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Spenderherz dank EU?

Manfred Götzke23. April 2008

Wer in der EU auf ein Spenderherz angewiesen ist, kann lange warten. Nach wie vor gibt es in Europa zu wenige Organspender. Das will die EU jetzt ändern. Unter anderem mit einem europäischen Spenderausweis.

Nierentransplantation in Jena (Archiv, Quelle: AP)
Viele warten vergeblich auf die Spenderniere - täglich sterben zehn Europäer auf der WartelisteBild: AP

Mehr als 3500 Menschen in der Europäischen Union mussten zu lange warten. Sie starben im vergangenen Jahr, weil sie nicht rechtzeitig ein neues Herz, eine Leber oder eine neue Niere bekamen. Spenderorgane sind Mangelware; nach wie vor erklären sich in Europa zu wenige Menschen bereit, ihre Organe nach ihrem Tod zu spenden. Was nach Ansicht von Experten bei den meisten nicht daran liegt, dass sie Organspenden grundsätzlich ablehnten – sie haben schlicht keinen Spenderausweis. So sagen etwa 67 Prozent der Deutschen, sie würden nach ihrem Tod ihre Organe weitergeben. Doch höchstens zwölf Prozent haben einen Spenderausweis.

Peter Liese findet den europäischen Ausweis unsinnigBild: Europäisches Parlament

Ein Problem, mit dem sich jetzt auch das Europäische Parlament beschäftigt. Am Dienstag (22.4.2008) hat es mit großer Mehrheit eine Resolution zum Thema Organspende verabschiedet. Darin fordert die Kammer die Einführung eines europäischen Spenderausweises. Außerdem setzt sich das Parlament dafür ein, dass so genannte Transplantations-Koordinatoren an großen Krankenhäusern eingestellt werden. Diese Spezialisten sollen sich gezielt darum kümmern, ob Hirnverletzte ohne Überlebenschance für eine Organspende in Frage kommen. Auf der anderen Seite soll nach den Vorstellungen des Parlaments der kriminelle Organhandel in Zukunft besser bekämpft werden.

Verwirrend oder motivierend?

Ein europäischer Spenderausweis als Motivationsschub? Der CDU-Europaabgeordnete und Arzt Peter Liese glaubt nicht, dass die Bürger demnächst massenhaft europäische Organspenderausweise ausfüllen. "Ich persönlich habe das nicht unterstützt, weil ein solcher Ausweis wohl mehr Verwirrung schaffen wird, als er Probleme lösen kann." Die gesetzlichen Grundlagen und auch die ethischen Richtlinien in den einzelnen EU-Ländern seien dafür schlicht zu unterschiedlich. Bei diesen Unterschieden müsse man statt dessen ansetzen, sagt Liese.

Denn, so unterschiedlich die nationalen Gesetze und Regelungen, so unterschiedlich ist auch die Spendenbereitschaft der Europäer: Während in Spanien 35 Organe auf eine Million Einwohner gespendet werden, liegt die Rate in den osteuropäischen Ländern bei lediglich 0,8 Organen. Deutschland liegt mit 16 Spendeorganen im Mittelfeld.

Widerspruch statt Zustimmung

Der Grund dafür liegt einerseits bei Unterschieden in den jeweiligen gesetzlichen Regelungen: In Deutschland, den Niederlanden oder Finnland etwa muss sich ein potentieller Spender per Ausweis aktiv zur Organspende bereit erklären. Liegt kein Ausweis vor, müssen die Angehörigen über eine mögliche Organspende befinden. Länder wie Spanien, Belgien oder Finnland haben dagegen so genannte Widerspruchsregelungen. Hier gilt als potentieller Organspender, wer nicht ausdrücklich Widerspruch eingelegt hat.

Entscheidend sei aber noch etwas anderes, so Günther Kirste von der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO), die in Deutschland Organspenden koordiniert. "In Deutschland werden längst nicht alle Fälle, die für eine Organspende in Frage kommen, gemeldet. Das liegt an der starken Überlastung der Ärzte in den Krankenhäusern." Um so etwas zu vermeiden, gibt es in spanischen Krankenhäusern landesweit 250 Koordinatoren, die sich gezielt um mögliche Spendeorgane kümmern. "Wir haben dagegen nur 60 Koordinatoren bei doppelt so vielen Einwohnern", klagt er.

EU fordert mehr Koordinatoren

Hier müsse also nachgebessert werden, so Kirste. Dies fordert auch das Europaparlament in seiner aktuellen Resolution, umsetzten können solche Forderungen allerdings nur die Mitgliedsländer selbst. Gesundheitspolitik wird grundsätzlich auf nationaler Ebene geregelt.

Nur ein Bruchteil der Deutschen hat so einen Ausweis - obwohl sich mehr als 60 Prozent vorstellen könnten, Organe zu spendenBild: Picture-Alliance /dpa

Anders sieht es bei der Frage der Sicherheit von Spendeorganen aus. Dazu will die EU-Kommission demnächst eine neue Richtlinie vorlegen, die europaweite Mindeststandards zur Qualität und Kontrolle der gespendeten Organe vorsieht. Damit soll verhindert werden, dass Krankheiten wie Aids oder Hepatitis durch transplantierte Organe übertragen werden. Gibt es einheitliche Standards, könnten Organe in Zukunft auch über Ländergrenzen hinweg den Patienten zugute kommen – was bisher nur zwischen einigen wenigen EU-Ländern möglich ist.

Mediziner und EU-Parlamentarier befürchten jedoch, dass die Richtlinie Transplantationen in Zukunft weiter erschweren könnte. "Da muss man aufpassen, dass da nicht mehr Bürokratie kommt. Länder wie Deutschland oder Frankreich haben schon heute extrem hohe Standards", sagt der DSO-Vorsitzende Kirste. Letztlich gehe es bei der länderübergreifenden Zusammenarbeit doch auch nur um die Verwaltung des Mangels. Denn genügend Spender-Organe gibt es in keinem EU-Land.

"Mit dem eigenen Tod beschäftigt man sich nicht"

Ohne dass mehr Bürger sich bereit erklären, ihre Organe zu spenden, ist das Problem also nicht zu lösen. Und dazu müssten sich mehr Bürger überhaupt erst einmal mit dem Thema befassen, sagt der Transplantationschirurg Eckard Nagel, der auch Mitglied im Deutschen Ethikrat ist. "Das liegt daran, dass man sich bei dieser Frage mit dem eigenen Tod auseinandersetzen muss - das ist etwas, das man von sich aus nicht tut." Außerdem bestehe bei einigen Bürgern die Sorge, dass man als Organspender nicht bis zum Ende gut therapiert werde. "Das alles sind Ängste, die in der Bevölkerung wach sind. Wir müssen versuchen aufzuklären und diese Vorurteile abzubauen".

Immerhin dazu, so der Mediziner, habe die Resolution des Parlaments ein wenig beigetragen.

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