EU-Afrika-Gipfel: Es "herrscht Unsicherheit"
25. November 2025
Maria Magdalena lebt mit ihren vier Kindern in einer Holzhütte - eine kleine Siedlung auf dem Sandboden der Halbinsel Ilha do Cabo. Von hier aus kann sie die Frachtschiffe sehen, die in einer endlosen Schlange auf dem Meer warten - auf den Zugang zum Hafen. Angola ist reich an Rohstoffen, aber die große Mehrheit der Bevölkerung lebt in Armut.
Maria Magdalena hat einen Blick auf die Skyline von Luanda. Doch von dem Mammut-Gipfel auf der anderen Seite der Bucht im Regierungsviertel bekommt sie nichts mit. Sie hat genug zu tun, um ihr Überleben zu organisieren. "Es ist schwer. Ich brauche dringend Arbeit. Ohne Arbeit kann ich meine Kinder nicht ernähren."
Afrika und Europa im Krisenmodus
Afrikanische Union (AU) und Europäische Union (EU) treffen sich zu ihrem 7. Gipfel. Sie vertreten 82 Staaten mit fast zwei Milliarden Menschen. Doch noch nie war der Druck so groß: "Auf der internationalen Bühne herrscht Unsicherheit. Die etablierten Normen der internationalen Geopolitik werden infrage gestellt." Der Vorsitzende der AU-Kommission, Mahmoud Youssouf, hat damit den Ton für die Konferenz gesetzt.
Russland führt Krieg in Europa, US-Präsident Donald Trump erhebt radikale Zölle und bricht die Regeln der Welthandelsorganisation. China drängt aggressiv und weltweit in die Märkte. Gleichzeitig eskalieren Konflikte in Afrika: Im Sudan tobt ein grausamer Krieg, der dschihadistische Extremismus breitet sich in der Sahelzone aus.
Dazu leiden Teile Afrikas massiv unter dem Klimawandel. "Dürren zerstören die Lebensgrundlagen. Das ist ein gefährlicher Mix. Und Menschen begeben sich auf gefährliche Routen auch über den Atlantik und das Mittelmeer," sagt Bundeskanzler Friedrich Merz. Noch bevor er in die Konferenzhalle des Gipfels eilt, nimmt Merz an einem kurzfristig einberufenen informellen Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs teil. Selbst in Luanda: Beratungen, wie es weitergehen soll im Ringen um Frieden für die Ukraine.
Politik im Krisenmodus. Und so suchen Afrika und Europa in Angola den Schulterschluss. Sie pochen auf eine Weltordnung, "die auf internationalem Recht und effektivem Multilateralismus beruht", so heißt es in ihrer Abschlusserklärung.
Afrikas Potenzial und Europas Abhängigkeit
Die Europäische Union ist der größte Handelspartner und Investor in Afrika. Ein Drittel aller Exporte Afrikas gehen nach Europa. Viele afrikanische Länder verfügen über kritische Rohstoffe: seltene Erden, Kupfer, Kobalt, Lithium. Europa braucht sie für die Energiewende und Industrie.
Doch es gibt viel Konkurrenz und Afrika will einseitige Abhängigkeiten vermeiden: "Die Welt besteht nicht nur aus einem oder zwei Ländern - wir arbeiten mit allen zusammen, die offen für uns sind. Wir sind offen für die Welt", sagt Angolas Präsident Joao Lourenco. Er ist derzeit amtierender Vorsitzender der Afrikanischen Union.
"Wir wollen nicht anderen den Kontinent überlassen", mahnt Friedrich Merz. Der deutsche Kanzler meint damit vor allem China. Denn China investiert massiv in Afrika - baut Brücken, Häfen, Straßen. Auch der brandneue Flughafen in Luanda - gebaut und finanziert von China. Ein Prestigeprojekt. "China hat mit Krediten und Infrastrukturprojekten geholfen, Angola nach dem Bürgerkrieg 2002 wieder aufzubauen", sagt Vandré Spellmeier, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Angola. "Aber die Europäische Union ist noch nicht zu spät." Angola versucht sich nun von den erdrückenden Schulden, die das Land jetzt bei China hat, zu befreien.
Wertschöpfung vor Ort statt Rohstoff-Export
"Diese zukünftige afrikanisch-europäische Zusammenarbeit sollte den Austausch von Wissen und Fähigkeiten betonen, die zur Transformation afrikanischer lokaler Volkswirtschaften beitragen", sagt Hermine Sam, Programmkoordinatorin Süd beim German Marshall Fund. Andernfalls bleibt die alte Spirale bestehen: Rohstoffe verlassen das Land billig und kommen teuer verarbeitet zurück.
Auch Olaf Wientzek, Leiter des multinationalen Entwicklungsdialogs der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brüssel, sieht hier den Hebel: "Verarbeitungskapazitäten vor Ort zu stärken - das ist der Punkt, an dem Europa gegenüber China punkten kann." Zwar seien europäische Verfahren oft strenger und langsamer. "Aber Europa will der lokalen Wirtschaft mehr Teilhabe als China gewähren."
Global Gateway: Europas Antwort auf China
Die Global Gateway Initative wird oft als Antwort der EU auf China interpretiert. Infrastrukturprojekte - finanziert von der EU und privaten Investoren. Eines der Prestigeprojekte von Global Gateway entsteht in Angola: Der Lobito-Korridor - eine Bahnlinie, die die Rohstoffregionen Angolas, der Demokratischen Republik Kongo und Sambias mit dem Atlantik verbindet. Entlang der Strecke sollen Unternehmen entstehen - von der Landwirtschaft bis zur Logistik.
Die EU ist stolz auf dieses Vorzeigeprojekt. "Während wir Afrika mit den globalen Märkten verbinden, unterstützen wir auch den Handel innerhalb ihres Kontinents. Ich denke, das ist der beste Weg für afrikanische Unternehmen, um zu wachsen und sich auf den globalen Wettbewerb vorzubereiten," sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Das unterstützt auch der deutsche Kanzler Friedrich Merz: "Der europäische Binnenmarkt ist eine große Erfolgsgeschichte und das größte Friedensprojekt, das Europa je gesehen hat. Und genau vor diesem Hintergrund unterstützt Deutschland seit Beginn die panafrikanische Freihandelszone."
Doch es gibt erhebliche Kritik: "In ihrer Konzeption wurde Global Gateway nicht in Absprache mit afrikanischen Akteuren entwickelt und hat afrikanische Prioritäten übersehen", sagt Hermine Sam. Die EU wird häufig kritisiert, "große Reden zu schwingen, aber wenig zu liefern - insbesondere im Vergleich zu China."
Was bleibt nach dem Gipfel in Luanda?
Afrika ist ein besonders junger Kontinent: 40 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt. Sie brauchen Bildung, Arbeit, Wohnungen. Ganz anders Europas Bevölkerung - mit nur 16 Prozent der Menschen unter 15 Jahren. "Die junge afrikanische Generation - kreativ, dynamisch und schnell wachsend - ist eine der größten Trumpfkarten für unsere gemeinsame Zukunft", sagt der Präsident des Europäischen Rates, António Costa.
Was bleibt - nach zwei Tagen Ausnahmezustand in Luanda, an denen die Regierung angesichts der vielen internationalen Gäste öffentliche Ferien ausgerufen hatte? Maria Magdalena halte sich aus der Politik heraus, sagt sie. Sie brät auf einem kleinen Holzkohle-Haufen etwas Essen. Auch sie hofft auf die Zukunft. "Ich bin jung, ich brauche wirklich dringend Arbeit."