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EU: Notbremse statt Preisdeckel für Gaspreise

19. Dezember 2022

Einen einfachen Gaspreisdeckel wollten mehrere EU-Staaten nicht. Am Ende stimmte die Mehrheit, inklusive Deutschland, für eine Begrenzung der Gaspreise. Doch die zieht nur unter Bedingungen. Bernd Riegert aus Brüssel.

Überkochender Wasserkessel auf einem Herd
Deckel drauf und fertig: So einfach will die EU die Gaspreise nicht kontrollierenBild: imago/Paul von Stroheim

Seit dem Sommer haben sich die Energieministerinnen und Energieminister mehrfach über eine Begrenzung des Gaspreises in der EU beraten. Nun, kurz vor Jahresende und mitten in der Heizsaison haben sie eine Entscheidung gefällt. Künftig soll der Preis für Erdgas nicht generell gedeckelt, sondern nur notgebremst werden.

15 EU-Staaten hatten eine generelle Preisobergrenze gefordert. Darauf wollten sich Deutschland und einige weitere Staaten aber nicht einlassen. Sie sahen die Versorgungssicherheit gefährdet, falls Lieferanten das Gas besser zahlenden Kunden verkauft hätten. Herausgekommen ist ein Kompromiss, der sich an den Vorschlägen der EU-Kommission orientiert. "Mission erfüllt, wie im Spielfilm", freute sich der tschechische Energieminister Josef Sikela als Vorsitzender der Ministerrunde. "Wir haben einen Deal."

Magische Grenze: 180 Euro

Im Vergleich zu den Vorjahren hatten sich die Einkaufspreise für Erdgas an der Referenzbörse TTF (Title Transfer Facility) in den Niederlanden in diesem Jahr zum Teil verzehnfacht. Nun soll er auf 180 Euro pro Megawattstunde begrenzt werden - allerdings nur, falls dieser Preis drei Tage in Folge an der TTF verlangt wird. Außerdem muss der Preis an der TTF rund 35 Euro höher sein als an vergleichbaren Gashandelsplätzen für Flüssiggas woanders in der Welt.

Tschechiens Energieminister Josef Sikela (li.) und der deutsche Kollege Robert Habeck: Vorsicht bei Markteingriffen geboten (Archiv)Bild: Virginia Mayo/AP Photo/picture alliance

Sollte diese Notbremse zu verminderten Gasverkäufen nach Europa führen und den Nachschub an Gas gefährden, weil die Schiffe mit Flüssiggas abdrehen oder nicht entladen werden, wird der Preis wieder freigegeben. Die Ver- und Einkäufer von Gas können nicht gezwungen werden ihre Geschäfte über die TTF-Börse in den Niederlanden abzuwickeln. Verkäufe sind auch außerhalb des dann notgebremsten Marktplatzes möglich. "Das ist keine feste Preisgrenze, sondern eine dynamische Begrenzung", erläuterte Josef Sikela. 

Wie entwickelt sich der Gaspreis?

Nach langem Feilschen haben sich die Ministerinnen und Minister auf die Schwelle von 180 Euro pro Megawattstunde geeinigt, im Moment kostet sie 115 Euro. Im November lag der Preis durchschnittlich unter 100 Euro. Im August, als die Märkte wegen des Stopps von russischen Gaslieferungen durch große Pipelines in Panik waren, lag der Preis nahe 350 Euro. Astronomische Summen, wenn man das mit Gaspreisen von 10 bis 20 Euro in den Jahren 2019/2020 vergleicht.

Begonnen hat der Anstieg im Herbst 2021, weil die Nachfrage wegen der guten Konjunkturentwicklung nach der Corona-Epidemie anzog. Der russische Krieg gegen die Ukraine und die ausbleibenden russischen Lieferungen haben dann vorübergehend zu einer rapiden Verknappung des Gases und zu enormen Preissprüngen geführt. Inzwischen hat sich die Lage am Gasmarkt wegen gesunkener Nachfrage und voller Gasspeicher auf hohem Niveau stabilisiert. Experten halten aber erneuten Anstieg im Frühjahr für möglich, wenn Gasspeicher wieder gefüllt werden müssen. Dann dürfte die Notbremse interessant werden. Bis dahin könnte der Satz des deutschen Bundeskanzlers Olaf Scholz gelten, der beim EU-Gipfel meinte, die Schwelle für die Notbremse solle so hoch sein, dass sie nie angewendet werden müsse.

LNG-Tanker sollen nicht aus Europa vergrault werden, falls die Preise steigen - Versorgungssicherheit geht vorBild: Michael Sohn/REUTERS

Die EU-Energiekommissarin Kadri Simson sagte in Brüssel: "Dieser Mechanismus hat Vorteile, aber auch Risiken." Es gibt Befürchtungen, dass Anbieter die Preise bis kurz vor die Schwelle der Notbremse hochtreiben könnten, weil sie jetzt wüssten, dass die EU bereit ist, diese 180 Euro pro Megawattstunde zu zahlen, meinten Beamte der EU-Kommission vor den Beratungen am Montag. Das ganze Verfahren sei ein riesiges wirtschaftspolitisches Experiment, weil es Markteingriffe dieser Art in der EU bisher kaum gegeben habe. "Sollte sich herausstellen, dass ein Markteingriff nicht opportun ist, dann hoffe ich, dass wir die politische Kraft finden, das auch noch mal in Frage zu stellen", sagte ein skeptischer deutscher Energieminister Robert Habeck.

Deckel ist nicht gleich Deckel

Der EU-Mechanismus zur Marktkorrektur, wie die Notbremse offiziell heißt, soll ab dem 15. Februar angewendet werden. Er hat nichts mit den nationalen Preisdeckeln oder Preisbremsen zu tun, die einzelne EU-Mitgliedsstaaten für eigene Märkte verhängt haben. In Deutschland soll Gas zukünftig bis zu einem Verbrauch von 80 Prozent der Vorjahre vom Staat subventioniert werden. Das heißt, hier wird nicht der Einkaufspreis für Gas für die Versorgungsunternehmen gedeckelt, sondern die Ausgaben der Verbraucher. Die Differenz zahlt der Staat. Dazu hat Deutschland eine Summe von bis zu 200 Milliarden Euro veranschlagt. In Spanien ist der Preis von Gas begrenzt worden, das zur Erzeugung von Strom eingesetzt wird. Dieser Eingriff wird durch eine Umlage für alle Stromverbraucher finanziert.

Gas wird teuer in Deutschland

03:10

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Die Energieminister und -ministerinnen einigten sich auch darauf, eine gemeinsame Einkaufsplattform für europäische Gasunternehmen zu schaffen. Die Marktmacht der Konsumenten soll gebündelt werden, um niedrigere Preise auf dem Weltmarkt zu erzielen. Der gemeinsame Einkauf soll für 15 Prozent der Speichermenge in den nationalen Gasspeichern vorgeschrieben werden. Außerdem soll der Ausbau erneuerbarer Energie stärker und schneller gefördert werden als bislang. Genehmigungsverfahren für Windräder zum Beispiel sollen verkürzt und verschlankt werden. So will man vom teuren Gas möglichst schnell zu Wasser-, Wind-, und Solarenergie kommen, für deren Gestehung keine Rohstoffkosten anfallen.

Bernd Riegert Korrespondent in Brüssel mit Blick auf Menschen, Geschichten und Politik in der Europäischen Union
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