Eritrea: Neues Risiko am Roten Meer?
25. September 2026
Es sind zwei Entwicklungen, die zunächst wenig miteinander zu tun haben: Washington hebt wichtige Sanktionen gegen Eritrea auf, wenige Tage später eskaliert der Konflikt in Äthiopiens Region Tigray.
Am 23. September nehmen tigrayische Truppen mehrere Flughäfen ein. Die Kämpfe breiten sich auf Afar und Amhara aus. Beide Seiten machen einander für die Eskalation verantwortlich. Das Friedensabkommen von Pretoria aus dem Jahr 2022 steht damit vor seiner bislang größten Belastungsprobe.
Und plötzlich wird Eritrea wieder zum entscheidenden Faktor. Denn das Land liegt direkt am Roten Meer, gegenüber dem Jemen. Der Hafen Assab befindet sich nahe der strategisch wichtigen Meerenge Bab al-Mandab. Angesichts der Bedrohung der Schifffahrt durch die Huthi gewinnt diese Lage für die USA an Bedeutung.
Washington braucht Eritrea möglicherweise mehr als noch vor wenigen Jahren - gleichzeitig läuft es Gefahr, einem der autoritärsten Regime Afrikas neuen politischen Spielraum zu verschaffen. "Das könnte durchaus passieren - und genau darin liegt die größte Gefahr", sagt Martin Plaut, ein britischer Journalist und Kenner des Horns von Afrika. Er hält es für möglich, dass die aktuellen Spannungen zu einer größeren regionalen Konfrontation führen.
Seiner Einschätzung nach hat die Regierung von US-Präsident Donald Trump eine strategische Entscheidung getroffen: "Trump hat die Beziehungen zu Eritrea wieder verbessert und die Sanktionen aufgehoben" - und zwar um die Bedrohung durch die Huthi einzudämmen und die Sicherheit des Roten Meeres zu stärken, so Plaut.
Auffälliges Timing
Das Timing ist bemerkenswert: Am 18. September ließ die US-Regierung den nationalen Notstand auslaufen, auf dessen Grundlage seit 2021 Sanktionen im Zusammenhang mit der Krise in Äthiopien verhängt worden waren. Das US-Finanzministerium strich daraufhin mehrere eritreische Personen und Organisationen von seiner Sanktionsliste, darunter den hochrangigen Finanzfunktionär Hagos Ghebrehiwet und die Red Sea Trading Corporation.
Die Entscheidung ist keine pauschale Unterstützung für Eritreas Regierung, und Washington hat auch nicht öffentlich erklärt, mit Präsident Isaias Afwerki einen politischen Deal geschlossen zu haben. Doch ein wichtiges Druckmittel ist damit verschwunden - und das ausgerechnet in einem Moment, in dem Eritreas geografische Lage wieder strategisch an Bedeutung gewinnt.
Für Abdurahman Sayed, Direktor des Horn of Africa Centre for Regional Integration, ist der größere geopolitische Kontext entscheidend: "Die Straße von Hormus ist seit einiger Zeit blockiert. Und jetzt geht es um Bab al-Mandab am Roten Meer, wo Eritrea liegt. Das könnte Eritrea einen gewissen Vorteil verschaffen, um eine substanzielle Beziehung zu den USA aufzubauen."
Eritreas geografischer Trumpf
Eritrea besitzt eine lange Küste am Roten Meer. Assab liegt nahe Bab al-Mandab, einem der wichtigsten maritimen Engpässe der Welt.
"2020 ging es um die TPLF und die äthiopischen Streitkräfte", sagt Moses Okello vom Institute for Security Studies in Addis Abeba. "Heute steht der gesamte Nahe Osten in Flammen, und gleichzeitig nehmen die Spannungen im Roten Meer zu. Dadurch verändert sich der strategische Wert nicht nur der eritreischen Küste, sondern der gesamten Route durch das Rote Meer."
Für Washington kann Eritrea deshalb als Sicherheits- und Logistikpartner interessant werden - oder zumindest als Land, dessen Feindseligkeit vermieden werden soll.
Doch genau hier liegt das Dilemma. Eritrea gehört zu den autoritärsten Staaten der Welt.
Seit der Unabhängigkeit 1993 hat es keine nationalen Wahlen gegeben. Zudem gibt es dort einen zeitlich unbestimmten und faktisch unbefristeten National- und Wehrdienst. Während des Tigray-Krieges von 2020 bis 2022 kämpften eritreische Truppen an der Seite der äthiopischen Bundesregierung.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sanktionsaufhebung dürften aber begrenzt sein. "Die Aufhebung der Sanktionen wird vor Ort möglicherweise keinen großen Unterschied machen", sagt Abdurahman Sayed. "Eritrea ist kein Handelszentrum und verfügt nicht über etablierte Handelsbeziehungen mit der Außenwelt. Das Land ist sehr abgeschottet."
Äthiopien rutscht erneut in den Krieg
Die Eskalation in Tigray kam nicht aus dem Nichts.
