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PolitikEuropa

Europa: Altersgrenzen für soziale Medien?

Anchal Vohra
8. Februar 2026

Immer mehr europäische Länder planen Altersgrenzen für soziale Medien. Doch wie solche Verbote durchsetzbar wären, ist offen. Der Digital Service Act der EU scheint nur bedingt geeignet - in mehrerer Hinsicht.

Australien Sydney 2025 | Social-Media-Verbot für Jugendliche | Mädchen mit langen, dunklen Haaren schaut auf ein Tablett: die YouTube-App stellt verschiedene Videos zur Auswahl
Kinder und Jugendliche gelten als besonders anfällig für negative Konsequenzen der Nutzung von Social-Media-PlattformenBild: Saeed Khan/AFP/Getty Images

Anfang der Woche hat der spanische Premierminister Pedro Sanchez auf dem Weltregierungsgipfel in Dubai seinen Plan vorgestellt, Spaniens Kinder "vor dem digitalen Wilden Westen" zu schützen. Die spanische Regierung werde ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren einführen. "Heute sind unsere Kinder einem Raum ausgesetzt, den sie niemals hätten alleine betreten sollen", sagte Sanchez, "einem Raum voller Sucht, Missbrauch, Pornografie, Manipulation, Gewalt."

Damit ist Spanien nicht alleine. Immer mehr europäische Regierungen sehen sich veranlasst, gegen den oft unkontrollierten Social-Media-Konsum Minderjähriger vorzugehen. Laut Experten wirkt sich das stundenlange Scrollen und Tippen in Apps wie TikTok, X, Whatsapp und Co auf die Entwicklung des Gehirns aus. "Minderjährige stehen besonders im Fokus, weil bei ihnen das Risiko langfristiger Schäden erhöht ist, da sie sich kognitiv noch in der Entwicklung befinden", erklärt Paul O. Richter vom Brüsseler Think Tank Bruegel. "Es gibt zahlreiche Forschungsergebnisse, die einen starken Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und psychischen Problemen zeigen." Dabei erwachsen Gesundheitsrisiken wie Angstzustände nicht allein aus schädlichen oder verstörenden Inhalten.

In Australien müssen Nutzer seit Dezember 2025 nachweisen, dass sie mindestens 16 Jahre alt sind, um Zugang zu sozialen Medien zu erhaltenBild: Str/AFP/Getty Images

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat sich für eine EU-weite Altersgrenze ausgesprochen, die sich an einem australischen Gesetz orientiert. Dort ist zur Nutzung sozialer Medien seit Dezember 2025 der Nachweis eines Mindestalters von 16 Jahren erforderlich. Europäische Parlamentarier sprachen sich im November für ein europaweites Komplettverbot von sozialen Medien für Kinder unter 13 Jahren aus, 13- bis 16-Jährige sollen solche Plattformen nur noch mit Zustimmung der Eltern nutzen dürfen.

Welche Social-Media-Verbote planen europäische Länder? 

Die französische Regierung will Kindern unter 15 Jahren die Nutzung Sozialer Medien verbieten. Das Unterhaus hat dem Gesetzentwurf bereits zugestimmt, nun liegt es dem Senat zur Abstimmung vor. In Dänemark hat sich Ende 2025 eine Mehrheit im Parlament dafür ausgesprochen, Kinder und Jugendliche vor Online-Missbrauch zu schützen und "bessere Rahmenbedingungen für ihr digitales Leben zu schaffen". Kindern unter 15 Jahren soll der Zugang zu einigen Social-Media-Plattformen verboten werden. Ein entsprechendes Gesetz steht jedoch noch nicht.

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Auch Italien diskutiert ein Gesetz zur Beschränkungen der Sozial-Media-Nutzung, das unter anderem Kinder unter 15 Jahren betreffen könnte, die als Influencer tätig sind. Griechenland steht laut regierungsnahen Quellen vor einem ähnlichen Schritt. In Portugal hat die Regierung diese Woche ein Gesetz vorgeschlagen, dass die Zustimmung der Eltern für Unter-16-Jährige erfordert. Auch in Österreich und dem Vereinigten Königreich wird die Thematik diskutiert.

Wie ließen sich Social-Media-Verbote wirksam umsetzen?

Eine Idee, die für die Altersüberprüfung diskutiert wird, ist eine EU-weite digitale ID. Richter, der Affiliate Fellow bei Bruegel, sagte, dass eine EU-Digital-ID als ein Instrument geplant sei, das das Alter des Nutzers verifizieren würde, ohne persönliche Daten zu kompromittieren.

