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Politik

Mosambik: Die Leiden der Zivilbevölkerung

Adrian Kriesch
2. März 2021

Im Norden von Mosambik wüten islamistische Terroristen, doch wegen einer restriktiven Informationspolitik der Regierung gibt es kaum Details zur Lage vor Ort. DW-Korrespondent Adrian Kriesch bekam seltene Einblicke.

Mosambik | Verschleppt von Islamisten | Muanarabo Oliveira
Verschleppt von Islamisten: die 16-jährige Muanarabo Oliveira auf einem Familienfoto mit Vater und SchwesterBild: Adrian Kriesch/DW

Seit Stunden steht Biche Oliveira am Strand der Insel Quirimba und beobachtet, wie junge Männer säckeweise Lebensmittel von einer Dau abladen. Ein großer Teil der Insel-Bewohner ist hier, denn einmal im Monat verteilt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen Lebensmittel. Kurz bevor er an der Reihe ist, zieht Oliveira ein Foto aus der Tasche. "Das ist meine Tochter Muanarabo", sagt er. Im April 2020 wurde die 16-Jährige hier von Islamisten verschleppt.

Damals attackierten die Islamisten die Insel. Sie ermordeten zwei Bewohner, plünderten Lebensmittel, zündeten das Haus des Verwaltungschefs an.

Verzweifelt und wütend: Biche OliveiraBild: Adrian Kriesch/DW

Der lokale Verwaltungschef bestätigt: 30 Bewohner werden seit dem Angriff vermisst, die meisten seien Mädchen. Eine Information, von der die Außenwelt von der Insel ohne Strom und Telefonnetz auch fast ein Jahr später noch nichts mitbekommen hat.

"Wir machen sie zu unseren Frauen"

"Das sind doch schlechte Menschen", sagt Oliveira, der als Schubkarren-Transporteur arbeitet. "Sie kommen von weit her, nehmen unsere Kinder weg und sagen nicht warum oder was sie wollen. Ich bin traurig, wütend - ich verstehe einfach nicht, was das soll."

Issa Hamissi war dabei, als Muanarabo entführt wurde - ihm drohte dasselbe Schicksal. Der 20-Jährige wurde aufgefordert zu beten, um zu beweisen, dass er ein guter Muslim sei. Wer das nicht konnte, sagt Hamissi, wurde geschlagen. "Dann haben sie zu mir gesagt: du kommst mit uns mit zu unserem Camp. Wir werden dich trainieren, dir schießen beibringen und dich zu einem Soldaten machen." 

Issa Hamissi (rechts) konnte in in letzter Minute flüchtenBild: Adrian Kriesch/DW

Doch auf dem Weg zum Festland, was während der Ebbe zu Fuß erreichbar ist, konnte er mit fünf Jungen und zwei Mädchen flüchten. Muanarabo war nicht dabei. "Sie sah traurig aus und hat geweint", erinnert sich Hamissi, der mit ihr verwandt ist. "Die Männer haben gesagt: Wir machen sie zu unseren Frauen."

Wer ist Al-Shabaab?

Amnesty International hat in einem neuen Bericht ähnliche Fälle dokumentiert. 79 Vertriebene hat die Organisation zwischen September 2020 und Januar 2021 interviewt und Menschenrechtsverbrechen dokumentiert: Hinrichtungen, Verstümmelungen, Entführungen von siebenjährigen Mädchen.

Al-Shabaab wird die Gruppe in Mosambik genannt, auch wenn sie nichts mit den gleichnamigen Terroristen in Somalia zu tun hat. Der Werdegang der islamistischen Terroristen im Norden von Mosambik ähnelt eher dem von Boko Haram in Nigeria: entstanden in einem marginalisierten Gebiet, dass lange von der Regierung vernachlässigt wurde. Politik und Sicherheitskräfte ignorieren die Radikalisierung lange und reagieren dann mit übertriebener Gewalt, auch gegen die Zivilbevölkerung - die noch mehr Vertrauen in den Staat verliert.

Die genauen Ziele der Gruppe sind unklar. Seit 2019 bezeichnen sich die Kämpfer als Teil der Terrororganisation "Islamischer Staat". Die Provinz Cabo Delgado ist reich an Bodenschätzen: Rubine, vor der Küste wollen internationale Konzerne Gas fördern. Die Sicherheitslage verzögert das - dem Staat könnten wichtige Einnahmen wegbrechen.

Eine halbe Million Menschen auf der Flucht

Mittlerweile sind in der Provinz Cabo Delgado mehr als eine halbe Million Menschen auf der Flucht, jeder vierte Bewohner. Die Hälfte davon, schätzt UNICEF, sind Kinder. Auf der Insel Quirimba lebten rund 4000 Menschen, bevor die Gewalt eskalierte. Mittlerweile sind es mehr als 10.000 - denn tausende sind vor den Angriffen auf dem Festland geflohen.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass etwa 560.000 Menschen aus Cabo Delgado auf der Flucht sindBild: Estácio Valói

Der Amnesty-Bericht erhebt auch schwere Vorwürfe gegen die Regierung und Sicherheitskräfte, inklusive der vom Staat angeheuerten südafrikanischen Söldnertruppe der Dyck Advisory Group. "Die Polizisten schlagen uns und fordern Schmiergeld, weil wir keine Dokumente haben", beklagt eine 64-jährige Vertriebene in einem Flüchtlings-Camp in der Nähe der Provinzhauptstadt Pemba auch gegenüber der DW. Ihr Haus mit dem gesamten Hab und Gut wurde von den Terroristen angezündet. Die DW hat bei Recherchen vor Ort mehrfach Interviewanfragen an den Gouverneur in Cabo Delgado, den Chef der Sicherheitskräfte, und das Verteidigungsministerium gestellt - kein einziges Interview ist zustande gekommen.

Auf der Insel Quirimba haben die Menschen kein Problem mit den Sicherheitskräften, denn es gibt keine. Kein einziger Soldat ist auf der Insel stationiert. Und so sorgt sich Biche Oliveira nicht nur darum, wann und ob er seine Tochter Muanarabo wiedersehen wird. Sondern auch um die Sicherheit seiner restlichen Familie.

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