Regenfälle entspannen die Lage für den Frachtverkehr am Rhein etwas, die Pegel sollen um 50 Zentimeter steigen. Von normalen Verhältnissen ist aber Deutschlands wichtigste Wasserstraße noch ein gutes Stück entfernt.
Niedrigwasser am Mitterhein bei Kaub Bild: Sascha Ditscher/IMAGO
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Regenfälle haben die Lage am seit Tagen von extrem niedrigen Pegelständen beeinträchtigten Rhein etwas entspannt. "Es gab ein paar Niederschläge im Rhein-Einzugsgebiet, vor allem im Süden - also Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz", sagte ein Experte des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. "Das hat für leichte Entspannung gesorgt."
In den kommenden Tagen sollen aufgrund der angekündigten Regenfälle die Pegelstände deutlicher steigen, und zwar um 50 bis 80 Zentimeter. "Allerdings müssten sie schon um ein bis anderthalb Meter klettern - erst dann wären wir wieder in einem Bereich, der für diese Jahreszeit typisch wäre", sagte der Experte.
Im negativen Bereich: Pegeluhr am Niederrhein in EmmerichBild: Arnulf Stoffel/dpa/picture alliance
Engstelle Emmerich
Besonders niedrig ist der Pegelstand derzeit in Emmerich am Niederrhein, nahe der Grenze zu den Niederlanden. Er lag am Freitagmorgen bei minus zwei Zentimeter, nachdem am Donnerstag ein Rekordtief von minus drei Zentimeter markiert wurde.
"Der Rhein ist eine Schlagader Europas", sagt Martin Wolters, Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) in Emmerich. "Hier ist es jetzt deutlich enger geworden."
Im Uferbereich können die schweren Güterschiffe wegen des extremen Niedrigwassers nicht mehr fahren. "Normalerweise haben wir in Emmerich ungefähr 300 Meter Flussbreite für die großen Schiffe - jetzt sind es gerade noch 150 Meter", so Wolters gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Täglich passieren normalerweise rund 600 Güterschiffe pro Tag Emmerich, die sich begegnen und teils überholen und jetzt besonders vorsichtig fahren müssen.
Von einer Einstellung der Schifffahrt sei zwar keine Rede, aber schwere Schubverbände, die teils bis zu 16.000 Tonnen Ladung auf einmal befördern, könnten derzeit nicht fahren, sagt Wolters. Die Ladung muss teils auf Lastwagen oder Züge umgeleitet oder auf mehrere Schiffe verteilt werden, womit es noch voller wird.
Niedrigwasser am Rhein südlich von Köln, dem Standort der Shell Raffinerie Bild: Rina Goldenberg-Huang/DW
Shell-Raffinerie drosselt Produktion
Dennoch behindert das anhaltende Niedrigwasser aufgrund der ungewöhnlich geringen Regenfälle der vergangenen Wochen schon seit Tagen den Güterverkehr auf Deutschlands wichtigster Wasserstraße. Der Ölkonzern Shell gab am Donnerstag bekannt, er müsse die Produktion seiner Raffinerie im Rheinland kürzen. Hier werden Kraftstoffe, Heizöl und Petrochemikalien hergestellt. "Aufgrund des niedrigen Rheinwassers haben wir die Kapazität des Shell Energie- und Chemieparks Rheinland reduziert", hieß es dazu. Dort können bis zu 17 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr oder 345.000 Barrel pro Tag verarbeitet werden.
Niedrigwasser am Rhein bei RemagenBild: Benjamin Westhoff/REUTERS
Vor dieser Entwicklung hatte zuvor der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gewarnt: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Anlagen in der chemischen oder Stahlindustrie abgeschaltet werden, Mineralöle und Baustoffe ihr Ziel nicht erreichen oder Großraum- und Schwertransporte nicht mehr durchgeführt werden können", sagte der stellvertretender BDI-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch. Lieferengpässe, Produktionsdrosselungen oder sogar Stillstände und Kurzarbeit wären die Folge.
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Niedrigwasser treibt Frachtpreise in die Höhe
Die anhaltend extrem niedrigen Wasserstände auf dem Rhein haben die Frachtraten in die Höhe getrieben, da einige Schiffe das Flussbett berühren - selbst wenn sie leer seien, sagte Lars van Wageningen von der Schifffahrtsberatung Insights Global. Der Wasserstand an der wichtigen Engstelle Kaub bei Koblenz lag zuletzt bei 33 Zentimetern und damit immer noch in der Nähe des zuletzt im Jahr 2018 beobachteten Tiefstands. Schiffe brauchen etwa 1,5 Meter, um voll beladen fahren zu können.
Dürre: Deutschlands Flüsse verdursten
Wochenlange Trockenheit hat die Pegel von Rhein, Oder, Spree und anderer Flüsse stark absinken lassen. Zum Teil können keine Schiffe mehr fahren. Bei Niedrigwasser kommt aber auch so manches Überraschende zum Vorschein.
Bild: Ying Tang/NurPhoto/IMAGO
Eine Frage des Tiefgangs
Ein Frachtschiff ragt hoch aus dem Wasser. Ist es vollbeladen, wäre der gesamte schwarze Rumpf unter Wasser - mit entsprechendem Tiefgang. Das geht zur Zeit auf vielen deutschen Flüssen nicht. Die Schiffe können nur wenig beladen werden. Wird eine bestimmte Menge unterschritten, lohnt sich der Transport per Schiff nicht mehr.
