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Europa lockt US-Forscher: Warum Deutschland hinterher hinkt

13. November 2025

Die "1000 Köpfe Plus"-Initiative soll Forschende aus den USA nach Deutschland holen. Dafür hat die Regierung 600 Mio. Euro bereitgestellt – mehr als jedes andere Land in Europa. Der Erfolg ist bislang aber bescheiden.

Teilnehmer bei einer Pro-Wissenschafts-Demonstration in Washington
Der Feldzug Donald Trumps gegen amerikanische Wissenschaftseinrichtungen treibt Forschende nach Europa - aber nicht unbedingt nach Deutschland. Bild: Allison Bailey/NurPhoto/dpa/picture alliance

US-Präsident Trump hat die Wissenschaftsfreiheit in den USA stark beschnitten, Forschungsgelder gestrichen und Universitäten gegängelt. Deutschland hat darauf mit der "1000 Köpfe Plus"-Initiative("Global Minds Initiative Germany") reagiert. Damit werden kurz- und langfristige Forschungsaufenthalte in Deutschland gefördert, etwa durch die Finanzierung von Stellen, Projekten und durch finanzielle Unterstützung von Programm-Teilnehmern und ihren Familien.

Zum Jahresende zogen das Bundesforschungsministerium und führende Wissenschaftsorganisationen eine gemischte Bilanz. "Angesichts des zunehmenden Drucks auf die Wissenschaftsfreiheit weltweit suchen viele Forscherinnen und Forscher nach neuen Möglichkeiten, um ihre Forschung und Karriere fortzusetzen", sagte Forschungsministerin Dorothee Bär in Berlin.

Insgesamt stelle die Bundesregierung in der laufenden Legislaturperiode 600 Millionen Euro dafür bereit - mehr als jedes andere Land in Europa, sagte Bär. Sie sei optimistisch, dass während ihrer Amtszeit die Zahl von rund 1.000 Forscherinnen und Forschern erreicht werde. Seit dem Programmstart im Juli konnten allerdings erst 166 gewonnen werden.

Andere europäische Förderungsprogramme für Forschende zeigen einen deutlicheren Zulauf: Die Bewerbungen für die "Marie Skłodowska-Curie Actions" stiegen in diesem Jahr um 64,6 Prozent. 17.058 Bewerbungen wurden eingereicht, das ist höchste Anzahl an Vorschlägen, die jemals im 40-jährigen Bestehen des EU-Rahmenprogramms für Forschung und Innovation eingegangen ist. Die EU-Initiative "Choose Europe" hat offenbar international Vertrauen geschaffen.​

Ernüchternde Bilanz einer ambitionierten Idee

Sabine Helling-Moegen, Geschäftsführerin der deutschen Helmholtz-Gemeinschaft, erklärt die bislang niedrigen Zahlen so: "Für US-amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist der Schritt, ihr Land zu verlassen, in der Regel deutlich größer und einschneidender - nicht zuletzt aufgrund ihres familiären und sozialen Umfelds. Viele von ihnen entscheiden sich nur dann für einen Wechsel, wenn er unausweichlich ist oder wenn ein Angebot deutlich attraktivere Perspektiven bietet."

Was Deutschland von Europas Erfolgsmodellen lernen kann

Zwar steigen die Antragszahlen in Europa spürbar, aber nicht vorrangig in Deutschland. Das liege aber nicht an der "Global Minds Initiative Germany" der Bundesregierung, so Helling-Moegen. Die Initiative sei sehr gut, sende "eine starke Signalwirkung an die internationale Wissenschaftscommunity und hat das Potenzial, ein bedeutendes Momentum für den Forschungsstandort Deutschland zu schaffen." Die Initiative brauche einfach noch mehr Zeit.

Abschreckend für Forschende aus den USA seien allerdings die überladene Bürokratie, komplizierte Visa- und Berufungsverfahren in Deutschland sowie der Sprung über Sprachbarrieren, so Helling-Moegen.

Zwar sei Englisch die gängige Arbeitssprache. "Dennoch können fehlende Deutschkenntnisse im Alltag neben der Arbeit zur Herausforderung werden. Das reicht vom Finden der passenden Krankenkasse bis zur Anerkennung oder Erlangung eines Führerscheins."

Schon lange fordern deutsche Forschungsinstitutionen und Unternehmen eine bessere Willkommenskultur, die Menschen aus dem Ausland eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht sowie weniger Bürokratie und schnellere Einstellungsprozesse. "Im internationalen Vergleich ist Deutschland in diesem Punkt zu langsam. Wir müssen schneller in die Lage versetzt werden, verbindliche Zusagen geben zu können", sagt Sabine Helling-Moegen.

Europa zeigt Tempo: So locken Nachbarn US-Spitzenforscher 

Anders als Deutschland werben andere europäische Länder wie zum Beispiel Frankreich, Belgien und Österreich gezielt Spitzenforscher aus den USA ab - auch mit enormen finanziellen Anreizen.

In Österreich werden Forschende in Rekordzeit angeworben, gefördert und integriert. Deutschlands Nachbar lockt mit dem "APART-USA"-Programm gezielt Forschende aus den USA.

