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GesellschaftMarokko

Erdbeben in Marokko 2023: Menschen warten noch auf Hilfe

Zhor Baki Marokko | Cathrin Schaer
7. September 2026

Drei Jahre nach dem schweren Erdbeben ist der Wiederaufbau in Marokko vorangekommen. Dennoch leben einige Betroffene noch immer in Zelten - und die Frage bleibt, ob die staatliche Hilfe ausreicht.

Marokko Agherman 2026 | Erdbeben-Wiederaufbau | Aït Belaid Mohamed vor neuem Haus
Einige Bewohner des vom Erdbeben schwer getroffenen Ortes Ighermane in der marokkanischen Provinz Al Haouz können sich inzwischen über ein neues Zuhause freuen - darunter Mohamed Ait Belaid und seine Frau, die zuvor in einem Zelt lebtenBild: Zhor Baki/DW

Am 8. September 2023 erschütterte ein verheerendes Erdbeben die marokkanische Region Al Haouz. Mehr als 2900 Menschen kamen ums Leben, über 5500 wurden verletzt. Die Zerstörungen waren gewaltig.

Zwei Betroffene, zwei unterschiedliche Geschichten

Im Dorf Ighermane im Hohen Atlas, rund 50 Kilometer südwestlich von Marrakesch, ist Mohamed Ait Belaid drei Jahre später mit seiner Situation zufrieden.

Nach dem Erdbeben lebte der 72-Jährige zunächst in einem Zelt. Inzwischen wohnt er in einem neu gebauten Haus, auch wenn es kleiner ist als sein früheres.

"Ich erhielt eine teilweise staatliche Unterstützung von 80.000 Dirham, rund 7300 Euro, für den Wiederaufbau", sagte er der DW. "Weitere 100.000 Dirham, etwa 9110 Euro, habe ich aus eigener Tasche bezahlt. Gott sei Dank gefällt mir mein neues Haus, und ich fühle mich darin wohl. Ich bin beruhigt, weil meine Frau, meine Kinder und ich gesund sind und ich niemanden von ihnen verloren habe."

Larbi Ait Jelloulat sitzt auf den Trümmern seines Hauses in Azgour. Bislang kämpft er vergeblich um staatliche Unterstützung.Bild: Zhor Baki/DW

Rund 40 Kilometer entfernt, in Azgour, sieht die Lage anders aus. Larbi Ait Jelloulat, ebenfalls 72 Jahre alt, sitzt vor dem Trümmerhaufen, der einmal sein Haus war: "Ich will wissen, wo meine Rechte geblieben sind", sagt er wütend. "Wer hat mir genommen, was mir zusteht? Seit drei Jahren gehe ich von einer Behörde zur nächsten, von einer Beschwerde zur nächsten, von einer Petition zur nächsten, nur um eine Antwort zu bekommen. Warum wurde ich ausgeschlossen? Bin ich kein Staatsbürger Marokkos?"

Ait Jelloulat war früher Gemeindeangestellter. Jahrelang hatte er gespart, um das große Haus zu bauen, das 2023 zerstört wurde. Wegen bürokratischer Vorgaben muss er nun nachweisen, dass er tatsächlich in der Region lebte.

"Mein einziger Traum war es, den Rest meines Lebens in meinem eigenen Haus zu verbringen und mich dort nach all den Dienstjahren auszuruhen", erklärte er. "Jetzt sagen sie, ich sei hier nicht wohnhaft. Wo ist da die Logik?"

Warum sind die Erfahrungen so unterschiedlich?

In Ighermane scheint der Wiederaufbau schneller voranzukommen. Rund 90 Prozent des Dorfes seien wiederaufgebaut und das Leben der meisten Einwohnerinnen und Einwohner habe sich normalisiert, sagte Omar Saeed von der Vereinigung für Entwicklung und Solidarität in Ighermane. Von den rund 150 Familien erhielten 114 staatliche Unterstützung. Die meisten mussten jedoch zusätzlich eigenes Geld investieren.

Azgour wurde in der Region am stärksten durch das Erdbeben getroffen. Dort hätten rund 76 Familien Hilfe beim Wiederaufbau erhalten, sagte Ait Jelloulat. Weitere 56 warteten noch immer darauf. "Hinzu kommt, dass die 76 Familien, die ihre Häuser an einem anderen Ort wiederaufgebaut haben, Probleme mit den Wasser- und Stromanschlüssen haben", fügte er hinzu.

Wiederaufbau in abgelegenen Bergdörfern schwierig

Nach Angaben der Entwicklungsagentur für den Hohen Atlas, kurz ADHA, wurden bislang 54.425 Häuser neu gebaut oder instand gesetzt. Mehr als 3000 weitere befinden sich noch im Bau. Die Agentur wurde im Oktober 2023 gegründet, um die Hilfe in den betroffenen Gebieten zu koordinieren.