Bild: Roberto Pfeil/dpa/picture alliance
Wasserstraße und Kühlung
Der Rhein hat für die Schiffahrt überragende Bedeutung. Er gehört zu den meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Er ist aber auch für die Kühlung von Kraftwerken und Industrie wichtig. Sinkt der Wasserstand zu sehr, fällt der Fluss irgendwann für beides aus. Dann können nur noch kleine Schiffe fahren, und Kraftwerke müssen stillgelegt werden.
Bild: Jochen Tack/dpa/picture alliance
Wichtige Binnenschiffahrt
Ob Container oder Massengüter, Binnenschiffe übernehmen bei bestimmten Gütern einen Gutteil des Transports, zum Teil bis zu 30 Prozent. Bei Kohle, Rohöl, Erdgas oder chemischen Erzeugnissen sind Binnenschiffe wegen der großen Mengen pro Schiff sehr wirtschaftlich. Ist der Wasserstand zu niedrig und die Schiffe können nur teilweise beladen werden, sinkt die Rentabilität.
Bild: Jochen Tack/picture alliance
Neuralgischer Punkt Kaub
Die Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub ist ein beliebtes Fotomotiv am Mittelrhein. Hier im Juni führte der Rhein noch deutlich mehr Wasser. Jetzt ragen zahlreiche Flussinselchen aus dem Wasser. Kaub ist der kritischste Punkt auf mehreren hundert Kilometern Fluss, weil er hier besonders flach ist. Bei einer Fahrrinnentiefe von weniger als 1,5 Metern wird's gefährlich.
Bild: picture alliance
Gekappte Fährverbindungen
Manche Fährverbindungen können jetzt nicht mehr betrieben werden, weil die Fähren nicht mehr zu den Landestellen kommen, hier in Mannheim am Oberrhein. Das hat Folgen für Pendler, die mitunter lange Umwege inkauf nehmen müssen, denn nicht überall gibt es Brücken.
Bild: René Priebe/PR-Video/picture alliance
Badefreuden am Dom
Die wochenlange Hitze hat für manche Menschen auch positive Seiten: Das Wasser des Rheins im Moment ist recht warm. Vor der Kulisse des Kölner Doms wirkt der Rhein hier fast wie ein großes Freibad. Vor dem Schwimmen wird allerdings dringend gewarnt: Die Strömung des Flusses ist sehr gefährlich. Also höchstens in paar Schritte hineinwaten.
Bild: Christian Knieps/dpa/picture alliance
Keine Frachter mehr auf der Elbe
Auf der oberen Elbe können Frachtschiffe schon seit Wochen nicht mehr fahren. Schiffe sitzen in den Häfen fest. Personenschiffe haben viel weniger Tiefgang. Daher ist die Personenschiffahrt vielfach noch möglich wie hier in Dresden.
Bild: Sebastian Kahnert/dpa/picture alliance
Erst Flut, dann Rinnsal
Vor gut einem Jahr schwoll die Ahr in Rheinland-Pfalz zu einem wilden Strom an. Über hundert Menschen kamen allein an diesem Fluss ums Leben, hunderte Häuser wurden zerstört. Hier in Bad Neuenahr ist die Ahr jetzt zu einem Rinnsal geschrumpft.
Bild: Thomas Frey/dpa/picture alliance
Nur noch eine Schotterpiste
Das Bett des Flüsschens Dreisam bei Freiburg in Baden-Württemberg sieht aus wie eine grob geschotterte Straße. Durch die lange Trockenheit ist die Dreisam fast vollkommen versiegt. Mit einem Geländewagen könnte man das Flussbett wohl ganz gut als Straße benutzen.
Bild: Philipp von Ditfurth/dpa/picture alliance
Da kommt einiges zum Vorschein
Dieses alte Fahrrad hat wohl jemand klammheimlich entsorgen wollen. Das hat keiner gemerkt, solange genug Wasser im Fluss war. Jetzt kommt es zum Vorschein. Ob die Behörden die Gunst der Stunde nutzen, um solchen Müll zu beseitigen?
Bild: Vincent Jannink/ANP/picture alliance
Spuren eines tragischen Unfalls
Am Niederrhein kurz hinter der niederländischen Grenze ist jetzt ein Wrack mit tragischer Geschichte sichtbar. Die "Elisabeth" war ein hölzernes besegeltes Binnenschiff, das im März 1895 mit Dynamit beladen wurde. Aus unbekannten Gründen explodierte die gefährliche Fracht und tötete mehr als ein Dutzend Menschen.
Bild: Vincent Jannink/ANP/picture alliance
Gefährliche Entdeckung
Immer noch gefährlich sind dagegen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Aus dem Flussbett des ausgetrockneten Po in Norditalien wurde diese Fliegerbombe geborgen und kontrolliert gesprengt. Solche Bomben kommen auch in Deutschland immer wieder zum Vorschein. Oft müssen dann ganze Stadtviertel evakuiert werden. Aus Flüssen ist während der jüngsten Trockenheit kein Fall aus Deutschland bekannt.
Bild: Flavio Lo Scalzo /REUTERS
Nein, nicht der Suezkanal!
Am Rhein, wie hier bei Köln, hat es inzwischen wieder etwas geregnet. Aber es müsste in weiten Gegenden und ausgiebig regnen, bis sein Pegel wieder deutlich steigt. Der Wetterbericht sagt erst zur Wochenmitte stärkere Niederschläge voraus, zuerst für den Westen, dann auch für den Osten Deutschlands.