"Entweder demokratische Korruption oder Polizeistaat"
25. Oktober 2002Moskau, 25.10.2002, NOWJA GASETA, russ., Leonid Aleksandrowitsch Radsichowskij
(...) Von nun an werden "unsere Terroristen" ihren "Gesinnungsbrüdern" in den USA, in Europa, in Israel, in Indonesien als inspirierendes Beispiel dienen. Der 11. September ist in den Kalendern der ganzen Welt fest vermerkt. Bis jetzt nur der 11. September. Wie aber der "12. September" aussehen wird, können wir uns noch nicht vorstellen. Aber man wird es uns schon bald zeigen.
Die westliche Welt ist hoffnungslos gespalten. Aber wir werden trotzdem auch diesmal gegen eine strikte Irak-Resolution protestieren. Das eine hat mit dem anderen schließlich nichts zu tun, und schließlich hat nicht Saddam die Terroristen nach Moskau geschickt...Ja, wen Gott bestrafen will, dem nimmt er den Verstand. Übrigens, die Amerikaner, die keinen Deut klüger sind als wir, werden weiterhin von unserem "unangemessenen Vorgehen" in Tschetschenien reden. Und wie jedes zivilisierte Land verurteilen sie das kleine grausame Israel - basta! Das scheint der einzige Punkt zu sein, in dem sich die internationale Gemeinschaft einig ist.
Besonders herzliche Worte möchte man an unsere Berufshumanisten richten: an Rechtsschützer, andere Friedensstifter und Demokraten. Da erklärt mir doch eine Dame "allen Ernstes", dass hinter dem letzten Terrorakt in Moskau entweder der FSB oder zumindest Tschetschenen stecken, "die mit dem FSB zusammenarbeiten". (...) Nun, das ist ein scherzhaftes Beispiel. Aber kein Scherz ist jedenfalls folgendes. Jetzt werden die Demokraten bei uns und - was für unsere zaghafte Führung wohl wichtiger ist - in Europa entschieden gegen die Todesstrafe auftreten. Und man wird uns erklären, Russland brauche keine Standgerichte, sondern Geschworenengerichte...
Aber auch heute ist noch nicht alles verloren. Es stimmt, einen Staat haben wir zur Zeit nicht. Zum Teufel damit! Wir brauchen ihn eigentlich auch gar nicht, einen Staat, und dazu noch einen russischen - pfeifen wir doch drauf! Das Problem ist nur - einen Staat gibt es nicht, seine Feinde sind aber am Leben. Kriminelle und politische, entschlossene und starke Feinde. Der Gouverneursmord auf dem Arbat. Die Explosion bei McDonalds. Der Terrorakt im Theater. Das Ziel ist allen klar. All das findet vor unseren erschrockenen Augen statt. Alle sehen auch die Fernsehserien, die "militärische Kameradschaft" verherrlichen, alle sind Zeuge der Farce "Wahlen", alle wissen, welches Stadium der "transparenten Korrumpierbarkeit" alle Machtorgane inzwischen erreicht haben. Also - alle sehen alles, wir sind eine offene Gesellschaft, korrupt und mit einer abhanden gekommenen Führung.
Aber Schlussfolgerungen daraus zu ziehen - davor hat man Angst. Es gibt aber nur eine Schlussfolgerung: "Die Obduktion hat gezeigt", dass in Russland entweder demokratische Korruption und eine Banditenregierung möglich ist oder ein Polizeistaat. Einen wahnsinnigen Tyrannen wie Stalin brauchen wir nicht. Wir brauchen einen eigenen Pinochet - wir haben ihn dringend nötig, wie die Luft und wie das Wasser. Bei uns herrscht Krieg. Und Krieg ist nun mal Krieg. Im Krieg sind Gerichtsverhandlungen, die sich über fünf oder sechs Jahre hinziehen und die damit enden, dass "Freundschaft gesiegt hat", nicht möglich. Im Krieg ist Angst unumgänglich. Und Angst gibt es in unserem Lande genug. Man hat Angst vor gewöhnlichen und politischen Banditen. Keine Angst hat man nur vor der Führung. Man hat sie nicht, weil es sie nicht gibt. Es gibt Funktionärsclans, die die Macht privatisieren. Stellen Sie sich etwas Ähnliches zur Zeit des "echten Krieges", im Jahre 1941 vor!
Die Rettung für das Land kann nur eines bringen - die schonungslose Ausrottung der Fäulnis aus dem Staat, vor allem aus den Machtstrukturen. Und gleichzeitig sollte ein striktes Polizeiregime errichtet werden - mit all seinen unumgänglichen Folgen - im ganzen Land. Das bedeutet weder die Aufhebung des privaten Eigentums noch einen eisernen Vorhang. (...) Und noch etwas. Russland sollte unverzüglich ein militärisches, politisches und Polizeibündnis mit den USA und England schließen. Genau wie 1941. Dieselbe Situation: Angriff, Weltkrieg. Wenn schon die gleiche Situation, dann auch das gleiche Bündnis. Die USA sind schlecht, wir sind schlecht, aber ein zweites Amerika gibt es für uns nicht. Und für sie gibt es kein zweites Russland. (...) (TS)