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PolitikLibanon

Eskalationsgefahr im Libanon: Staat zwischen den Fronten

Cathrin Schaer
17. Dezember 2025

Gemäß dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und dem Libanon muss die Schiiten-Miliz Hisbollah bis Jahresende entwaffnet sein. Mit der Frist steigt die Sorge vor Spannungen und weiterer Gewalt.

Mehrere Soldaten stehen um einen gepanzerter Wagen der libanesischen Armee, der in einer Trümmerlandschaft steht
Ein gepanzerter Wagen der libanesischen Armee patrouilliert im Februar 2025 im Grenzgebiet zu IsraelBild: Mahmoud Zayyat/AFP/Getty Images

Die Zivilbevölkerung im südlichen Libanon kennt das Verfahren inzwischen: Bevor das israelische Militär Stellungen der Hisbollah angreift, informiert es die dort lebenden Zivilisten. Am vergangenen Wochenende warnte es die Bevölkerung vor einem bevorstehenden Angriff auf Einrichtungen der Miliz in der Ortschaft Yanouh.

Dann aber geschah etwas Ungewöhnliches: Die libanesische Armee bat Israel darum, auf den Luftangriff zu verzichten. Dafür würden die Libanesen die Räumlichkeiten selbst nach Waffen durchsuchen. In einem von israelischen Medien als "beispiellos" bezeichneten Schritt sagten die Israelis daraufhin den Luftangriff ab - ein Lichtblick zu einer Zeit, in welcher der seit November 2024 geltende Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon zu scheitern droht.

Einwohner aus dem Grenzgebiet zu Israel kehren nach dem Waffenstillstandsabkommen von November 2024 in ihre Heimat zurückBild: Hussein Malla/AP Photo/picture alliance

Brüchiger Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon

Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem israelischen Militär und der Hisbollah im Libanon begannen im Herbst vor zwei Jahren - fast unmittelbar nach dem Angriff der im Gazastreifen ansässigen, von vielen Staaten als Terrororganisation eingestuften Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.

Die Hisbollah gehört zu einer Gruppe pro-iranischer Milizen in der Region, die seit Langem Israel und die USA bekämpfen und wird ebenfalls von vielen Staaten ganz oder zumindest teilweise als Terrorgruppe eingestuft. Im Libanon gilt die durch Israels Militäraktionen zwar geschwächte, aber immer noch einflussreiche Schiiten-Miliz als "Staat im Staate" und unterhält auch zahlreiche soziale und andere zivile Einrichtungen.   

Im November 2024 dann wurde unter Vermittlung Frankreichs und der USA ein Waffenstillstand vereinbart. Der sieht unter anderem vor, dass der Libanon die Hisbollah bis zum 31. Dezember des laufenden Jahres entwaffnet. Im Gegenzug soll Israel die Angriffe im Libanon einstellen und seine Truppen abziehen.

Je näher diese Frist nun rückt, desto stärker geraten die libanesischen Behörden unter Druck. Sie müsse nachweisen, dass die Hisbollah tatsächlich entwaffnet wird. Die Libanesen verweisen auf ihre Erfolge. So erklären die libanesischen Streitkräfte (LAF), sie hätten so viele Waffenlager zerstört, dass ihnen der Sprengstoff ausgegangen sei. Beobachter weisen jedoch regelmäßig darauf hin, dass dies schwer zu beweisen ist. Zudem herrscht Uneinigkeit darüber, ob die Entwaffnung nur im Süden, näher an der israelischen Grenze, oder im ganzen Land stattfinden muss.

Trotz der Waffenruhe greift Israel seit Beginn der Waffenruhe den Libanon fast täglich militärisch an - nach israelischen Angaben solche Ziele, die mit der Hisbollah in Verbindung stehen. Erst Ende November 2025 wurde bei einem israelischen Angriff auf Beirut ein Hisbollah-Kommandeur getötet. Doch durch die israelischen Angriffe wurden bislang auch mehr als 120 libanesische Zivilisten getötet. Und noch haben sich Israels Truppen nicht vollständig aus dem Libanon zurückgezogen.

Festgefahrene Situation im Libanon

"Beide Seiten werfen der jeweils anderen vor, die Waffenruhe nicht einzuhalten", sagt David Wood, Libanon-Experte der Denkfabrik Crisis Group, der DW. "Also werden sie es auch nicht tun. Die Frage ist also, wer zuerst nachgibt."

