Es stehen uns weitere heiße Jahre bevor

Was für ein Hitzesommer! Bleibt das jetzt so? Eine neue Studie gibt wenig Aussicht auf Abkühlung: Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass auch die kommenden vier Jahre außergewöhnlich heiß werden.

Na, diesen Sommer schon viel geschwitzt? Daran müssen wir uns vermutlich gewöhnen: Einer neuen Studie zufolge stehen uns mindestens vier weitere heiße Jahre bevor. Französische und niederländische Forscher sagen eine "kommende Warmperiode" voraus, "mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für hohe bis extrem hohe Temperaturen." Die Studie erschien am Dienstag (14.08.2018) in der Fachzeitschrift "Nature Communications".

Florian Sévellec von der Universität Brest in Frankreich und Sybren Drijfhout vom Königlichen Niederländischen Meteorologischen Institut in De Bilt entwickelten ein statistisches Modell, um für die nahe Zukunft die globalen Durchschnittstemperaturen vorherzusagen. Ihre Berechnung für die Jahre 2018 bis 2022 findet eine 58-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die kommenden Jahre wärmer werden als der durchschnittliche Trend. Für die Jahre 2018 bis 2021 liegt die Wahrscheinlichkeit für schwitzfähige Temperaturen sogar bei 72 Prozent.

Unter der Hitzewelle leiden Mensch und Tier zugleich

Aber: "Wir sagen keine neue Hitzewelle voraus", stellt Florian Sévellec gegenüber der DW klar. "Ein warmes Jahr bedeutet nicht automatisch eine Hitzewelle." Die Vorhersage spuckt lediglich globale Durchschnittstemperaturen aus - keine regionalen Werte für bestimmte Erdteile. "Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit, dass es warm wird, aber höher als dafür, dass es kalt wird."

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Für die Jahre über 2022 hinaus werden die Vorhersagen allerdings schwammig. Das Modell funktioniert so weit in die Zukunft hinaus nicht mehr gut, erklärt Sévellec.

Natürliche Schwankungen

"Erderwärmung ist kein gleichmäßiger Vorgang", schreiben die Forscher. Zwar wird in den Temperaturdiagrammen der Trend ersichtlich, dass die Erde sich langfristig aufheizt. Aber trotzdem kann es zwischendurch kalte Jahre geben, in denen die globale Durchschnittstemperatur unter den erwarteten Trend fällt. 

Grund ist die chaotische Natur unseres Klimas. Natürliche Schwankungen überraschen die Klimaforscher immer wieder aufs Neue. Diese Variabilität ist unter anderem auch verantwortlich für die Pause der globalen Erwärmung nach 1998. Währenddessen veränderten sich die globalen Temperaturen nur relativ wenig, es sah so aus, als sei die Erwärmung zum Stillstand gekommen (was Klimaskeptiker als Wahrzeichen genommen hatten). Erst nach 2012 nahm der Erwärmungstrend wieder Fahrt auf.

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Das jetzt vorgestellte Vorhersagesystem will solche natürlichen Schwankungen erfassen und berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass die kommenden Jahre wärmer oder kälter werden als erwartet.

Das funktioniert ähnlich wie bei einer Regenvorhersage: Auch die kann nicht mit absoluter Genauigkeit angeben, ob es regnen wird oder nicht - sie zeigt nur, wie wahrscheinlich es ist, dass es regnet. 

Sich mal jetzt schon auf weitere Hitze vorbereiten?

Kein neues Ergebnis

Wie wir wissen, können Regenvorhersagen manchmal fürchterlich daneben liegen. Was ist also mit den Berechnungen der Klimaforscher? Ist es wirklich notwendig, Geld in die Hand zu nehmen und eine Klimaanlage zu installieren? Oder sollte man lieber noch abwarten?

Das ließe sich herausfinden, indem man die Vorhersagen der Forscher für 2018 mit den Werten vergleicht, die man tatsächlich dieses Jahr gemessen hat. Leider ist das Jahr noch nicht vorbei und die Datensätze sind noch nicht komplett.

Berechnungen, die andere Forscher zuvor durchgeführt haben, untermauern allerdings die Vorhersagen von Sévellec und Drijfhout's, dass weitere heiße Jahre auf uns warten.

"Das ist kein neues Ergebnis", kommentiert Wolfgang Müller vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Gerhard Lux, Pressesprecher beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach am Main meint: "Wir sagen schon seit zehn bis 15 Jahren immer wieder aufs Neue, dass Trocken- und Warmperioden zunehmen werden."

Eine deutschlandweite Forschungsinitiative für mittelfristige Klimaprognosen namens Miklip erhielt ähnliche Resultate: Ja, es wird wärmer werden. Mit einem Klimamodell sagten die Forscher einen kontinuierlichen Temperaturanstieg ab 2019 bis mindestens 2026 voraus.

Ja, die kommenden Jahre werden wohl wärmer sein - mit seinen Vorteilen und Nachteilen

Eine neue Art, das Klima vorherzusagen

Das Neue an der nun veröffentlichten Studie sind offenbar nicht die Ergebnisse selbst, sondern die Art, wie sie berechnet wurden. Sévellec und Drijfhout nutzten einen neuen Ansatz, der seit einigen Jahren in der Klimaforschung immer wichtiger wird: statistische Modelle.

