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KonflikteEstland

Estland: Keine Angst vor Russland

18. August 2025

Trotz Warnungen Finnlands, Russland könnte irgendwann in Skandinavien und im Baltikum einmarschieren, wollen die Menschen in Estland nicht in Angst leben - auch wenn sie sich vorbereiten. Eindrücke von der Insel Hiiumaa.

 Ave Ungro vor einem gelben Holzhaus
Ave Ungro trat 2022 in die Frauen-Bürgerwehr ein - sieht die Lage aber entspanntBild: Phillip Rabenstein/DW

Kodukohvikute päevad, "Tage der Heimcafés" auf Estnisch, sind der Sommer-Höhepunkt auf Hiiumaa. An einem verlängerten Wochenende im August öffnen die Bewohner der zweitgrößten estnischen Ostsee-Insel ihre Häuser für drei Tage und bieten den Nachbarn selbstgebackenen Kuchen, selbstgeräucherten Fisch und selbstgebrautes Bier an. Bei Kinderlachen und Schlagermusik feiern die Bewohner von Hiiumaa ihren kurzen estnischen Sommer und sich selbst.

"Ungemein wichtig" findet Ave Ungro dieses Nachbarschaftsfest gerade jetzt, in Kriegszeiten. Die 44-Jährige ist mit ihrer sechsjährigen Tochter gerade beim Kodukohvikute päevad angekommen. "Das hilft uns Esten zusammenzuhalten: gemeinsam feiern, reden, über die Zukunft nachdenken." Der Sommer-Inselhöhepunkt sei genauso wichtig wie der Schießunterricht bei der Frauen-Bürgerwehr, findet Ave.

An den "Kodukohvikute päevad" öffnen die Bürger von Hiiumaa ihre Türen für alle Inselbewohner und deren GästeBild: Phillip Rabenstein/DW

Dort ist sie Mitglied seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine: "Wie wahrscheinlich die meisten Esten stand ich am 24. Februar 2022 unter Schock. Vor allem wegen der Erkenntnis, dass das Leben, das wir bisher kannten, so nicht mehr weitergehen kann." Ave wollte dieses neue Leben aber selbst gestalten, ihre Familie, ihre Insel, ihr Land auf einen eventuellen russischen Angriff vorbereiten, kurzum: etwas tun, das Estland und ihr selbst nutze, sagt sie.

Trainieren in der Bürgerwehr

Seitdem verbringt die berufstätige Logopädin 48 Stunden im Jahr bei Naiskodukaitse, der Frauen-Bürgerwehr. Fünf verschiedene Programme habe sie schon absolviert: Sicherheitstraining, erste Hilfe, militärisches Training, Feldverpflegung und Geschichte der estnischen Bürgerwehr. "Ich habe zwar im militärischen Teil eine Waffe in die Hand genommen - aber kein einziges Mal geschossen," erzählt Ave. Sie hoffe, dass sie ihre militärischen Kenntnisse niemals anwenden müsse und wolle sich im schlimmsten Fall lieber auf Evakuierungen konzentrieren.

Militärübung auf Hiiumaas Nachbarinsel SaaremaaBild: NATO

Die Frauen-Bürgerwehr Naiskodukaitse wurde 1927 gegründet, während der Sowjetzeit verboten und nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 wiederhergestellt. Sie ist ein Teil der Kaitseliit, einer größeren Freiwilligen-Verteidigungsorganisation, die aus bewaffneten und gut trainierten Zivilisten besteht. Die Kaiseliit soll während des Kriegs reguläre Streitkräfte unterstützen. Beide Einheiten unterstehen dem estnischen Verteidigungsministerium.

Keine Atmosphäre der Angst

Angst vor einem Angriff der Russen habe sie deswegen keine, erzählt Ave. Sie verstehe zwar, dass die Lage ihrer Insel in der Ostsee strategisch bedeutsam sei: auf dem Weg von der russischen Metropole Sankt Petersburg in die russische Enklave Kaliningrad könnten die Russen Hiiumaa einnehmen. Doch anders als in westlichen Medien dargestellt, herrsche deswegen keine Atmosphäre der Angst hier.

