n?
So was wie dich
kriegt man hier selten zu seh‘n“1

Heutzutage müssen sich Engel ziemlich flapsig anreden lassen, wie man am Liedermacher Stefan Waggershausen sieht. Doch das klingt noch dezent, wenn man an so manchen Schmachtfetzen aus der Oldie-Parade denkt. So singt Bernd Clüver in seinem Lied „Der kleine Prinz“ aus dem Jahr 1973:

„Und ein Engel, der Sehnsucht heißt,
steht am Fenster und schaut dich an,
und er träumt mit dir,
und er weint mit dir.
Und ein Atemzug der Liebe
streift die Herzen, die ihn seh‘n,
in der Dunkelheit erstrahlt sein Stern
für die, die ihn versteh‘n.“2

Wie zähflüssiger Kleister legt sich Allerweltskitsch über den Engelmythos. Hilflos fühlen wir uns den geflügelten Himmelsküken in den Rokoko-Kirchen ausgeliefert, pausbäckigen Bübchen, die neckisch Säulen und Altäre umflattern. Noch schlimmere Zerrbilder bevölkern die Schlafzimmeridylle, geerbt oder am Trödelmarkt erstanden: jene schrecklich humorlosen, luftig-durchsichtigen Himmelswesen, die mit ernster Miene neben irgendwelchen Musterknaben einher schweben und sie wie an Mutters Schürzenband sicher über schwankende Holzstege geleiten.

Die kraftvollen Paradieswächter und Gerichtsboten der biblischen Tradition hat man darüber restlos vergessen. Oder doch nicht? Zum Glück gibt es die Dichter, die träumenden Literaten, die schreibenden Querköpfe, denen der Kitsch auf die Nerven geht. „Bin ich etwa verpflichtet, so auszusehen wie die Engel auf euren Weihwasserkesseln?“3 entrüstet sich ein angenehm herb-männlich wirkender Himmelsbewohner in einem scharfsinnigen Roman von Anatol France. Die Literaten wissen: Engel lassen sich nicht einfangen. „Sobald ich ihn zu schildern versuche, verlässt er mich“4, sagt Stiller im gleichnamigen Roman von Max Frisch über seinen Engel.

Das ist wohl gut so. Denn die sich zugleich nähernden und entziehenden Himmelsboten üben in den respektvollen Umgang mit Gott ein. Sie errichten eine Schranke gegen die Versuchung, Gott „haben“, sich ein Bild von ihm machen zu wollen. Wesen der Schwelle sind die Engel, Wächter der Pforte, die Grenze zwischen den Welten offen haltend und zugleich den Unwürdigen den Übertritt verwehrend.

Die Rätselpoetin Nelly Sachs hat einmal vom „heiligen Schleifenengel“ fabuliert, der „Unruhe stiftend“ in uns seine Kreise zieht. Ein Engel, der Misstrauen weckt gegenüber den scheinbaren Selbstverständlichkeiten der Welt mit ihren Sachzwängen. Die Engel der Poeten lehren die Menschen fliegen, sich erheben aus Sand und Staub der Alltäglichkeit. Engelbilder sind anscheinend mehr als wehmütige Erinnerungen an Kinderträume. Engelbilder protestieren gegen Eindimensionalität und Oberflächlichkeit fester Lebenspläne, lenken den Blick auf die offenen Ränder der Wirklichkeit.

Vielleicht darf hier auch an Dietrich Bonhoeffer erinnert werden und an sein Silvestergedicht, das längst zum Ohrwurm geworden ist:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“6

Man vergisst leicht, dass dieses kindlich vertrauensvolle Zeugnis der schützenden Gegenwart Gottes in einer Todeszelle geschrieben wurde, im Kellergefängnis der Berliner Gestapo. Engel als Sinnbilder der Geborgenheit, die ein trotziger Glaube mitten in einer völlig realistisch gesehenen Bedrohung bedeutet: O ja, manchmal gehört Mut dazu, an Engel zu glauben. 

1 Stefan Waggershausen, „Hallo Engel“, auf: ders. „Hallo Engel“, LP, 1980.
2 Bernd Clüver, „Der kleine Prinz“, auf: ders. „Der Junge mit der Mundharmonika“, LP, 1973.
3 Anatol France, Aufruhr der Engel, Zsolnay Verlag, Wien 1981.
4 Max Frisch, „Stiller. Homo Faber“, 1. Aufl. Frankfurt a. M. 1994, S. 349 f.
5 Nelly Sachs, „Bin in der Fremde“, in: dies., „Glühende Rätsel. Späte Gedichte“, (Frankfurt 1965) S. 203.
6 Dietrich Bonhoeffer (1944), Evangelisches Gesangbuch, 3. Auflage 2013, Lied 65.

 

Bildunterzeile/Fotorechte: ( CMS 19480232)

Kitsch oder Paradieswächter?   Foto: Ruben Weyringer/pixelio.de

Bild: privat

Christian Feldmann, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent, u. a. für die Süddeutsche Zeitung und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasst er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen. Zudem hat er bisher 51 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

Kirchlichee Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte und Alfred Herrmann

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