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Es weihnachtet sehr: Wie Düfte und Erinnerung zusammenhängen

19. Dezember 2025

Erinnert Sie der Duft von Tannengrün und Braten an Heiligabend? Da sind Sie nicht allein. Unser Geruchssinn ist der stärkste Auslöser für Erinnerungen – schöne, aber auch schmerzhafte.

Tannenzweige liegen neben Zimtsternen
Für viele eine weihnachtliche Duftkombi: Zimsterne und TannengrünBild: Berit Kessler/Zoonar/dpa/picture alliance

In Ländern, in denen Weihnachten gefeiert wird, duftet es derzeit ganz wunderbar. In Deutschland zum Beispiel riecht es nach frischer Tanne, Weihnachtsplätzchen und Mandarinen. Diese altbekannten Düfte lösen bei vielen Menschen Emotionen und Erinnerungen aus.

"Wenn man den gleichen Duft erneut riecht, ist man wieder mittendrin, zum Beispiel in Omas Küche beim Vanille-Kipferl-Backen", sagt Olaf Conrad, Arzt an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Uniklinikums Erlangen.

Dieser Prozess läuft natürlich nicht nur bei Weihnachtsdüften ab. In meiner Kindheit kam meine Oma jeden Montag zu uns und machte Pfannkuchen, wenn ich aus der Schule kam. Sie ist seit Jahren tot, aber immer wenn ich Pfannkuchen rieche, muss ich sofort an sie denken. Die Erinnerung ist intensiver, als wenn ich alte Fotos anschaue. Woran liegt das?

Gerüche sind der stärkste Katalysator für Erinnerungen

Gerüche werden im ältesten Teil unseres Gehirns, dem Paläokortex, verarbeitet, genauer gesagt in der sogenannten Riechrinde. Die liegt ganz in der Nähe der Amygdala, dem Teil des Gehirns, der für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist, und des Hippocampus, wo Erinnerungen gespeichert werden, erklärt Conrad. Kein Wunder also, dass Düfte und Erinnerungen so eng zusammenhängen!

"Es wurden Tests gemacht, die gezeigt haben, dass Riechen der stärkste Sinneseindruck ist, um Erinnerungen auszulösen", sagte Conrad der DW. "Das gilt auch für negative Erinnerungen. Kriegsrückkehrer und Kinder, die in Kriegsgebieten aufgewachsen sind, werden zum Beispiel durch den Geruch von Schießpulver getriggert."

Der Grund dafür, warum die Verbindung zwischen Gerüchen und besonderen, prägenden Erinnerungen so stark ist, ist, dass wichtige Erinnerungen "ohne Zeitstempel gespeichert werden", sagt Conrad.

Mit anderen Worten: Wenn wir einen Duft riechen, der mit einer prägenden Erinnerung verbunden ist, gibt unser Gehirn nicht weiter, dass diese Erinnerung in der Vergangenheit liegt und schon vorbei ist. Das gilt für traumatische Erlebnisse wie Bombardierung im Krieg ebenso wie für Weihnachtstraditionen oder Erinnerungen an einen geliebten Menschen.

Die Macht des Geruchssinns

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Warum ein zu guter Geruchssinn schmerzhaft sein kann

Die meisten Menschen haben die Verbindung zwischen Gerüchen und Erinnerungen oder Emotionen schon einmal selbst erlebt. Aber sogenannte "Highly Sensitive Persons" (HSP) nehmen Sinneseindrücke noch sehr viel extremer wahr als der Durchschnitt.

Viele Hochsensible, wie sie auch genannt werden, nehmen Gerüche wahr, die andere Menschen gar nicht oder nur schwach wahrnehmen. Gerüche können bei HSP starke Übelkeit oder emotionale Aufruhr auslösen, oder jegliche Konzentration unmöglich machen.

Daphne, eine junge Selbstständige aus Deutschland, ist eine "Highly Sensitive Person". Das Parfum, das ihre Mutter immer trug, ist für sie ein Trigger. "Ich habe das Problem mit Chanel No. 5. Wenn ich das rieche, dann tauche ich direkt in den Schmerz ein, den ich hatte mit [dem Tod] meiner Mutter", erzählt sie der DW.

Sie sagt, der Unterschied zwischen HSP und Menschen mit durchschnittlichen Sinneswahrnehmungen sei, dass sie als HSP von dem Parfumduft geradezu zurückgeworfen werde in die Zeit, als ihre Mutter starb.

"Dann könnte ich da ewig drin sein", wenn sie sich nicht aktiv aus der Erinnerung "heraushole", sagt Daphne. "Innerhalb von Sekunden verschwimmt die Welt und man könnte das gleiche fühlen wie damals."

Wie Gerüche in der Medizin genutzt werden

Die intensive Verbindung zwischen Düften und Emotionen kann man sich auch zunutze machen. "In der Palliativmedizin hat man erkannt, wie viel Ruhe Aromatherapie geben kann" sagt Conrad.

Gerüche können zwar nicht bei der Behandlung von Parkinson helfen. Aber der Geruchssinn ist ein Indikator für die neurodegenerative Erkrankung, da er Parkinson-Patientinnen und -Patienten verloren geht. "Es gibt niemanden im [Parkinson-] Frühstadium, der noch gut riechen kann", sagt Conrad.

Der Experte teilte im DW-Gespräch auch seine persönlichen Erfahrungen mit der Verbindung zwischen Gerüchen und Weihnachtserinnerungen. "Bei uns war immer das Aufstellen des Baumes, der viel zu groß war für den kleinen Raum, der große Moment", sagt Conrad. Deswegen bringe ihn besonders Tannengeruch in Weihnachtsstimmung.

Carla Bleiker Redakteurin, Channel Managerin und Reporterin mit Blick auf Wissenschaft und US-Politik.@cbleiker
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