Am 21. September kündigten sieben bewaffnete und politische Gruppen ein Bündnis an, das auf die Absetzung von Premierminister Abiy Ahmed und seiner Regierung zielt. Dazu gehören die Tigray People's Liberation Front (TPLF), das Amhara Fano National Movement und die Oromo Liberation Army. Einige dieser Gruppen standen im Krieg von 2020 bis 2022 noch auf entgegengesetzten Seiten.
Wie belastbar das Bündnis militärisch ist, bleibt unklar. Politisch ist seine Bildung jedoch bemerkenswert: Gruppen mit sehr unterschiedlichen Interessen haben einen gemeinsamen Gegner gefunden.
Zwei Tage später eskalieren die Kämpfe in Tigray. Die TPLF erklärt, die Bundesregierung habe den Angriff begonnen. Addis Abeba beschuldigt dagegen die TPLF.
Diesmal könnte Eritrea nicht Zuschauer bleiben.
Könnte Eritrea eingreifen?
Während des vergangenen Tigray-Krieges kämpften eritreische Truppen an der Seite der äthiopischen Armee. Danach verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Afewerki und Abiy jedoch deutlich.
Ein zentraler Streitpunkt ist Äthiopiens Zugang zum Roten Meer. Seit der Unabhängigkeit Eritreas ist Äthiopien ein Binnenstaat und betrachtet einen verlässlichen Zugang zum Meer als strategische Notwendigkeit. Eritrea besteht dagegen auf seiner Souveränität. Die äthiopische Regierung hat Eritrea vorgeworfen, bewaffnete Gruppen zu unterstützen. Asmara weist die Vorwürfe zurück.
Beweise dafür, dass die USA mit der Aufhebung der Sanktionen eine militärische Intervention Eritreas in Äthiopien fördern wollten, gibt es bislang nicht. Ebenso wenig ist bekannt, dass Afwerki entschieden hätte, in den neuen Konflikt einzugreifen.
Doch wenn die Kämpfe in Tigray weiter eskalieren, könnte Eritrea zu dem Schluss kommen, dass ein Eingreifen seinen eigenen Sicherheitsinteressen dient. In diesem Fall würde aus einem inneräthiopischen Konflikt schnell ein zwischenstaatlicher Konflikt.
Ein regionaler Konflikt mit Ansteckungsgefahr
Das Horn von Afrika ist bereits ein Flickenteppich aus Krisen und Machtkämpfen.
Im Sudan herrscht Krieg, Somalia bleibt instabil, Äthiopien und Ägypten streiten über den Nil und den Grand Ethiopian Renaissance Dam. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate verfolgen eigene Interessen am Roten Meer. Und der Krieg im Jemen ist unmittelbar mit der Sicherheit Bab al-Mandabs verbunden. Eine neue Konfrontation zwischen Äthiopien und Eritrea würde deshalb nicht isoliert bleiben.
Moses Okello sieht im Konflikt im Nahen Osten einen zusätzlichen Risikofaktor. Die neue geopolitische Lage erhöhe den Druck, mit Eritrea und Äthiopien gleichzeitig ins Gespräch zu kommen, bevor aus den bestehenden Spannungen ein "Flächenbrand" werde.
Auch Martin Plaut warnt vor einer Kettenreaktion: "Die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützen die RSF, während die Saudis die Eritreer und die sudanesischen Streitkräfte unterstützen", sagt er. "Das alles könnte sich gegenseitig verstärken, sodass ein Konflikt in den nächsten übergeht."
Ein großer regionaler Krieg ist damit keineswegs unausweichlich. Die beteiligten Staaten haben starke Gründe, eine unkontrollierte Eskalation zu verhindern. Aber die Verbindungen zwischen den Konflikten werden enger.
Eritreas Moment
Für Eritreas Langzeitpräsident Afewerki ist die neue Lage eine Chance. Die Aufhebung der Sanktionen beseitigt einen Teil des internationalen Drucks. Vor allem aber zeigt die erneute Annäherung Washingtons, dass Eritreas geografische Lage wieder strategischen Wert besitzt.
Darin liegt die eigentliche Ironie: Je wichtiger Eritrea für die Sicherheit des Roten Meeres wird, desto schwieriger könnte es für die USA werden, strategische Interessen und die Sorge über das autoritäre System des Landes gegeneinander abzuwägen.
Für Äthiopien geht es jetzt darum, die Kämpfe zu stoppen, bevor Eritrea hineingezogen wird.
Für Washington lautet die schwierigere Frage: Kann Eritrea als Partner für die Sicherheit des Roten Meeres eingebunden werden, ohne Asmara dadurch mehr Spielraum für Einfluss und Intervention in der Nachbarschaft zu geben?
Eritrea war jahrzehntelang ein Außenseiter der internationalen Diplomatie. Seine Geografie war es nie.
Jetzt, da in Tigray wieder Krieg herrscht, die Huthi das Rote Meer bedrohen und Washington den Gesprächskanal nach Asmara wieder öffnet, könnte Eritrea zu einem der entscheidenden Akteure in der nächsten Phase der Konflikte am Horn von Afrika werden.
Mitarbeit: Ekinder Firew (Addis Abeba)