Derzeit werde eine EU-weite digitale ID diskutiert, mit der eine anonyme Altersprüfung möglich wäre, sagt Bruegel-Forscher Richter: "Damit könnten Menschen digital nachweisen, dass sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, ohne zusätzliche personenbezogene Daten wie ihr genaues Geburtsdatum, ihren Namen, ihre Adresse oder ihre Ausweisnummer angeben zu müssen. Dies würde die Umsetzung einer digitalen Altersbeschränkung erleichtern."

Strenge Altersprüfungen wie in Australien könnten auch in europäischen Ländern verpflichtend werdenBild: Saeed Khan/AFP/Getty Images

Marc Damie sieht das anders. Er ist Informatikprofessor und Sprecher der Organisation ctrl+alt+reclaim, einer von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegründeten Bewegung, die sich laut Selbstauskunft für Tech-Gerechtigkeit und digitale Rechte einsetzt. Damie betont, dass bisher keineswegs klar sei, wie Apps zur Altersüberprüfung oder digitale Ausweise überhaupt funktionieren könnten und wie sicher private Daten dabei wären: "Wir sind uns einig, dass es ein Problem gibt. Soziale Medien verursachen psychische Probleme", sagt Damie. In den bisherigen Vorschlägen sieht er jedoch eher Symbolpolitik als eine tatsächliche Lösung: "Solche Verbote gehen nach hinten los."

Experte: Verbot löst keine "strukturellen Probleme"

Die "strukturellen Probleme" der Social-Media-Plattformen blieben von Altersgrenzen unberührt, sagt Damie. Als Beispiele nennt er die Autoplay-Funktion, durch die Nutzenden in einer Endlosschleife unangefragte Audio- und Videoinhalte quasi "aufgezwungen" würden, sowie die schier unendliche Reihe von Videos und Posts, durch die man sich auf den Plattformen scrollen kann. "Sucht hört nicht mit 15 oder 16 auf", stellt Damie klar.

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Richter stimmt zu, dass die Forschung noch nicht weit genug sei, um sich eindeutig für eine bestimmte Altersgrenze auszusprechen: "Einige der potenziellen Risiken haben speziell mit den Auswirkungen sozialer Vergleiche zu tun, die vor allem Mädchen im Jugend- und Teenageralter betreffen." Dies könne auch höhere Altersgrenzen rechtfertigen.

Nur die EU kann Online-Plattformen zu systematischen Änderungen zwingen 

Die Europäische Union hat sich für ein Mindestalter für Soziale Medien ausgesprochen. Gleichzeitig wies sie die Mitgliedstaaten darauf hin, dass nationale Gesetze dem Digital Services Act (DSA) der EU nicht zuwiderlaufen dürften. Die EU-Richtlinie über digitale Dienste verlangt von Technologieunternehmen, Risiken in Bezug auf Algorithmen und Auswirkungen auf Minderjährige zu mindern.

"Die DSA und die EU-Kommission sind die einzigen Stellen, die sehr großen Plattformen zusätzliche Verpflichtungen auferlegen können", erklärte Thomas Regnier, Sprecher der Kommission für Technologie, gegenüber Journalisten.

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Die Mitgliedstaaten dagegen seien frustriert von Brüssel, sagt Bruegel-Experte Richter. Sie glaubten nicht, dass die EU in der Lage sei, ihre Gesetze effektiv gegen ausländische Technologieunternehmen durchzusetzen, vor allem nicht gegen die aus den USA: "Der DSA verlangt von den großen Online-Plattformen, dass sie Algorithmen und Plattformdesigns dahingehend ändern, dass sie systemische Risiken mindern, auch für Minderjährige."

Außerdem müssten die Anbieter Daten zur Forschung weitergeben, um unabhängige Untersuchungen zu Risiken zu ermöglichen, erklärt Richter: "In der Praxis ist dies jedoch nicht in nennenswertem Umfang geschehen. Deshalb haben restriktivere Vorschläge einschließlich Social-Media-Verbote mehr Unterstützung gefunden."

Tech-Branche spricht von Zensur

Anfang dieser Woche bezeichnete Elon Musk, Eigentümer der Kurznachrichtenplattform X, Spaniens Ministerpräsident als "Tyrannen und Verräter des spanischen Volkes", nachdem dieser seine Pläne angekündigt hatte, soziale Medien für Kinder zu verbieten.

Musk, aber auch Facebook-Gründer und Meta-CEO Mark Zuckerberg, haben schon früher versucht, europäische Online-Vorschriften als Vorwand darzustellen, die Meinungsfreiheit im Internet zu behindern. 

Online-Aktivist Damie dagegen meint, es sei an der Zeit, dass die EU-Länder gemeinsam in europäische Alternativen zu existierenden Social-Media-Plattformen investieren, um außereuropäische Dominanz in der Branche zu brechen. Derzeit sei ein digitales Leben ohne sie kaum möglich: "Wir sind Geiseln großer US-Unternehmen."

Aus dem Englischen von Jan D. Walter

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