Laut einer Mitteilung vom März hat die Regierung mehr als 7,2 Milliarden Dirham, rund 656 Millionen Euro, an betroffene Familien ausgezahlt. Darin enthalten sind Hilfen für den Wiederaufbau und monatliche Nothilfezahlungen. Der in Marrakesch ansässige Architekt Mohamed Belmejjad bewertet das Tempo des Wiederaufbaus positiv. "Ich halte die bisherigen Fortschritte - gemessen an der Zeit - für positiv", sagte er der DW.

Azgour gehörte zu den Dörfern, die vom Erdbeben 2023 besonders schwer getroffen wurden. Der Wiederaufbau dauert bis heute an.Bild: Zhor Baki/DW

Unter den gegebenen Umständen hätte es kaum schneller gehen können, meint Belmejjad. Viele betroffene Orte, insbesondere abgelegene Bergdörfer, waren nach dem Erdbeben schwer erreichbar. Zudem mussten zunächst die Trümmer beseitigt werden. Weitere Probleme kamen hinzu: Manche Dörfer liegen weit entfernt von befestigten Straßen. Baumaterialien müssen mühsam hin- und Schutt wieder abtransportiert werden. Auch die Versorgung mit Wasser und Strom ist schwierig.

Wegen Gefahren wie Erdrutschen müssen teilweise ganze Dörfer und Baustellen verlegt werden. Gleichzeitig sollen lokale Bautraditionen berücksichtigt und stabile, langlebige Materialien verwendet werden.

"Niemand hat an uns gedacht"

"Uns fehlt hier außerdem die notwendige Fachkompetenz, sei es bei Architekten, Planungsbüros, Bauunternehmen oder selbst bei den Arbeitskräften, die für den Bau benötigt werden", erklärte Belmejjad. Angesichts all dieser Schwierigkeiten könne man sogar sagen, dass der Wiederaufbau dem Zeitplan voraus sei.

Dennoch hat die Nationale Koordinierungsstelle für die Opfer des Erdbebens von Al Haouz nach eigenen Angaben Beschwerden von mehr als 3000 Familien erhalten, die keinerlei staatliche Unterstützung bekommen haben. Montasser Itri, Mitglied der Organisation, erklärt, einige Familien seien ausgeschlossen worden, weil sie zum Arbeiten in andere Landesteile gezogen waren. Auf ihren Personalausweisen sind deshalb Wohnorte vermerkt, die nicht vom Erdbeben betroffen waren.

Mohamed Belkaid lebt seit dem Erdbeben 2023 mit seiner Familie in diesem ZeltBild: Zhor Baki/DW

"Die Regierung versucht, uns, die Opfer des Erdbebens von Al Haouz, auf bloße Statistiken über den Fortschritt der Bauarbeiten und den Abbau der Zelte zu reduzieren", sagte Itri der DW, "anstatt uns wie Menschen und mit Würde zu behandeln." Die Koordinierungsstelle fordert deshalb eine unabhängige und transparente Untersuchung zum Umgang der örtlichen Behörden mit den Hilfszahlungen. Bei Demonstrationen vor dem Parlament in Rabat verlangten Betroffene Entschädigungen und neue Unterkünfte. Zugleich warfen sie den lokalen Behörden vor, Zusagen nicht eingehalten zu haben.

Hoffen auf die Parlamentswahl

Andere Betroffene hoffen nun auf die für den 23. September angesetzte Parlamentswahl. "Premierminister Aziz Akhannouch hat uns eine Lösung für das Problem versprochen, und Gott weiß, dass wir darauf warten", sagte Fawzia Aliban, deren Haus in Amizmiz bei dem Erdbeben beschädigt wurde. "Wir hoffen, dass die Probleme gelöst werden, denn mir wurden Hilfen verweigert, obwohl mein Haus kurz vor dem Einsturz steht."

Drei Jahre später ist in Ighermane in der Provinz Al Haouz nach Angaben der örtlichen Behörden fast wieder Normalität eingekehrtBild: Zhor Baki/DW

"Drei Jahre sind vergangen, und niemand hat an uns gedacht. Aber in letzter Zeit sind einige Politiker aufgetaucht und haben versprochen, das Problem zu lösen", sagte Mohamed Belkaid, der mit seinen vier Kindern im Gebiet von Amizmiz noch immer in einem Zelt lebt.

Er erhielt keine Unterstützung für den Wiederaufbau, weil er als Mieter und nicht als Eigentümer registriert ist. Dass sich daran etwas ändern wird, glaubt er nicht. "Sie haben versprochen, unsere Akten noch einmal zu prüfen, und uns aufgefordert, ihnen zu vertrauen und sie zu wählen", beklagte er. "Wenn sie das Problem wirklich lösen wollten, hätten sie es schon vor den Wahlen getan. Wo waren sie all die Jahre?"

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Arabisch verfasst.

Cathrin Schaer Autorin für das Nahost-Ressort.