Auch Marek Kohv vom Internationalen Zentrum für Verteidigung und Sicherheit hält nichts vom Gedanken, Hiiumaa könnte eine zweite Krim werden. Die ukrainische Halbinsel wurde 2014 von Russland annektiert. Im Gespräch mit der DW erklärt Kohv in seinem Büro unweit des Stadt-Strands von Tallinn, warum Hiiumaa und Estland im Jahre 2025 nicht mit der Krim und der Ukraine im Jahre 2014 zu vergleichen seien.

Massive Rüstungsausgaben

Estland sei zwar ein kleines Land, wichtig sei aber auch, "dass wir sehr viel in die Sicherheit investieren." Tatsächlich steckt der baltische EU-Mitgliedsstaat schon jetzt 3,4 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung. Bis 2029 sollen es 5,4 Prozent werden. Das wäre ein Rekord innerhalb der NATO.

Marek Kohv vom Internationalen Zentrum für Verteidigung und SicherheitBild: Phillip Rabenstein/DW

Die Kultur der Selbstverteidigung sei tief verwurzelt in der estnischen Nation, resümiert Marek Kohv: "Und wir haben regionale Verbündete wie Finnland, das neue Mitglied der NATO, aber auch andere baltische Staaten wie Litauen und Lettland sowie Polen, die militärische Supermacht in Europa."

Entscheidend sei die Mitgliedschaft Estlands in der NATO, betont der Experte. Dank Artikel fünf und dem darin festgehaltenen Prinzip der kollektiven Sicherheit würde jeder Angriff auf sein Land Streitkräfte anderer NATO-Mitglieder auf den Plan rufen.

Ein weiterer Aspekt sei die westliche Militärtechnik, die der russischen weit überlegen sei. Und die Drohung, Russland könne Estland mit Atomwaffen angreifen, sei nichts als eine leere Drohung, wenn man etwa die Nähe Estlands zur russischen Metropole Sankt Petersburg bedenke - denn die wäre bei einem Atomschlag ebenfalls von der radioaktiven Wolke betroffen.

Sabotage als reales Problem

Bedeutender als ein theoretischer Angriff der Russen auf das Baltikum seien derzeit Sabotage-Akte gegen verschiedene Ostsee-Anrainerstaaten. Dazu zählen Experten etwa das mehrfach erfolgte Beschädigen von Untersee-Kommunikationskabeln oder das Stören des GPS-Navigationssignals, bei dem Flugzeuge vom Radarschirm verschwinden.

Das passierte bei zwei Flügen von Finnland nach Estland im April vor einem Jahr. Beide Maschinen mussten nach Helsinki zurückfliegen. Ihr GPS-Signal wurde offensichtlich von Störsendern blockiert. Auch Schiffe in der Ostsee sind davon immer öfter betroffen. Westliche Geheimdienste vermuten, dass die Störaktionen von der russischen Enklave Kaliningrad aus gesteuert werden.

Kaliningrad - ein "Dolch gegen Europa"?

Dort lagere Russland jede Menge militärische Ausrüstung, darunter atomwaffenfähige Iskander-Raketen, sagt der Politikwissenschaftler Sergej Suchankin von der Saratoga-Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in den USA. Im DW-Interview nennt der in Kaliningrad geborene Experte seine Heimat einen "Dolch, der gegen Europa gerichtet" sei.

Suchankin warnt, Kaliningrad liege nicht nur zwischen den EU-Ländern Litauen und Polen: "Es war eine Bastion des sowjetischen Militärs, einer der am stärksten militarisierten Orte der Welt. Und heute ist es wieder auf dem Weg dahin."

Der Logopädin Ave Ungro von der estnischen Insel Hiiumaa gefällt eine solche Nachbarschaft in der Ostsee zwar nicht, auch seien die Sabotage-Akte natürlich schlimm, dennoch denke sie nicht einmal im Traum daran, ihre "magische " Insel zu verlassen.

Nach dem Nachbarschaftsfest Kodukohvikute päevad zeigt Ave ihre "geheime Stelle" an der Küste, den Lieblingsort ihrer Familie auf Hiiumaa. Es ist die Landspitze, wo die Insel fast von allen Seiten vom Wasser umgeben ist. "Schau da, ein Seeadler", ruft Ave. "Was für ein schöner Ort! So viele Vögel, so ruhig hier. Und das Schöne an Hiiumaa ist genau das: dass es solche Orte überhaupt gibt. Und es soll auch so bleiben!"

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