"Erfolgreiche Sonderoperation gegen die nationalen Verräter Kadyrow und Issajew"
18. Mai 2004Moskau, 18.5.2004, ISWESTIJA, NESAWISSIMAJA GASETA, WREMJA NOWOSTEJ, KOMMERSANT
ISWESTIJA, russ., 18.5.2004, Anton Kljujew
Am Montag (17.5.) wurde auf der Webseite der tschetschenischen Separatisten "Kavkaz Center" eine sensationelle Erklärung des Anführers einer islamischen Schachiden-Brigade (...), Schamil Bassajew, veröffentlicht. In dieser Erklärung übernahm Bassajew die Verantwortung für den Terroranschlag am 9. Mai im "Dinamo"-Stadion von Grosny, bei dem sechs Personen um Leben kamen, darunter der Präsident Tschetscheniens, Achmad Kadyrow. Bassajew droht ferner zum ersten Mal seit Beginn des Tschetschenien-Krieges dem Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, und dessen Familie.
Die Erklärung von Schamil Bassajew, die, wie bei "Kavkaz Center" behauptet wird, per E-Mail eingegangen sei, beginnt mit dem Lob für Allah und Zitaten aus dem Koran. Danach schreibt die Person, die mit Bassajew, unterschrieben hat: "Unsere Mudschaheddin haben im Rahmen der Operation ‚Vergeltung‘ erfolgreich die Sonderoperation ‚Nal-17‘ durchgeführt und das Urteil des Scharia-Gerichtes gegen die nationalen Verräter und Abtrünnigen Kadyrow und Issajew vollstreckt. Wir entschuldigen uns beim Präsidenten der Tschetschenischen Republik Itschkerija, Aslan Maschadow, dass wir das Haupt von Kadyrow nicht im wahrsten Sinne des Wortes vor seine Füße werfen konnten, wie wir es vor einem Monat versprochen hatten."
Damit gab Bassajew zu verstehen, dass Kadyrow zumindest mit Wissen von Maschadow vernichtet wurde. Dabei hat Maschadow selbst bereits vor einer Woche auf der Internetseite Chechenpress eine Erklärung veröffentlicht, in der er behauptet, dass er "nichts mit denen zu tun hat, die unschuldige Menschen töten", und "alle Formen des Terrorismus verurteilt".
Bassajew hat mehrmals gedroht, den "Verräter Kadyrow" zu vernichten. Die Erklärung vom Montag könnte tatsächlich der Wirklichkeit entsprechen. Um so mehr bezeichneten viele Beamte der tschetschenischen Administration gleich nach dem Terroranschlag im "Dinamo"-Stadion in Grosny eben Bassajew als Mörder von Achmad Kadyrow. (...)
Der Leiter der Abteilung Tschetschenien des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands, Jurij Roschin, sagte, auf die Erklärung von Bassajew eingehend: "Es wird überprüft, ob Bassajew etwas mit dem Terroranschlag zu tun hat, aber das ist nicht die einzige Theorie."
Die größte Überraschung sind jedoch die letzten Zeilen der Internet-Botschaft von Bassajew: "Uns interessiert, wer zum Premier Rusni [Russlands] ernannt wird – Katja oder Mascha [Namen der Töchter von Wladimir Putin], wenn wir, dank der Gnade Gottes, erfolgreich die Operation ‚Mosjka-2‘ durchführen."
Indem Bassajew die Namen der Töchter von Wladimir Putin nennt, stellt er eine Parallele her zur Ernennung des Sohnes von Achmad Kadyrow, Ramsan, zum Vizepremier der tschetschenischen Regierung gleich nach der Ermordung seines Vaters. Auf diese Zeilen gehen die russischen Geheimdienste nicht ein. (lr)
NESAWISSIMAJA GASETA, russ., 18.5.2004, Andrej Riskin, Andrej Skrobot
(...) Im letzten Teil seiner Erklärung droht Bassajew offen nicht nur Präsident Putin, sondern auch dessen Familie. (...) Man muss betonen, dass vorläufig keiner der Separatisten dem Präsidenten Russlands, erst recht nicht Mitgliedern seiner Familie, gedroht hat. Verwunderung ruft ferner die Tatsache hervor, dass Schamil Bassajew die Verantwortung für das Attentat in Grosny erst eine Woche nach der Tragödie übernommen hat. Wie die "Nesawissimaja gaseta" auch annahm, haben die Separatisten eine propagandistische Kampagne eingeleitet, bei der sie sich auch der Ermordung des Präsidenten Tschetscheniens, Achmad Kadyrow, und des Vorsitzenden des Staatsrates der Republik, Hussein Issajew, bedienen. Bassajew will allem Anschein nach die politische Initiative bei den Anhängern von Achmad Kadyrow übernehmen. Nicht von ungefähr appelliert Russlands "Terrorist Nr.1" in seiner Erklärung hauptsächlich an diejenigen, die auf die Seite der föderalen Kräfte gewechselt sind. (...) (lr)
WREMJA NOWOSTEJ, russ., 18.5.2004, Wiktor Paukow
(...) Weder Vertreter der föderalen Sicherheitsdienste noch der tschetschenischen sind gestern (17.5.) auf die Erklärung von Schamil Bassajew eingegangen. Das ist offensichtlich teilweise darauf zurückzuführen, dass die Teilnahme des Anführers der Separatisten anfänglich als eine Selbstverständlichkeit betrachtet wurde. Das Schweigen der Machthaber ist allem Anschein nach ferner auf den höhnischen Ton der Erklärung von Bassajew zurückzuführen. Darin hat er, indem er die Namen der Töchter des Staatsoberhauptes nennt, eindeutig angedeutet, dass die nächste Sonderoperation der Separatisten (...), die bereits vorbereitet werde, gegen Präsident Putin persönlich gerichtet sei. Die Erklärung von Bassajew wurde von den Geheimdiensten als gewöhnliche PR-Aktion der Separatisten bezeichnet. (...) (lr)
KOMMERSANT, russ., 18.5.2004, Wlad Trifonow
(...) Im Schreiben heißt es unter anderem, dass das Tschetschenische Volk am 9. Mai "einen zweifachen Feiertag begangen hat – den Sieg über den Faschismus und einen kleinen, aber sehr wichtigen Sieg über Russland". (...) Der Chef des Sicherheitsrates Tschetscheniens, Rudnik Dudajew, zweifelt jedoch daran, dass Schamil Bassajew der Verfasser dieser Botschaft ist. "Wir hatten bereits einen Radujew, der die Verantwortung für alles übernahm, aber niemand glaubte ihm, weil er zu viel redete. Das ist von der Form her ein seltsames Schreiben, besonders die Entschuldigung bei Maschadow. Soll das heißen, dass Maschadow nicht wusste, dass das Attentat vorbereitet wird? Maschadow selbst sagte, schenkt man diesen Internetseiten Glauben, dass der Terroranschlag von den föderalen Kräften verübt wurde, dass die Kämpfer damit nichts zu tun haben. Und wieso hat sich Bassajew so spät dazu bekannt? Unsinn ist das alles. (...)." (...) (lr)