Mit Erfolg: Laut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat das Land mit dem Förderprogramm bisher 25 Forscher von US-Eliteuniversitäten wie Harvard oder Princeton abgeworben. 

Darunter seien Postdocs aber auch Professoren aus Bereichen wie Physik, Chemie und den Biowissenschaften. Sie erhalten vom österreichischen Staat jeweils eine Förderung von 500.000 Euro über einen Zeitraum von zwei Jahren. Da spielen Sprachbarrieren offenbar keine Rolle mehr. Noch in diesem Jahr sollen sie an einer von zwölf österreichischen Universitäten oder zwei Forschungseinrichtungen anfangen.

Geld alleine ist nicht die Lösung

Die Geschäftsführerin der Helmholtz-Gemeinschaft hält solche finanziellen Lockangebote aber nicht für den richtigen Weg: "Die konsequente Weiterentwicklung des Forschungsstandorts Deutschland ist nachhaltiger als kurzfristige finanzielle Anreize", sagt Sabine Helling-Moegen gegenüber der DW. 

Der Forschungsstandort Deutschland sei grundsätzlich und unabhängig von aktuellen Entwicklungen eine attraktive Alternative zu den USA, so Helling-Moegen und verweist auf den "Pakt für Forschung und Innovation".

Diese Vereinbarung zwischen Bund, Ländern und den großen deutschen Forschungsorganisationen soll durch eine gesicherte, jährlich steigende Finanzierung und eine gemeinsame Zielsetzungen die internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken. Die Politik sichert zwar die finanziellen Rahmenbedingungen zu, gleichzeitig behält die Wissenschaft aber ihre in der Verfassung garantierte Freiheit und Unabhängigkeit gegenüber der Politik.  

Auch die Fraunhofer-Gesellschaft betont den hohen Stellenwert der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland als "Kern liberaler, demokratischer Gesellschaften".

Ihre anwendungsorientierten Forschungseinrichtungen betreiben aber kein "besonderes Programm zur Anwerbung von US-Forschenden als Reaktion auf die derzeitigen Entwicklungen", heißt es in einer schriftlichen Reaktion der Fraunhofer-Gesellschaft auf Anfrage der DW. "Eine gute und kontinuierliche Zusammenarbeit mit unseren Partnern in den USA liegt in unserem beiderseitigen Interesse, um den Wissensaustausch in beide Richtungen sicherzustellen". 

Auf lange Sicht mache es auch aus Sicht der Helmholtz-Gemeinschaft mehr Sinn, die Verbindung zwischen dem Forschungsstandort Deutschland und den USA weiter auszubauen. "Wir sollten Brücken für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bauen, die jetzt vielleicht nur ein paar Jahre hier im Land forschen wollen und später zurück in die USA gehen. Daraus können Verbindungen entstehen, die Jahrzehnte bestehen bleiben", so Helling-Moegen.

Wissenschaft auf Wanderschaft: Wer geht nach Europa?

Ursprünglich sollten vor allem Spitzenforschende aus den MINT-Fächern - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - sowie aus den renommierten Zukunftsfeldern Künstliche Intelligenz und Robotik nach Europa gelockt werden.

In der Praxis kamen jedoch insbesondere Forschende aus anderen Bereichen,vor allem aus den Klimawissenschaften, der öffentlichen Gesundheit und den Gender Studies, aber auch aus dem Zukunftsbereich Künstliche Intelligenz.

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Auffallend ist zudem, dass es derzeit vor allem Postdocs verstärkt nach Europa zieht. Die europäischen Forschungsstandorte profitieren von den promovierten Nachwuchstalenten, denn sie bringen aktuelle Forschungsansätze, Innovationskraft und wertvolle internationale Erfahrung mit.

"Exzellente Wissenschaft lebt von internationalen jungen Forschenden. Von daher ist es selbstverständlich ein großer Gewinn, wenn sich künftig mehr Top-Talente aus aller Welt für Deutschland entscheiden", sagt Helling-Moegen. 

Postdocs als Innovations-Motor sind herzlich willkommen!

Die Postdocs wiederum finden in Europa stabilere Karriereperspektiven, internationale Vernetzung und ein offenes Forschungsumfeld, das weniger politischer Einflussnahme unterliegt.

Entsprechend groß war auch das Interesse an einem erstmalig ausgeschriebenen Postdoc-Programm der Max-Planck-Gesellschaft. "Die MPG hat über 1000 Bewerbungen aus dem Ausland erhalten. Gleiches gilt übrigens für die Ausschreibung für die Leitung von Max-Planck-Forschungsgruppen, die für Wissenschaftler als Karrieresprungbrett sehr attraktiv sind. Insbesondere die Bewerber aus dem asiatischen Raum scheinen sich umzuorientieren", so Christina Beck, Kommunikationsleiterin der Max-Planck-Gesellschaft gegenüber der DW.

Gerade die gut dotierten, langfristig angelegten Max-Planck-Forschungsgruppen seien für junge Wissenschaftler nach der Postdoc-Phase absolut attraktiv, so Beck. Und das gelte ausdrücklich auch für Forschende aus den USA.

 

Der Artikel wurde am 18. Dezember 2025 um die Zwischenbilanz des Bundesforschungsministerium ergänzt. 

Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit
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