Globale Klimamodelle berücksichtigen alle bisher erforschten Eigenschaften unseres Klimas, um eine Vorhersage zu machen. Der neue Ansatz analysiert hauptsächlich Daten aus der Vergangenheit, um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass ein bestimmtes Ereignis in der Zukunft eintreten wird - etwa Warmwetterperioden. "Statistische Modelle bestehen aus einfachen Algorithmen, die einfache Zusammenhänge ermitteln", erklärt Wolfgang Müller. "Sie sind sehr effizient."

Vor allem eines macht diese Art der Vorhersage so attraktiv: Sie braucht nur geringe Rechenleistungen. "Eine Zehn-Jahres-Vorhersage braucht nur 22 Millisekunden und kann quasi unmittelbar auf einem Laptop gemacht werden", schreiben die Forscher in der Studie. Eine Zehn-Jahres-Vorhersage mit dem System, das das MetOffice (der nationale meteorologische Dienst des Vereinigten Königreichs) nutzt, brauche hingegen eine Woche auf einem Supercomputer.

Klimawandel begünstigt auch Dürre in vielen Regionen der Welt

Auch der Deutsche Wetterdienst arbeitet teilweise bereits mit einem statistischen Modell, sagt Pressesprecher Lux. "Und das verspricht interessant zu werden."

Schwächen der neuen Studie 

Das neu veröffentlichte Modell berücksichtigt allerdings keine regionalen oder lokalen Vorkommnisse und kann daher auch keine Vorhersagen für einzelne Erdteile abgeben. "Sagen wir, es wird tatsächlich wärmer, so wie wir voraussagen", sagt Sévellec. "Dann wissen wir nicht, ob das in Europa, Afrika oder anderswo passieren wird. Regionale Muster enthält das Modell noch nicht."

Ein großer Nachteil, kommentiert Müller. "Mit globalen Mitteltemperaturen können vielleicht Rückversicherer etwas anfangen." Wirklich wichtig zu haben seien aber regionale Vorhersagen, etwa um vorausschauende Maßnahmen zum Beispiel bei der Landwirtschaft einzuleiten.

Die Miklip-Initiative hat hier sehr viel differenziertere Antworten. Europa und Teile von Asien und Nordamerika werden von den heißen Temperaturen besonders stark getroffen, findet deren Berechnung. Wer über die Anschaffung einer Klimaanlage nachdenkt, sollte also zunächst regionale Vorhersagen checken. Denn, wie Sévellec es ausdrückt: "es kann sehr heiß in einem Erdteil sein, aber trotzdem noch relativ kalt in einem anderen."

Deutschland
In Deutschland sorgen sich Städte und Bürger bei der extremen Hitze vor allem um die Tier- und Pflanzenwelt. Deshalb bieten viele Bauern ihren Tieren nun Duschen zur Erfrischung an. In Hamburg werden Schwäne bereits frühzeitig in ihr Winterquartier umgesiedelt, um sie vor der Hitze zu schützen. In anderen Städten gründen Bürger Initiativen, um gemeinsam öffentliche Grünflächen und Bäume zu gießen.
Irland
Irland ist eigentlich bekannt für seine grasgrünen Hügel und Landschaften. Doch aufgrund der Hitze ist davon nicht mehr viel zu sehen - das Land gleicht eher einer afrikanischen Steppe. Wie ein irischer Reporter in der Süddeutschen Zeitung verrät, nimmt man Kühltaschen und Kühlakkus mit ins Büro, um für die nötige Abkühlung zu sorgen. Denn in Irland gibt es so gut wie keine Klimaanlagen.
Finnland
Auch Finnland im hohen Norden Europas ist von der Hitzewelle diesen Sommer nicht verschont geblieben: Eine Supermarkt-Kette in der Hauptstadt Helsinki hat Kunden dazu eingeladen, in ihren Räumlichkeiten zu nächtigen und ihre Schlafsäcke vor den Kühlregalen auszubreiten. Da der Andrang so groß war, musste der Initiator der Aktion die Besucherzahl auf knapp 100 beschränken.
Schweiz
Wer trotz der Hitze keinen Urlaub hat und bei den heißen Temperaturen im Büro sitzen muss, der würde im Moment wahrscheinlich gern in Basel arbeiten: Denn in der Stadt in der Schweiz nehmen die Menschen im Sommer einen alternativen Weg zur Arbeit - und schwimmen durch den Rhein. Der Fluss ist in dieser Region noch so ungefährlich, dass das Schwimmen dort erlaubt ist.
Frankreich
Extreme Temperaturen sind für die Franzosen nichts Neues: Doch der diesjährige Sommer hat es besonders in sich. Deshalb hat die Pariser Stadtverwaltung nun die App "Extrema Paris" entwickelt, mit der man nach Schattenplätzen suchen kann. Über 1000 "Frischeinseln" wie Kirchen, Museen, Parks und Brunnen sind einprogrammiert. Sie spenden durch dickes Mauerwerk, Klimatisierung oder Wasser Abkühlung.
Spanien
Die Menschen in Spanien sind an die Sommerhitze gewöhnt. Erst wenn die Sonne zur Mittagszeit besonders heiß vom Himmel knallt, zieht man sich zurück - zur Siesta. In dieser Zeit sind Büros und die meisten Läden geschlossen. Da inzwischen aber fast überall Klimaanlagen sind, machen die wenigsten Spanier noch einen Mittagsschlaf. Sie gehen lieber zum Sport, schwimmen oder essen länger zu Mittag.
Datum 15.08.2018
Autorin/Autor Brigitte Osterath