Israel erklärt etwa, es werde seine Soldaten erst dann vollständig aus dem Libanon abziehen, wenn die Hisbollah entwaffnet sei. Die Hisbollah wiederum sagt, sie werde dies erst tun, wenn die israelischen Soldaten abgezogen sind und Israel die Bombardierungen des Landes einstelle. Das erkläre sie ungeachtet der klaren militärischen Überlegenheit Israels, sagt Wood.

Fachleuten zufolge dürfte auch der Iran die Hisbollah weiterhin unterstützen. Erst kürzlich kritisierte der libanesische Außenminister Youssef Raggi den Iran für dessen negative Rolle im Libanon. 

Der libanesische Staat befindet sich also zwischen den Fronten. Seit einigen Wochen steht er zunehmend unter dem Druck Israels und der USA.

Hinzu kommt, dass der Libanon seit rund sieben Jahren in einer Wirtschaftskrise steckt und die libanesische Armee auf ausländische Hilfe angewiesen ist. Die USA haben angekündigt, die Finanzierung der libanesischen Streitkräfte zu kürzen, falls diese die Hisbollah nicht umgehend entwaffneten. Würde der libanesischen Armee nun aber die Finanzierung entzogen, wäre sie dazu nicht mehr in der Lage.

Auch Israel übt Druck auf den Libanon aus. Verteidigungsminister Israel Katz warnte kürzlich, Israel werde seine Militäroperationen im Libanon wieder hochfahren, sollte die Abrüstung nicht schneller voranschreiten.

Tatsächlich könnten Israels Bombenangriffe diesen Prozess jedoch behindern, argumentiert Nicholas Blanford, Experte für Nahostprogramme beim Atlantic Council. "Ironischerweise untergraben die kriegerischen Aktionen Israels den Prozess der Entwaffnung der Hisbollah", schrieb er in einem Briefing im Oktober. Er meint: "Sollte sich Israel aus dem Libanon zurückziehen und seine militärischen Aktionen deutlich reduzieren, würde dies den Druck auf die Hisbollah erheblich erhöhen, ihre Waffen abzugeben."

Die Hisbollah ihrerseits beklagt, die libanesische Regierung unternehme nichts, um Israel aufzuhalten. Sie selbst verteidige das Land, weil die eigentliche Regierung dazu nicht in der Lage oder nicht bereit sei, erklärte die Miliz weiter.

"Das Ergebnis all dessen ist ein potenzieller Stillstand", sagt Blanford. "Selbst wenn die Hisbollah unnachgiebig bleibt und sich weigert, ihre Waffen abzugeben, kann, will und sollte die libanesische Regierung die Streitkräfte nicht gegen sie einsetzen. Denn das würde mit ziemlicher Sicherheit zum Zusammenbruch der Armee und vielleicht sogar zu einem Bürgerkrieg führen." 

Dass es dazu kommen könnte, hält Blanford allerdings für eher unwahrscheinlich: Selbst wenn die LAF gegen die Hisbollah kämpfen könnte, würde sie dies aus Angst vor einer Störung des empfindlichen politischen Gleichgewichts im Land nicht tun, erklärte er. Die Hisbollah ist auch - neben der verbündeten Amal-Miliz - die wichtigste Interessenvertretung der schiitischen Bevölkerungsgruppe.  

Rauch nach einem Luftangriff, den Israel ungeachtet des Waffenstillstands im südlichen Libanon geflogen hat, November 2025Bild: Ramiz Dallah/Anadolu Agency/IMAGO

Könnten die USA deeskalierend eingreifen?

David Wood von der Crisis Group geht davon aus, dass sich die Spannungen bis zum Jahresende weiter verschärfen werden. "Angesichts des israelischen Vorgehens im letzten Jahr erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass die israelische Führung die Militäroperationen im Libanon einstellen wird, solange sie darin einen sicherheitspolitischen Vorteil sieht", sagte er der DW.

"Allerdings wäre das genau der Moment, in dem die USA als Hauptvermittler des Waffenstillstands eingreifen und sagen könnte: Warum konzentrieren wir uns nicht auf das, was die libanesische Armee erreicht hat, anstatt auf das, was sie nicht erreicht hat?' 

Die USA könnten Israel zudem dazu bewegen, eine Überreaktion zu vermeiden und mit dem libanesischen Staat zusammenzuarbeiten, anstatt das Vertrauen der (libanesischen) Öffentlichkeit in ihn weiter zu untergraben."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

Leid im Libanon: Zwischen der Front von Israel und Hisbollah

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